Wir wissen alle, dass Fernsehen dick, dumm, traurig und gewalttätig macht. Ursula von der Leyen

Sohn seiner Klasse

Was wäre, wenn Hollywood-Star Matt Damon in seinem neuen Film die Rolle von Ernst Thälmann spielen würde? Dessen Lebensgeschichte sollte allerdings kritisch umgearbeitet werden, um sich den Gegebenheiten unserer Zeit anzupassen.

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Vor einigen Wochen zeigten sich Klatschblätter und Hollywoodreporter sehr verwundert darüber, als der berühmte Schauspieler und zeitgenössische Kulturschaffende Matt Damon plötzlich mit einer Ultrakurzhaarfrisur auftauchte, wie sie an der einen oder anderen Stelle dieses unseres Landes bereits als bedenkliches politisches Statement aufgefasst werden könnte.

Wir konnten uns nicht vorstellen, dass der für seinen gefestigten Klassenstandpunkt bekannte und gefeierte Genosse Damon politisch fremd gehen würde – und sahen nicht nur unsere Vermutung, er wäre weiterhin einer von uns, bestätigt, sondern stießen bei unseren Recherchen sogar auf sehr erfreuliche Neuigkeiten.

Wie wir erfahren konnten, war der Genosse Damon während einer seiner letzten Aufenthalte in Europa auf die beiden legendären DEFA-Epen „Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse“ und „Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse“ gestoßen, mit denen einst der preisgekrönte Regisseur Genosse Kurt Maetzig das Leben und Wirken des sagenumwobenen Kämpfers für die Arbeiterklasse und Vorsitzenden der KPD gewürdigt hatte.

Nach kurzer Erörterung mit den führenden Köpfen einiger Filmstudios und mehreren namhaften Kollegen stand der Entschluss fest, in Kürze ein Drehbuch für einen eigenen, neuen Thälmann-Film aus Hollywood auszuarbeiten und so den Zweiteiler aus Zeiten des antifaschistischen deutschen Staates zu einem einzigen, zeitgemäß aufbereiteten Historiendrama zwangs zu vereinigen.

Besonders erfreulich ist dabei nicht nur, dass Matt Damon selbst die Rolle des Arbeiterführers übernehmen wird, sondern mit einem Teil des Erlöses das Sporthaus Ziegenhals zurückkaufen und die dortige Thälmann-Gedenkstätte wiedererrichten lassen möchte.

Kritische Umarbeitung von Thälmanns Biografie

Allerdings sollen – so war aus dem Umfeld des Genossen Damon zu erfahren – im Zuge der Neuverfilmung nicht nur die Handlungsabläufe gestrafft werden, es soll auch inhaltlich zu einer kritischen Umarbeitung der Thälmann-Biografie kommen, die dem veränderten Bewusstseinsstand der fortschrittlichen Kräfte Rechnung tragen würde.

So würde Ernst Thälmann nicht mehr dem – ohnehin, wie die Geschichte zeigte, zu wenig klassenbewussten – Arbeitermilieu entstammen und in diesem wirken, sondern Teil der aufgeklärten, kritischen Intelligenz sein. Als Teil des progressiv gesinnten Großbürgertums führt er den sozialen Protest an, der – angelehnt an die Hippies, die 68er-Bewegung und „Occupy Wall Street“ – Aktionsformen und Inhalte verkörpert, die nichts mehr mit den bekannten Erbauungsbesuchen bei Hamburger Hafen- oder Mansfelder Grubenarbeitern zu tun haben.

Mit Zorromasken verkleidet, als Zeichen des Protests Oldtimer abfackelnd und im Slut Walk, kämpfen die von Thälmann angeführten Studierenden gegen die Zwänge und die Herrschaftslogik des kapitalistischen Systems. Die Nazis hingegen werden in der Neuverfilmung eher zur Staffage, weil sie nur die Marionetten des von amerikanischen Agenten veranstalteten Machtspiels in Europa darstellen.

Völlig abgeschafft wird auch die Geschichte von der Änne Harms, die noch im Angesicht der Gefängnisstrafe des Thälmann-Freundes Fiete zu Frau Hansen wird und sieben Jahre lang treu auf ihn wartet – nicht nur, um Verwechslungen mit der gleichnamigen Rolle in „Werner Beinhart“ zu vermeiden, sondern weil dieser Handlungsstrang kleinbürgerliche Moralvorstellungen und Rollenklischees bediente. Immerhin hatte die ausgebliebene sexuelle Revolution überkommene bürgerliche Einstellungsmuster in der Bevölkerung zementiert und am Ende damit das Ende der DDR begünstigt.

Lindsay Lohan wird zu Änne Harms und Charlie Sheen zu Fiete Jansen

Stattdessen wird Änne Harms, die von der Genossin Lindsay Lohan verkörpert wird, in einer offenen Beziehung leben, in der auch Ernst Thälmann eine Rolle spielen wird. Fiete Jansen, verkörpert von Charlie Sheen, wird im Wesentlichen jenen Part in diesem Geflecht übernehmen, der hier und heute dem Ehemann von Charlotte Roche zukommt und stilecht in Fiete Kapaun umbenannt.

Die Idee, Ernst Thälmann von einem dunkelhäutigen Schauspieler verkörpern zu lassen, um auf diese Weise unterschwellig den Kampf des Genossen Barack H. Obama für seine Wiederwahl zu beflügeln, wurde nach kurzer Debatte verworfen. Zum einen wäre Matt Damon dann allenfalls noch eine Nebenrolle geblieben – immerhin hatte zumindest bis 1961 auch der Genosse Stalin eine inne -, zum anderen wird Obama trotz seiner unbestreitbaren Verdienste für die progressive Sache immer noch nicht nachgesehen, dass er im vorangegangenen Frühjahr in Pakistan kaltblütig einen vierfachen Ehemann und 23-fachen Familienvater liquidieren ließ.

Alles in allem also wunderbare Aussichten und ein Grund, Hollywood für seine Funktion im Rahmen der fortschrittlichen Bewusstseinsarbeit zu würdigen. In den Statistenrollen als Nazis dürften auch die einen oder anderen heimischen Schauspielgrößen zum Zuge kommen. Leider stehen jedoch die Chancen für eine mögliche Fortsetzung schlecht…

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