Die Generation Y ist überhaupt nicht faul. Kerstin Bund

Der „Judenknacks“ des Islam

Der politische Islam ist in großen Teilen antisemitisch. Niemandem ist geholfen, wenn das ständig bestritten wird – schon gar nicht den betroffenen Juden.

Hinweis: Der Artikel ist drei Tage vor den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ und den jüdischen Supermarkt in Paris geschrieben worden und hat vor allem durch letzteren an trauriger Aktualität gewonnen.

Für diesen Text werde ich nicht ausgepeitscht werden. Raif Badawi erhält in Saudi-Arabien 1000 Peitschenhiebe und 10 Jahre Gefängnis für das Schreiben eines Blogs.

Jüdische Schulen und Synagogen in Europa stehen unter Polizeischutz, die wichtigsten und größten gleichen von außen Hochsicherheitstrakten; ohne Sicherheitskontrolle gibt es keinen Einlass. Kein jüdisches Kultur- oder Filmfest kommt mehr ohne Sicherheitspersonal aus. Dennoch häufen sich die Angriffe auf Juden und jüdische Einrichtungen in Europa, von Beschimpfungen, Anspucken und Tätlichkeiten auf offener Straße bis hin zu Überfällen und Mordanschlägen.

Während des letzten Gazakrieges kam es in vielen europäischen Städten zu judenfeindlichen Demonstrationen mit lange nicht gehörten Parolen – bis hin zu „Juden ins Gas!“. Aus Frankreich aber auch aus Schweden wandern immer mehr Juden aus. Sie flüchten nach Israel, in die USA oder nach Kanada. 50 Prozent der gemeldeten rassistischen Übergriffe in Frankreich richteten sich im vergangenen Jahr gegen Juden, obwohl diese weniger als ein Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Antisemitische Hetze gehört in vielen arabischen Medien zum Umgangston

In der Ausgabe der österreichischen Tageszeitung „Kurier“ heißt es: „Was als Antisemitismus in Frankreich registriert wird, kommt nicht aus dem rechten Eck“, bei den Tätern handelt es sich fast ausschließlich um muslimische Jugendliche – und ja: Das hat etwas mit dem Islam zu tun. Zwar sind nicht alle Menschen mit islamischem Familienhintergrund antisemitisch, vielleicht sogar nur eine Minderheit, aber der Islam, wie er sich heute in seiner Hauptströmung international präsentiert, der ist antisemitisch.

Die großen und bekannten islamischen Organisationen sind antisemitisch, die Muslimbruderschaft ebenso wie Millî Görüş und ihre diversen europäischen Ableger. Antisemitismus findet sich in saudischen Schulbüchern, die zum Teil auch an islamischen Schulen in Europa Verwendung finden. Antisemitische Pamphlete wie Hitlers „Mein Kampf“, „Die Protokolle der Weisen von Zion“ oder Henry Fords „The International Jew: The World’s Foremost Problem“ gehören nach wie vor zu Bestsellern in der arabischen Welt. Der ehemalige Großscheich der Al-Azhar-Universität in Kairo, der 2010 verstorbene Muhammad Sayyid Tantawi, ist Autor eines Buches mit dem Titel „Das Volk Israel im Koran und in der Sunna“, in dem er den Nahostkonflikt aus religiöser Perspektive behandelt.

Im Kapitel „Das jüdische Unheilstiften auf Erden“ kombiniert er alle gängigen Stereotypen der islamischen Judenfeindschaft mit denen des christlichen sowie des modernen Antisemitismus. Die mittelalterliche Ritualmordlegende wird um muslimische Opfer erweitert. Im Jahr 2003 hatte der langjährige Premierminister von Malaysia, Mahathir bin Mohamad, die Jahrestagung der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) vor 2200 Journalisten aus aller Welt mit seinen Vorstellungen von der „jüdischen Weltverschwörung“ eröffnet: „Die Juden beherrschen heute mittels ihrer Strohmänner diese Welt. Sie lassen andere für sich kämpfen und sterben.“ Am Ende seiner „Ausführungen“ erhielt er Standing Ovations. Grob antisemitische Hetze gehört in vielen arabischen Medien zum selbstverständlichen Umgangston und wird auch in Europa konsumiert.

Das Klima ist vergiftet

Beteuerungen, das habe alles nichts mit dem Islam zu tun, helfen niemandem, schon gar nicht den betroffenen Juden. Es geht nicht um einen idealen Islam, wie er in der Vorstellung vieler gläubiger Muslime existieren mag und von diesen auch gelebt wird, einen Islam des Friedens und der Toleranz, sondern um jenen Islam, der heute auf der ganzen Welt am sichtbarsten in Erscheinung tritt, weil seine Proponenten am aggressivsten für ihre Sache werben – es geht um den politischen Islam, wie er auch von vielen islamischen Organisationen in Europa vertreten wird. Und dieser Islam ist antisemitisch. Er vergiftet das Klima in Europa ebenso wie die diversen rechten und rechtspopulistischen Parteien.

2012 haben Nina Scholz und ich in unserem Buch „Europa, Menschenrechte und Islam“ am Ende des Kapitels Judenfeindschaft geschrieben:

Die Tatsache, dass Migrantinnen und Migranten gegenüber Juden und zum Teil auch gegenüber anderen Minderheiten (Roma, Homosexuelle) dasselbe diskriminierende Verhalten an den Tag legen, dem sie selbst häufig ausgesetzt sind, mag für manche eine verstörende Erkenntnis sein, die fest gefasste Weltbilder und Überzeugungen ins Wanken bringt. Das sollte jedoch nicht dazu führen, Antisemitismus in islamischen Communities zu verschweigen oder gar zu rechtfertigen, dieser bedarf vielmehr einer ebenso entschiedenen Absage wie der Antisemitismus des rechtsextremen Milieus. […] Der alte Spruch ‚Wehret den Anfängen‘ ist weiter gültig – auch gegenüber islamischer Judenfeindschaft.

Das scheint heute noch aktueller als vor drei Jahren.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Heiko Heinisch: Debatte geht anders

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