Nur weil in einer Herde von Schafen eines schwarz ist, ist nicht gleich die ganze Herde schwarz. Bernd Heinrich Graf

Freiheit lässt sich nicht abschlachten

Das jüngste Attentat ist in seinem Ausmaß außergewöhnlich, seiner Struktur nach aber keineswegs neu. Derart viele Solidaritätsbekundungen hätte man sich früher schon gewünscht.

Die Bedeutung, die ganz persönliche Bedeutung eines Terroranschlags lässt sich daran ermessen, dass man stets wissen wird, wo man war, was man tat, als man davon erfuhr. Das liegt daran, dass man sich selbst bis ins Mark getroffen fühlt. Auf diese Weise funktioniert Terror, und so schmerzhaft es auch sein mag, das zuzugeben, das macht ihn effektiv. Der barbarische Mord an neun Redaktionsmitgliedern des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ sowie dem Hausmeister und zwei Polizisten ist ein Ereignis, das uns so schnell nicht loslassen wird, eben weil es uns ganz persönlich betrifft.

Als mich am gestrigen Vormittag die ersten Nachrichten über ein Attentat mit mehreren Verletzten bei einem Kunden-Termin in Dortmund erreichten, war ich ein wenig schockiert, aber keineswegs sonderlich überrascht. Trauriges Anzeichen, dass wir uns längst daran gewöhnt haben, mit der Gegenwart des Terrors zu leben. Dann überschlug sich alles. Zehn Tote, elf Tote, zwölf Tote. Bilder und Videos, die uns in einer Unmittelbarkeit am Grauen teilnehmen lassen, die kaum zu ertragen ist.

Seit über 40 Jahren habe ich Freunde in Frankreich, meine ersten verunsicherten Gedanken beschäftigten sich mit ihnen. Dann beginnt man langsam, das menschliche wie auch das symbolische Ausmaß der Morde zu begreifen. Zwölf Menschen, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen, denn als Zeichner und Publizisten ihr Recht auf Meinungsfreiheit in Anspruch zu nehmen und dafür zu streiten – bestialisch hingerichtet. Das Attentat auf „Charlie Hebdo“ ist ein Angriff auf die universellen Werte der Aufklärung.

Mit dem Begreifen überlagerten in mir Erschütterung und Wut die Verunsicherung. Als Liberaler, als Publizist, als Mensch, der sich dem Nachbarland so lange schon eng verbunden fühlt, nehme ich den Anschlag auch als Anschlag auf mich, meine Überzeugungen, meinen Lebensstil.

Wut nicht verdrängen

Der geschätzte Kollege Christoph Giesa schrieb in einer ersten Reaktion auf das Attentat: „Ich für meinen Teil nehme mir zumindest heute die Zeit, einfach traurig zu sein und mit den Angehörigen der Opfer zu leiden.“ Sollte ihm wirklich gelingen, „nur traurig“ zumute zu sein, kann man ihm dazu nur gratulieren. Mir scheint es unmöglich, sich derart zu beherrschen und nun, da die ersten Tatverdächtigen gefasst sind, erwische ich mich mehrfach bei Fantasien, es den Mördern mit gleicher Münze heimzuzahlen. Ich glaube, das ist nur menschlich. Derartige natürliche Wut, die sich auf den Straßen Frankreichs ebenso Luft macht wie verschiedentlich in den sozialen Netzwerken und den Onlineforen zahlreicher Zeitungen, verlangt danach, kanalisiert und nicht verdrängt zu werden.

Wirklich gefreut habe ich mich daher über den Gefühlausbruch des Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, der erklärte, es gebe „in keiner Religion und keiner Weltanschauung auch nur einen Bruchteil einer Rechtfertigung für solche Taten“, und die Attentäter müssten „zur Strecke gebracht“ werden. Die Erfahrung des gestrigen Tags, dass auch viele Muslime meine Fassungslosigkeit und meine Wut teilen, macht angesichts der Dimensionen des Geschehenen ein wenig Hoffnung.

In nachdenklicheren Minuten hat der überwältigende Sturm an Solidaritätsbekundungen allerdings auch einen faden Beigeschmack. Wenn deutsche Presseorgane mit „Je suis Charlie Hebdo“ aufmachen, werde ich an Zeiten erinnert, in denen es keineswegs so unumstritten war, dass die Meinungsfreiheit gegen die beleidigten Gefühle religiöser Gruppierungen immer und in jedem Falle zu verteidigen sei.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass Journalisten, die sich heute glücklicherweise ganz hinter das französische Satiremagazin stellen, die dänische „Jyllands Posten“ der Provokation zeihten. Dass dem Karikaturisten Kurt Westergaard, Schöpfer des berühmten Mohammed mit Turbanbombe, eine Mitschuld an Ausschreitungen der sogenannten „Arabischen Straße“ zugewiesen wurde. Auch aus nicht wenigen Auseinandersetzungen mit der Ermordung des Regisseurs Theo van Gogh troff jene klammheimliche Freude, die schon der Göttinger Mescalero einst angesichts des Mordes der RAF an Buback nicht verhehlen wollte.

Ein Lichtblick

Islamistischer Terror will den Westen dort verwunden, wo es am meisten weh tut. Das jüngste Attentat ist in seinem Ausmaß außergewöhnlich, seiner Struktur nach aber keineswegs neu. Zu lange wurden davor die Augen verschlossen. Das ZDF etwa lud 2010 aus Angst vor Unruhen Westergaard von einem bereits zugesagten Interview bei Markus Lanz kurzerhand aus, und beraumte den Auftritt erst unter massivem Druck wieder an. Und ähnlich feige reagiert das Gros der westlichen Öffentlichkeit bereits 1989, als die Fatwa Khomeinis den Schriftsteller Salman Rushdie mit dem Tode bedrohte und über Jahre in den Untergrund zwang.

Zumindest unglücklich finde ich es in diesem Zusammenhang, dass man auch jetzt in Berichten wieder von Angriffen auf das „islamkritische“ Satiremagazin „Charlie Hebdo“ lesen muss. Ein wenig „selbst schuld“ schwingt da unwillkürlich mit. Zwar wurde nach bisherigem Stand der Ermittlungen der Anschlag von Islamisten verübt, Charlie Hebdo allerdings ist kein dezidiert „islamkritisches Satiremagazin“, sondern einfach ein Satiremagazin, das gegen François Hollande, Nicolas Sarkozy, den Front National und den Vatikan ebenso schießt wie gegen den radikalen Islam.

Dass es eine breite, empathische und von ehrlichen Emotionen getragene Solidaritätsbewegung mit „Charlie Hebdo“ und den Angehörigen der Opfer gibt, macht es überhaupt möglich, nach vorne zu blicken. Doch ist es eben auch wichtig, zurückzuschauen und die Tat in ihren Zusammenhängen zu sehen. Nur so kann es gelingen, sich vom Terrorismus nicht mürbe machen zu lassen und unsere ganz persönliche Betroffenheit, und auch die Wut, die unvermeidlich ist, in einer Weise produktiv werden zu lassen, die den scheinbaren Erfolg der Attentäter zunichte macht.

In diesem Sinne ist es ermutigend, dass diesmal auch Presseorgane, die sich an die Karikaturen der „Jyllands Posten“ nicht herangetraut haben, trotzig Motive von „Charlie Hebdo“ veröffentlichen, und dass sich Zeichner auf der ganzen Welt herausgefordert fühlen, solidarische Karikaturen zu verbreiten. All das macht den Tod der Ermordeten nicht rückgängig, deren Freunden und Angehörigen mein ganzes Mitgefühl gilt. Aber es zeigt, dass der Terror nicht siegen kann. Das Ideal der Freiheit lässt sich nicht einfach abschlachten. Ein Lichtblick in diesen schweren Stunden.

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