Von einer Sicherheitspolitik kann in Europa keine Rede sein. Tilman Brück

Alles Opfer

Wir leben in einer Opferkultur, in einer Kultur der absoluten und bedingungslosen Empathie mit Schwächeren. Die Menschen werden entmündigt und systematisch ihrer Hoffnung beraubt.

„Halt. Halt. Es ist möglich, uns selbst die Schuld zu geben. Aber es ist noch viel einfacher, Apu die Schuld zu geben.“ Diese Weisheit verkündete einmal Homer. Nein, nicht der große griechische Epiker, sondern Homer Simpson, der damit die Wut seiner Männerriege über deren eigene Fehler auf seinen Film-Freund Apu Nahasapeemapetilon ablenkt. Wie so oft haben hier die Autoren der Simpsons ihren Finger am Puls der Zeit, denn heute ist es mehr denn je Mode geworden, Verantwortung abzugeben und sich als Opfer zu inszenieren. „Kapitalismus“, „Imperialismus“, „Patriarchat“, „Schönheitsindustrie“: Jede Opfergruppe findet ein passendes Täterkollektiv.

Daran wurde ich die Tage in meiner Funktion als Kandidat der FDP für das Europaparlament wieder einmal erinnert. Der Sozialverband Deutschland e.V. (SoVD) ließ mir seine sogenannten Wahlprüfsteine zukommen, einen Katalog mit Suggestivfragen wie etwa der folgenden: „Werden Sie sich dafür einsetzen, dass die 5. Antidiskriminierungsrichtlinie endlich verabschiedet wird …?“. Nun, das werde ich natürlich nicht tun. Und zwar nicht, weil ich Diskriminierung toll finde, sondern weil im heute gängigen Verständnis von Diskriminierung reale und eingebildete, selbst- und unverschuldete Nachteile derart in einen Topf geworfen werden, dass am Ende nur noch ein geschmackloser Brei allgegenwärtiger gefühlter Diskriminierung herauskommt.

Ohne Solidarität wäre die moderne Zivilisation undenkbar

Auch gelten Unterschiede, die sich eben aus den verschiedenen Anlagen oder Lebensentscheidungen einzelner Menschen ergeben, schnell als Nachweise von Diskriminierung. Laut Homepage gehören zu den Kernaufgaben des SoVD „Rente, Gesundheit, Pflege, Behinderung, Frauen und Hartz IV“. Gemein ist diesen Feldern nur, dass man mit ihnen typischerweise gerne Bedürftigkeit assoziiert, Schwäche, Opferrollen eben. Der Begriff „Opfer“ hat in unserer Kultur eine beispiellose Inflation durchgemacht, am Ende werden darunter besonders die wahrhaft Bedürftigen zu leiden haben. Denn deren besondere Bedürftigkeit droht in der großen Flut der Opfergruppen komplett unterzugehen.

Zivilisatorisch ist es eine elementare Errungenschaft, dass wir menschliches Leben nicht mehr als Kampf aller gegen alle begreifen, sondern auf die Schwächeren in unserer Gesellschaft achten und ihnen unter die Arme greifen. Das christliche Ideal der Nächstenliebe, die bürgerliche Garantie des Rechts nach Glück zu streben, und auch die Idee des Sozialstaats, der um des funktionierenden Zusammenlebens willen unverschuldete Not abzufedern hilft, sind wichtige Eckpunkte einer langfristig stabilen Gesellschaftsordnung, die sich bewährt hat. Dem Mitmenschen Gutes zu tun, jenen unter die Arme zu greifen, mit denen es das Schicksal nicht gut gemeint hat, das sind tatsächlich des Menschen edelste Eigenschaften. Ohne die gelebte Solidarität, die ‚Nächstenliebe‘, wäre die moderne Zivilisation undenkbar. Erst das Wissen, dass ein jeder von uns im Ernstfall nicht alleine ist, erlaubt es planend vorauszuschauen, statt nur die je am nächsten liegenden Dinge zu betrachten.

Doch haben die von Wohlstand und Wachstum geprägten Nachkriegsjahrzehnte dazu geführt, dass wir im Verständnis davon, wer sich Opfer nennen darf, jedes Maß verloren haben. Mittlerweile gelten Blicke und anzügliche Sprüche gleichermaßen als Gewalterfahrung wie etwa Schläge. Die Tatsache, dass meine Figur nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht, soll beinahe ebenso als Diskriminierung verstanden werden wie seinerzeit die Apartheid in Südafrika. „Es ist möglich, uns selbst die Schuld zu geben. Aber es ist noch viel einfacher, Apu die Schuld zu geben.“ Nach dieser Prämisse wurde aus dem Sozialstaatsgedanken der Anspruch auf allgemeine Rundumversorgung abgeleitet, aus dem Glücksversprechen wurde das Recht auf Glück, und aus der Mahnung „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ wurde der zweite und genauso wichtige Teil, die alles bedingende Selbstliebe, ausgeklammert.

Diagnose: Co-Abhängigkeit

Wir leben in einer Opferkultur, in einer Kultur der absoluten und bedingungslosen Empathie mit Schwächeren. So zumindest scheint es auf den ersten Blick. Die Opferrolle ist verlockend, weil sie ermöglicht, Verantwortung abzugeben. Und sie ist im höchsten Maße anschlussfähig: für Verständnis, Hilfsbereitschaft, Unterstützung und Mitgefühl. Der Helfer profitiert, weil er als Ritter in strahlender Rüstung auftreten kann. Er ist sich der Dankbarkeit des Opfers und des Respekts seiner Mitmenschen sicher. Der Helfer hat so ein Interesse daran, dass das Opfer Opfer bleibt. Und das Opfer wird zusehends abhängiger von den Zuwendungen des Helfers.

Die Menschen werden entmündigt und systematisch ihrer Hoffnung beraubt. In der Psychiatrie nennt man dieses Phänomen Co-Abhängigkeit. Ich nenne so etwas: perfide. So offenbart sich denn auch auf den zweiten Blick hinter dieser simplen Opfer-Helfer-Dialektik ein Netz aus staatlichen und privaten Initiativen, die mit der Erschließung von immer neuen Opfergruppen lukrative Geschäfte machen. Darauf wiesen bereits Henryk M. Broder und Hamed Abdel-Samad hin:

Was wir in den Problem-Kiezen [Berlins] erlebten, war eine florierende Migrationsindustrie, die sich ihren Kunden andiente, wie es jeder Dienstleistungsbetrieb tut. Die ständig neue „Projekte“ konzipieren musste, um ihre eigene Existenz zu rechtfertigen. In den besten Tagen der Berliner Treberhilfe waren bis zu 300 Sozialarbeiter für etwa 3000 Obdachlose tätig. Das heißt, zehn Obdachlose versorgten einen Sozialarbeiter mit Arbeit und Einkommen. Ähnlich funktioniert auch die „Migrationsindustrie“. Man weiß nicht mehr, wer für wen da ist: die Migrationshelfer für die Migranten oder umgekehrt. Man muss sich die Frage stellen, ob die „Fürsorge“ nicht der Integration abträglich ist, weil sie ihre Objekte entmündigt. Nicht die Migranten sind das Problem, sondern ein Apparat, der sich um sie kümmert, bis jede Eigeninitiative verkümmert ist.

Broder und Abdel-Samad bringen es auf den Punkt: Der Helfer ist immer daran interessiert, dass die Zahl der Opfer möglichst hoch erscheint. Und dass deren Leid und Unglück in der öffentlichen Wahrnehmung als besonders dramatisch angesehen werden. Der Helfer profitiert von moralischer Festigung und Orientierung, das Opfer dient ihm als Instrumentarium seines Erwerbes.

Je mehr Opfer, desto mehr Profit. Im frühen englischen Kapitalismus des 17. und 18. Jahrhunderts gab es sogenannte Arbeitshäuser, in denen die Ärmsten der Armen unter Zwang Profite für ihre quasi feudalen Ausbeuter erwirtschafteten. Heute geht man subtiler vor, sozialstaatliche Zuwendungen werden ein zweites Mal an die Helferindustrie umverteilt. Wie viel die Bedürftigen von der Hilfe am Ende haben? Zweifelhaft. „Dir muss geholfen werden“, erschallt das Credo der neuen Opferkultur, die im eigentlichen Sinne humanistische Hilfe zur Selbsthilfe: „Du kannst etwas“ ist uns indes abhandengekommen.

Heer abhängiger, unmündiger Opfer

Zeuge eines erwähnenswerten Beispiels dieser entmündigenden Haltung konnte man zuletzt in der ARD-Sendung „Plus-Minus“ werden. Dort wurden Vertriebspartnerinnen von Tupperware als Opfer ihres Franchisegebers vorgestellt, die Gefahr liefen, mit ihren Geschäften auf Schulden sitzen zu bleiben. Die „Expertin“ Dr. Claudia Groß von der Universität Nimwegen, die im Verlauf der Sendung immer wieder unwidersprochen zu Wort kam, echauffierte sich: Es sei nicht hinnehmbar, Frauen (!) ohne kaufmännische Ausbildung mit Millionenbeträgen hantieren zu lassen. Das Geschäftsmodell des Direktvertriebs (immerhin eine Wachstumsbranche, aus der ca. 640.000 Menschen in Deutschland ein Einkommen beziehen) sei nichts mehr als eine systematische Schuldenfalle.

Dass nur erfolgreiche Vertriebspartnerinnen, die sich aufgrund langjähriger dauerhafter guter Leistungen empfohlen haben, solch hohe Beträge umsetzen, geschenkt. Dass mit solchen langjährigen Leistungen eben auch Geschäftserfahrung angesammelt wurde, nicht der Rede wert. Notwendige Kohärenz von Risiko und Verantwortung: was ist das? Auch dass viele Frauen mit Tupper ihren Weg in die Selbstständigkeit gefunden haben: Schwamm drüber. Ohne entsprechende Ausbildung – als verhindere die, die Bankenkrise lässt grüßen, dass Geld in den Sand gesetzt wird – lebt Frau lieber von Hartz IV oder vom Gehalt ihres Mannes, als selbst etwas auf die Beine zu stellen. So etwas suggeriert tatsächlich das Programm eines öffentlich-rechtlichen Senders.

Und vielleicht ist das durchaus staatlicherseits so gewollt. Die Hand, die mich füttert, beiße ich nicht, und ein Heer abhängiger, unmündiger Opfer gibt ein gefügigeres Wahlvolk ab als kritische, mündige Bürger. Insbesondere linke Parteien, aber auch solche, die das Adjektiv christlich im Namen tragen, kultivieren die Unmündigkeit, indem sie sich die Abschaffung immer neuer Missstände auf die Fahne schreiben, die sie teils selbst erst produzieren. „Dir MUSS geholfen werden“, sagt der Staat, und das Opfer, seiner Hoffnung an die menschlichen Fähigkeiten beraubt, glaubt, sich aus der Umklammerung nicht befreien zu können, und dankt es an der Wahlurne. So sichert die Opferindustrie politische Karrieren.

Hilfe mit Maß und Augenmerk

Und auch zahlreiche deutsche Unternehmen danken. Die schon mehrfach in die Schlagzeilen geratenen Sozialkaufhäuser der Caritas, überhaupt zahlreiche Unternehmen der wahrhaftig nicht am Hungertuch nagenden Kirchen, wären ohne Hartz IV kaum denkbar. Danke sagen auch manche Leiharbeitsfirma und diejenigen Unternehmen, die über Hartz IV und entsprechende Zuschüsse querfinanziert werden. Man denke nur an die unbezahlten Praktikanten, die Amazon 2011 im Weihnachtsgeschäft einsetzte, während diese weiter Arbeitslosengeld II bezogen. Das deutsche Sozialsystem, könnte man sagen, ist die größte aller Opferindustrien und die Profiteure finden sich in der Wirtschaft, im öffentlichen Sektor, bei den NGOs, in den Parteien, in den Kirchen, kurz: in allen gesellschaftlichen Institutionen.

Damit man mich nicht falsch versteht. Nächstenliebe und die Hilfe für Schwächere sollten weiterhin Leitprinzipien unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens darstellen. Aber: mit Maß und dem besonderen Augenmerk für die wirklich Bedürftigen. Wo immer ein Homer Simpson nach einem Apu sucht, den er für eigene Probleme verantwortlich machen kann, ist die einzig richtige Antwort: Schau auf dich selbst. Wenn du Fehler gemacht hast und bereit bist, dies an dir zu erkennen, kannst du auch selbst wieder etwas ändern. Und denen, die etwas ändern wollen, gilt auch unsere Unterstützung.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Hasso Mansfeld: Die grüne Glyphosat-Lüge

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