Deutschland ist sehr viel mehr Ost- als Westeuropa. Katja Riemann

Alle in einen Topf

Gerne wird von „den Muslimen“ gesprochen – von solchen Pauschalisierungen profitieren aber nur die Rechten und die Islamverbände.

„Eine Beleidigung für 1,6 Milliarden Muslime auf der Welt“ seien die Karikaturen von „Charlie Hebdo“, so ließ Hisham Maizar, Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (FIDS) verlauten – und viele seiner Kollegen, sowie Journalisten und Politiker auch in anderen Ländern, sprachen sich ganz ähnlich aus.

Fragwürdige Zahlenspiele

An diesem Satz irritiert zunächst schon mal die Sicherheit, mit der hier ein Einzelner auftritt, als sei er berechtigt, für über ein Fünftel der Menschheit sprechen zu dürfen. Woher weiß er eigentlich, dass die sich alle beleidigt fühlen? Und wie kommt diese immer wieder genannte Zahl zustande, wenn es um angeblich „DIE Muslime weltweit“ beleidigende Inhalte geht?

Letzterem scheint eine recht simple Rechnung zugrunde zu liegen: Man nehme alle Bewohnerinnen und Bewohner islamischer Länder und addiere dazu die Mitglieder „muslimischer“ Minderheiten in mehrheitlich nicht muslimischen Ländern. Will man ganz besonders akkurat sein, subtrahiert man am Ende noch die Mitglieder religiöser Minderheiten in islamischen Ländern – voilà!

Immer wenn die Anzahl der Muslime einzelner Länder wie eine vermeintliche Gewissheit in die Debatte geworfen wird, so handelt es sich letztendlich ganz pauschal um alle Menschen, die selbst oder deren Vorfahren aus einem mehrheitlich islamischen Land stammen, es sei denn, sie deklarieren sich dezidiert zu einer nichtmuslimischen Minderheit. So fragt die österreichische Tageszeitung „Die Presse“: „Wer sind die rund 500.000 Muslime [in Österreich]?“, und unter dem Titel „Fakten zu Muslimen“ heißt es im WDR: „Weniger als fünf Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind Muslime, nämlich zwischen 3,8 und 4,3 Millionen“.

Agnostiker und Atheisten, so scheint es, sind in all diesen Rechnungen nicht vorgesehen. Vielmehr wird implizit vorausgesetzt, dass nicht nur alle Genannten gläubig sind, sondern zudem auch noch ihren Glauben als primäre Identität, als DAS Merkmal ihrer Person vor sich hertragen und sich dementsprechend mit dem Begriff „Muslim“ angesprochen fühlen.

Todesstrafe für die Abwendung vom Islam

Nun gaben aber bei einer Gallup-Umfrage im Jahr 2012 in Saudi-Arabien 19 Prozent der Befragten an, nicht religiös zu sein, weitere fünf Prozent bezeichneten sich gar als Atheisten. Und eine Umfrage der Al-Azhar-Universität in Kairo kam im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, dass 12,3 Prozent der Ägypter Atheisten sind. Zwar sind solche Umfragen in islamischen Ländern mit Vorsicht zu genießen, denn ein offenes Bekenntnis zum Nichtglauben kann in den meisten von ihnen tödliche Folgen haben.

In Saudi-Arabien etwa steht auf Apostasie die Todesstrafe, aber auch in Ägypten ist es kaum gefahrlos möglich, sich offen als Atheist zu erkennen zu geben. Dementsprechend werden die genannten Zahlen kaum als repräsentativ gelten können. Aber gehen wir einmal von ihrer Richtigkeit aus: Dann hieße das, dass allein wegen dieser beiden Länder (in denen zusammen nur 110 Millionen „Muslime“ leben) bereits 20 Millionen von den 1,6 Milliarden abgezogen werden müssten. Und das wären nur die Nichtgläubigen. Diejenigen, die zwar „von Geburt Muslime“ sind, aber mit der Religion nicht viel mehr am Hut haben als die meisten Christen in Europa, sind kaum zu erfassen.

Wir haben uns angewöhnt, als primäre Identität von Menschen deren Religion zu benennen – jedenfalls dann, wenn es sich bei der Religion um den Islam handelt. Während man in Europa noch vor 15 Jahren von Arabern und Türken oder schlicht von Ausländern sprach, werden heute alle Menschen mit türkischem oder arabischem Familienhintergrund als Muslime bezeichnet. In der öffentlichen Wahrnehmung wurden, wie Deniz Yücel kürzlich in seiner Kolumne in der „taz“ schrieb, „Türken zu Muslimen und Ausländer zu Andersgläubigen“. In beiden Fällen wird der Identität „Muslim“ nichts auf gleicher Ebene gegenübergestellt, denn die Anderen sind nicht die Christen, sondern die Deutschen, die Europäer oder die Abendländler.

Kollektivistisches Weltbild hilft nur denen, die sich „vom schlechten Rest“ abheben wollen

Seit dem 11. September 2001 ist eine zunehmende Religionisierung der Debatte zu beobachten, die bisweilen skurrile Blüten treibt. Etwa wenn ein befreundeter Berliner Blogger mit türkischem Namen als „muslimischer Blogger“ bezeichnet wird, obwohl er nie zu religiösen Themen geschrieben hat. Vermutlich käme niemand auf die Idee, mich zum christlichen Kolumnisten zu erklären. Warum auch? Oder wenn Georges Tamer zum muslimischen Philosophen gemacht wird. Zwar beschäftigt er sich mit islamischer Philosophie, entstammt aber, was unschwer an seinem Namen erkennbar wäre, einer christlich-libanesischen Familie.

Ob Politiker, Journalisten oder die meisten anderen Teilnehmer dieser öffentlichen Debatte – sie alle reden generalisierend von „Muslimen“, wenn sie Menschen mit islamischem Familienhintergrund meinen. „Muslime“ ist das neue Synonym für „die Anderen“ oder – je nach eigenem Standpunkt – für „die Eigenen“. Zwei Gruppen haben Interesse an dieser klaren Grenzziehung: die Rechten, ob nun PEGIDA, LEGIDA, XXGIDA, FPÖ oder FN (für die „Muslime“ die neuen „Ausländer“ sind, die man loswerden möchte), und die Islamverbände, die für all jene die Zugehörigkeit zu der von ihnen vertretenen Eigengruppe reklamieren, die nach ihrer Vorstellung als „Muslime“ geboren wurden.

Für beide geht es um Gruppenidentität, um Abgrenzung, um ein kollektivistisches Weltbild, das deutlich zwischen der höher stehenden Eigengruppe und dem schlechten Rest unterscheidet. Beiden geht es um Zahlen. Die einen warnen uns vor der Menge der „Muslime“, die dabei sei, uns zu überrollen, uns zu „islamisieren“; die anderen werden nicht müde, uns bei jeder Mohammed-Karikatur unter die Nase zu reiben, dass gerade wieder 1,6 Milliarden Menschen beleidigt wurden, oder, um es ins Lokale zu wenden, um uns weiszumachen, dass sie soundso viele Muslime in Deutschland, Österreich oder sonst wo vertreten. Für die einen stehen „alle Muslime“ unter Generalverdacht; für die anderen haben „alle Muslime“ dieselben bestimmten Befindlichkeiten und Bedürfnisse, die zu achten seien.

„Wer also Arschgeige sein will – bitte sehr!“

Jedes Mal, wenn Journalisten oder Politiker pauschal von „Muslimen“ schreiben oder sprechen, werden diese Gruppengrenzen und die hinter ihnen stehenden Weltbilder bestätigt. Die Religionisierung einer Gruppe von Menschen, ihre Muslimifizierung, betreibt letztlich das Geschäft derer, die in Kollektiven denken und Abgrenzung und Spaltung anhand religiöser Grenzen betreiben.

Deniz Yücel schreibt über seine „deutsch-türkischen Freunde“ in Berlin, sie seien keine „säkularen Muslime“ (man fragt sich ohnehin, was das eigentlich sein soll), sie seien auch keine Aleviten, „jedenfalls nicht im religiösen Sinn“. „Sie sind Atheisten, Agnostiker oder glauben an eine Form von Transzendenz, ohne sich als Muslime zu begreifen. Zu Muslimen werden sie allenfalls, wenn irgendwelche Arschgeigen danach fragen.“ Wer also Arschgeige sein will – bitte sehr! Alle anderen sollten dann – und nur dann! – von Muslimen reden, wenn es tatsächlich um die Belange religiöser Menschen geht. Allen anderen sollte man tunlichst jene Identitäten lassen, die sie sich selbst wählen, anstatt sie ungefragt und unerbeten mit der Superidentität „Muslim“ auszustatten.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heiko Heinisch: Debatte geht anders

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