Jeder Mensch wird als Aktivist geboren, doch nicht jeder handelt auch als ein solcher. Kasha Jacqueline Nabagesera

Lügen fürs Leben

Über Geld und Wert. Ein bürgerliches Trauerspiel.

Akt I Aus dem Theater

Die Stücke des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen kreisen um die Lebenslügen des Bürgertums. Jeder seiner Protagonisten hat eine, und die großen Konflikte der Ibsen’schen Stücke entfalten sich aus der Verdrängungsarbeit, die notwendig ist, um die Lebenslüge als solche nicht zu entlarven. Dennoch rät in Ibsens bekanntestem Werk, „Die Wildente“, der Arzt Dr. Relling dem Realisten und Aufklärer des Stücks, Gregers, den in einem wahren Lügengespinst lebenden Hjalmar nicht mit seinen Widersprüchen zu konfrontieren.

Der schwache Mensch brauche seine Lebenslüge, sonst gehe er zugrunde. In einzelnen Bereichen des Privaten mag das eine zutreffende Diagnose eines kranken Verhältnisses zu einer aus den Fugen geratenen Welt sein. Doch alles hat seine Grenzen. Wo sich die Lebenslüge verallgemeinert, wo sie das Zusammenleben aller bestimmt, wo gar Begünstigte auftreten, die aus den uneingestandenen und verdrängten Fehlern der Einzelnen ihren Vorteil ziehen, ist Aufklärung das Gebot der Stunde. Und bei näherem Hinblick ist das auch ganz im Sinne Ibsens, der, indem er Hjalmar den Schrecken vor seinem verlogenen Leben ersparen lässt, den Leser und Zuschauer umso schärfer konfrontiert. Und natürlich bleibt auch dem Stück als Ganzen die Katastrophe nicht erspart.

Akt II Geld als Mittel, Geld als Zweck?

Die Lebenslüge des modernen Menschen oszilliert zwischen zwei Extremen. Dabei dreht sich alles ums Geld. Einerseits handeln die Menschen, als mache das Geld im Grunde ganz alleine den Menschen aus. Andererseits führt man gern die Behauptung im Munde, Geld sei für den Wert des Menschen gänzlich unbedeutend. Menschsein im Europa des 21. Jahrhunderts, das heißt, so scheint es: die Augen vor der Realität verschließen und dem widersprüchlichen Verhältnis zum Gelde zum Trotz im Geld sein Glück suchen.

Über Geld spricht man, und spricht doch nicht darüber. Denn regelmäßig übergangen wird, dass Geld im Grunde nichts als ein Mittel ist. Ein „Zahlungsmittel“ eben. Mittels des Geldes, das dem Menschen als Entlohnung für die Arbeitsleistung oder als staatliche Transferleistung gezahlt wird, erwirbt dieser die Möglichkeit, Waren und Dienstleistungen zu erstehen. Über das Geld vermittelt ist also Konsum und Bedürfnisbefriedigung möglich. Und das ist schon alles, die ganze Magie des Geldes.

Stattdessen wird das Geld selbst zum Zweck an sich verklärt. Getrieben von dem durch wirtschaftlich erfolgreiche Vorbilder befeuerten Kurzschluss, dass Reichtum selbst den Wert des Individuums ausmache, wird das Geld zum Fetisch, dem es unbedingt zu huldigen gilt. Indes: Auch die Verachtung des Geldes, der Hass auf Banken und Kapital sind nicht mehr als die Kehrseite dieses Kultus vom Geld. In beiden Fällen, in der Vergottung wie in der Verteufelung, ist Geld Zweck und oberstes Prinzip, beide unterlassen es, auf die ursprüngliche Funktion des Geldes als Mittel zu reflektieren.

Geld als Mittel verstehen, das hieße, in Relationen denken, und sich die Beziehung von Mittel und Zweck bewusst zu machen. So ließe sich ein Verhältnis zur über Geld vermittelten Welt erlangen. Wo diese Reflexion dagegen ausfällt, schwebt Geld als Götze unvermittelt über allem, losgelöst von Leistungen und Bemühungen der Menschen.

Akt III „Es“ sind die Andren

Ein solch beinahe schizophren zu nennendes Verhältnis zum Geld ist heutzutage einem Gros der menschlichen Individuen zu eigen. Und wie im Verlauf der Schuldenkrise allzu deutlich wurde, hat dies gesamtgesellschaftlich weitreichende Folgen. Eine schwer zu fassende Melange aus affektierter Ablehnung von allem, was mit dem Erarbeiten und Investieren sowie dem Vermehren von Geld zu tun hat, einerseits, und einem geradezu trotzigen Beharren auf den eigenen „geldwerten“ Ansprüchen andererseits bestimmen den öffentlichen Diskurs. Geld, Banken, Spekulanten seien die Wurzel allen Übels, ein gefülltes Sparkonto, günstige Kredite, und das tägliche Auskommen seien ein Menschenrecht. So lässt sich der Tenor wutbürgerlicher Proteste und Kritiken im Angesicht der Krise zusammenfassen.

Da ist es wieder: das Verschließen der Augen vor der Realität. Denn der Grund der Krise ist ja, wenn auch vereinfacht, gut zu benennen: es wurde über eine sehr lange Zeit mehr Geld ausgegeben als eingenommen Das sich genau daran etwas ändern muss, das ist absolut richtig.
Jeglicher Veränderung steht aber die zeitgenössische Lebenslüge, nach der sich der Wert des Menschen einerseits im Geld finde, Geld andererseits jedoch etwas sei, über das man nicht spreche, im Weg. Statt tatsächlich über das Verhältnis zum Geld im Ganzen zu reden, wird die Krise dann an Popanzen exorziert, in denen reale Missstände mit den eigenen Unzulänglichkeiten verschmelzen.

Es findet jeder sein Feindbild: Der „Bild“-Leser schimpft auf die faulen Südeuropäer, der Kleinbürger lässt seinem Furor gegen das „leicht verdiente“ Geld der Banker und Spekulanten freien Lauf, das Spießbürgertum identifiziert Politiker als leistungsunwillige Parasiten und die politische Klasse beschimpft sich gegenseitig. Dass eine allgemeine Krise Ausdruck eines allgemeinen Bewusstseins sein könnte, das lässt der Einzelne nicht an sich heran. Ungeheure Verdrängungsleistungen werden aufgewandt, um das eigene Anspruchsdenken, die Überzeugung, dass mein Geld, mein „Wert“, mir qua Mensch-sein zustehe, aufrechtzuerhalten. Nur die Ansprüche der anderen jeweils können es sein, die das Fortbestehen des Systems gefährden. Die eigenen Ansprüche, das verlangt unabhängig von jeder Reflexion das eigene Selbstbild, müssen gerechtfertigt sein.

Die Krise hat den Selbstwiderspruch eines manisch ums Geld kreisenden Denkens zutage gefördert, doch die Energie, die es benötigte, diesen Widerspruch zu begreifen, und seinen Bann zu brechen, wird stattdessen aufgewandt, um im unmündigen Zustand des Anspruchsdenkens zu verharren und Verantwortung abzuwälzen.

Akt IV Deus Ex Machina? Der Staat tritt auf

In einer Demokratie, in der es für die Herrschenden unerlässlich ist, sich den Zuspruch der Mehrheit zu sichern, kann ein solch realitätsfernes kollektives Anspruchsdenken nicht ohne Folgen bleiben. Im Zweifelsfall werden stets Zahlungen versprochen, Geld verteilt, Geschenke gemacht werden. Hypotheken auf die Zukunft werden aufgenommen, die eigentlich anzugehenden unangenehmen Probleme werden verschoben. Die Frage, ob das Mittel Geld den idealen Zwecken eigentlich adäquat ist, ja, wie das Mittel überhaupt, und in Zukunft weiter zu beschaffen ist, stellt sich dann eben nicht, wenn das Geld zum unmittelbaren Zweck wird.

Keiner möchte zu kurz kommen, ein jeder hält die Hand auf. Und warum auch nicht? Scheint doch der Staat, analog zu der verbreiteten verzerrten Wahrnehmung dessen, was Geld ist, jederzeit fähig, Geld aus dem Nichts zu erschaffen.

Mit einem Anteil von mehr als einem Drittel des Haushaltsbudgets macht der Posten Arbeit und Soziales einen Großteil der deutschen Haushaltsausgaben aus. Das lässt tief blicken. Doch stehen diesem Posten, der gerne angeführt wird, wenn es daran geht, auf interessierte Weise gegen den Sozialstaat zu hetzen, natürlich auch Rettungspakete für Banken und Staaten, Subventionen nicht rentabler Industriezweige und ein gut alimentierter Beamtenapparat gegenüber.

Die Mentalität bedingungslos zu fordern, ist allgegenwärtig. Es zählt das Erreichte, nicht der Weg. Topmanager, denen ihre Position und ihr Millionengehalt nicht ausreicht, weil sie im Vergleich mit einem Konkurrenten noch nicht gut genug dastehen, die daraufhin vielleicht unverantwortliche Risiken eingehen, und sich und andere leichtfertig ruinieren, sind ihr ebenso verfallen wie der Mittellose, der es für eine Selbstverständlichkeit hält, dass der Staat ihm noch den neuen HD-Flachbildfernseher bezahlt. Echten Selbstwert werden so beide kaum finden.

Nun wäre es wohlfeil, all die Genannten sogleich als Hauptgrund und Verursacher der Krise auszumachen. Doch es wäre ebenso falsch. Die Verdrängung der Realität und die diese begünstigende Politik bedingen sich gegenseitig. Die Verdrängung der Realität, kann man sogar sagen, ist zum Primat der Politik geworden. Das politische System des Subventions- und Wohlfahrtstaates wirtschaftet schon viel zu lange in einer Weise, die zum Zweck des Machterhalts darauf ausgerichtet ist, die Bedürfnisse nach Sicherheit und finanzieller Unterstützung zu befriedigen, sodass die Frage, ob der Wohlfahrtsstaat den unmündigen Bürger oder jener den Wohlfahrtsstaat hervorgebracht habe, müßig ist zu beantworten.

Akt V Alles Theater? Katharsis

Das bürgerliche Trauerspiel, das sich vor unseren Augen entfaltet, treibt wie die Stücke Ibsens ins Verhängnis, und die Protagonisten wenden weiterhin all ihre Kräfte zur Verdrängung der Lebenslügen auf. Der Mensch erscheint als Getriebener, dem dabei geholfen werden muss, das falsche Selbstbild zu bewahren, weil er sonst erst recht zerbreche. Es lohnt, aus diesem Zusammenhang herauszutreten, um für einen Moment Zuschauer zu werden. Vor den anderen, die das Spiel blind weiterspielen, zu erschrecken, kann ein Schlaglicht auf die eigene Verdrängungsleistung werfen. Müssen wir so sein wie die, deren trauriges Weiterwursteln uns auf der Bühne so plastisch vor Augen gestellt wird? Folgt der Wert des Menschen wirklich aus dem Geld? Oder folgt nicht vielmehr das Geld dem Wert? Muss dem Menschen geholfen werden? Oder sollten wir nicht eher zu uns selbst und zu anderen sagen: „Du kannst etwas aus eigener Kraft“? Kann es erstrebenswert sein, ein Leben zu bewahren, das um eine Lüge aufgebaut ist? Sicher nicht. Die Protagonisten auf dem Theater sind wir. Und wir müssen umdenken.

Die Kräfte, die darauf aufgewandt werden, die Vergangenheit zu verdrängen, und die Probleme der Gegenwart auf die Zukunft zu verschieben, wären doch weit besser darauf verwandt, den Verhängniszusammenhang zu durchbrechen, mit der Lebenslüge aufzuräumen, um so eine lebbare Zukunft zu gestalten.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Hasso Mansfeld: Die grüne Glyphosat-Lüge

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