Die Freaks sind immer da. Element of Crime

Vorsicht! Streng geheim!

Sie geben einfache Antworten auf komplizierte Fragen und komplizierte Antworten auf einfache Fragen. Sie funktionieren nach dem gleichen Muster wie die Erklärungsversuche unserer weit entfernten Vorfahren. Verschwörungstheorien sind die Mythen von heute.

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Seit Urzeiten sah sich der Mensch als kulturbegabtes Wesen getrieben, Erklärungen zu finden für die schier unendliche Zahl von Geschehnissen, Bedingungen und Phänomenen der ihn umgebenden Welt. Da entsprechende Kenntnisse zunächst nicht vorhanden waren, konnte kaum etwas in Bezug auf seine wirkliche Eigenschaften oder die darin wirkenden Kräfte in einem Sinne erklärt werden, den man heute als wissenschaftlich bezeichnen würde. Doch eine Erklärung musste her, denn nichts passiert ohne Grund, so viel war sicher, und dieser Grund wollte gefunden und erkannt werden. Mythen und Erzählungen von Göttern bedienten den Wunsch, das Unfassbare zu begreifen. Inzwischen hat die Wissenschaft erklären können, warum bei bestimmten Wetterlagen Blitze am Himmel zucken, und es hat sich herausgestellt, dass dafür kein bärtiger Mann verantwortlich ist, der in den Wolken sitzt und sie im Zorn herunterschleudert.

Der aktuelle Wissensstand ist nun allerdings derart umfangreich gefasst, dass kein Einzelner mehr alles überblicken oder verstehen kann. In Bezug auf diese zunehmende Komplexität unserer Welt hat sich eine neue Art der Mythenbildung manifestiert. Verschwörungstheorien sind selbstverständlich keine Theorien im wissenschaftlichen Sinne, auch wenn der Begriff manchmal als empirisch nicht nachprüfbare Systemtheorie erklärt und geadelt wird. Zutreffende, anstelle des Wortes Theorie zu verwendende Begriffe wären etwa Erzählung, Mythos oder auch Ideologie. Der Begriff Verschwörungstheorie hat sich allerdings durchgesetzt.

Nun wäre es ganz falsch, angesichts der ins Kraut schießenden fantastischen Erklärungen für die Weltläufe davon auszugehen, es gebe überhaupt keine Verschwörungen im Sinne einer Gruppe von Personen, die ein konkretes Ziel durch im Geheimen getroffene Absprachen erreichen wollen. Solche Verschwörungen sind real. Beschäftigt man sich ernsthaft mit solchen realen Verschwörungen, kann man von Verschwörungshypothesen sprechen. Im Unterschied zu Verschwörungstheorien werden hier jedoch empirische Erkenntnisse zur Korrektur oder Verifikation der Hypothese gesucht und angewendet, während Vertreter von Verschwörungstheorien von vornherein alle Evidenzen beiseitelassen, die der jeweiligen Theorie widersprechen, oder sogar, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, solche Widersprüche als besonders raffinierte Tarnung der Verschwörung durch die Verschwörer selbst ausgeben und auf diesem Wege in eine “Beweisführung” einfügen. Logik und Kohärenz sind nicht die Sache der Anhänger der Verschwörungsreligion bzw. werden dieser Sache radikal untergeordnet. Alles muss sich in das zu belegende Weltbild einfügen, und alles wird eingefügt: Fakten werden in nicht existierende Kausalzusammenhänge gesetzt, Zufälle werden überhaupt als nicht existent erklärt, der äußere Schein wird zum Beleg einer inneren Wahrheit. Die Verwendung von Fälschungen und Gerüchten ist opportun, wenn sie dem “Beweis” der Theorie dient.

Verschwörungstheorien erlauben einem, alles zu verstehen

Für jemanden, der ein auf einer Konspirationstheorie basierendes Erklärungsmuster akzeptiert, reduzieren sich widersprechende Wahrnehmungen oder Informationen, wodurch sich die Komplexität oder Unüberschaubarkeit eines Vorgangs verringern lässt. Durch vermeintliche Identifizierung, eigentlich durch Personifizierung der Verschwörer werden unübersichtliche Zusammenhänge auf klar überschaubare menschliche Beziehungsmuster reduziert: dort die Mächtigen und ihre Handlanger, hier die Ohnmächtigen, deren einzige Waffe die Aufdeckung der Verschwörung, also die Verbreitung der Verschwörungstheorie ist. Für das Individuum, das sich verloren fühlt in einer Welt, auf deren Machinationen es keinerlei Einfluss hat, kann eine solche dualistisch reduzierte Welterklärung in einer starken Entlastungsfunktion resultieren. “Die wunderbare Sache an einer Konspirationstheorie ist, dass sie einem erlaubt, alles perfekt zu verstehen”, sagt Michael Barkun, Professor Politischer Wissenschaften an der Universität Syracuse in New York. “Sie verrät dir, dass alles Böse in der Welt auf eine einzige Ursache zurückgeht, und diese Ursache sind SIE, wer immer das jeweils sein mag.”

Verschwörungstheorien geben einfache Antworten auf komplizierte Fragen und komplizierte Antworten auf einfache Fragen. Sie funktionieren nach dem gleichen Muster wie die Erklärungsversuche unserer weit entfernten Vorfahren. Ein jedes hat eine Ursache oder eben einen Schuldigen, den es zu finden gilt. Wie Schimpansen, die bei Blitz und Donner auf einen Hügel rennen und mit der Faust gen Himmel drohen, droht der von der Komplexität der Welt überforderte Zeitgenosse mit verbalem Getöse einem Gegner, den er als verborgen agierenden Konspiratoren imaginiert, der einen detaillierten und alles umfassenden Plan verfolgt, den er mit allen Mitteln und unter ständiger Täuschung der Öffentlichkeit umzusetzen sucht. Königinmutter solcher Theorien ist die Weltverschwörungstheorie, nach der demnächst alle Menschen Sklaven eines globalen Regierungssystems werden.

Das Flugblatt Internet

Verschwörungstheoretiker mit der Wirklichkeit in Form historischer, politischer oder sozialer Fakten zu konfrontieren führt kaum weiter. Der Wunsch nach Sinnstiftung und Welterklärung wird höher bewertet als jede rationale Einschätzung der Umstände. Dabei ist das Internet ein Vehikel, solcherart Sinnstiftung und Welterklärung vollkommen schrankenlos zu betreiben. Das Internet ist Flugblatt und Versammlungsort in einem. Hier kann auf ideale Weise alles mit allem verbunden werden, und alles wird zum Beleg für etwas anderes. Dabei lässt das Medium, das dem “Konspirationsgedanken” seine historisch größte Verbreitung verschafft, zugleich auch dessen Absurditäten am deutlichsten hervortreten, indem es jede Vermutung, Variante und Version einer Verschwörungstheorie jederzeit verfügbar hält und auch für kritische Einschätzungen zugänglich macht.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jamie Oliver, Bill Gates, David Cameron.

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