Demokratien sind in ihren Aspirationen besser als die Menschen, die in ihnen leben. Anthony Grayling

Mit eisäugigem Durchblick

Der Freispruch von Amanda Knox war ein Segen für selbsternannte Justiz-Experten und ein Zeichen für die Überlegenheit des europäischen Rechtssystems. Ein neuer Beweis: Alles ist gut, was aus Europa kommt.

Manchmal kann der Gedanke, die Gehirne einiger Mitbürger_innen würden eines Tages von den Maden zerfressen werden, tiefe Depressionen auslösen. Es gibt beispielsweise nur wenige Zeitgenoss_innen, die ein noch gefestigteres Bewusstsein und einen noch durchdringenderen – ja fast eisäugigen – Durchblick haben als jene deutschen Experten, die regelmäßig Zeitgeschehen mit USA-Bezug für unsere Qualitätsmedien kommentieren.

Diese tun sich, uns und der Menschheit auch noch dankenswerterweise den Gefallen, ihre Weisheit nicht schnöde für sich zu behalten, sondern lassen uns vorwiegend in den Kommentarspalten zu den wegweisenden Artikeln der Qualitätsjournalist_innen an ihren Erkenntnissen und Beobachtungen teilhaben.

Eine besondere Perle ist dabei das Forum von „Spiegel Online“. Der kürzlich erfolgte Freispruch der zuvor bereits über vier Jahre inhaftierten US-amerikanischen Austauschstudentin Amanda Knox vom Vorwurf des Mordes an ihrer Mitbewohnerin Meredith Kercher im Berufungsverfahren zu Perugia stellte nach Auffassung aufmerksamer Beobachter einen weiteren Beweis für die Überlegenheit des europäischen Rechtssystems gegenüber der willkürlichen Wildwestjustiz der USA dar.

Freie Liebe, wildes Sterben

Nachdem bereits im Forum von „Welt Online“ die Vermutung laut geworden war, die USA hätten diplomatischen Druck ausgeübt, um ihre Landsfrau freizupressen, deckt man in jenem von SPON auf, dass es in Europa keine Laiengerichtsbarkeit gäbe, während in den USA nur Geld, Anzahl und Qualität der Anwälte über das Schicksal von Angeklagten entscheiden würden. Obwohl diese Unsitte im vorliegenden Fall Amanda Knox freizupauken half, wäre sie von den rachsüchtigen Hillbillies in den USA mit der Todesstrafe bedacht worden. Logische Schlussfolgerung aus den Erkenntnissen der Schwarmintelligenz heimischer SPON-Leser: Im mittelalterlichen Rechtssystem der USA gibt es die Todesstrafe manchmal sogar bei einem Freispruch.

Dass es der Angeklagten zur Jungfrau von Orléans nicht nur an der geografischen Herkunft fehlt, bestritt diese mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mal selbst. Sie dürfte in den wenigen Jahren, in denen sie in Europa den „gesellschaftlichen Zwängen entfliehen“ wollte, die in den prüden und regressiven Hinterwäldler-USA herrschen, mit mehr Männern intim geworden sein, als 2003 bis zum Ende der Kampfhandlungen im Irak verstorben waren, und hatte keine Partydroge ausgelassen.

Auf diese Weise entsprach sie durchaus dem herrschenden europäischen Ideal und der gängigen Vorstellung von „Spaß haben“ – hätte Pro7 sich mit seiner Showidee „50 pro Semester“ durchgesetzt, hätte Amanda Knox möglicherweise eine tragende Rolle spielen können. Dass am Ende solcher Formen der Überwindung anerzogener bürgerlicher Hemmungen und der Erweiterung des Bewusstseinshorizontes im Sinne von „Love & Peace“ bisweilen auch noch andere Tabus fallen und auch schon mal der eine oder andere Unbeteiligte „Messer gemacht“ werden kann, zeigten die Beispiele von Hippie-Ikone Charles Manson oder „Earth Day“-Gründer Ira Einhorn.

Das alles entbindet einen freiheitlichen Rechtsstaat, wie es ihn unter den spätkapitalistischen Produktionsverhältnissen noch gibt, jedoch nicht von seiner Verpflichtung, Vorwürfe von solcher Tragweite unter Beachtung von Verfahrensregeln klären zu lassen, die zumindest ansatzweise einer von Prinzipien wie Fairness und Unvoreingenommenheit gekennzeichneten Rechtsordnung genügen.

Europäische Arroganz

War Amanda Knox die eiskalte Killerin, von der die Anklage ausging und immer noch ausgeht? Möglich! Manche halten es sogar für sehr wahrscheinlich. Nicht nur, weil ihre Angaben durch massive Ungereimtheiten und falsche Verdächtigungen gegen völlig Unbeteiligte glänzten. Nach 14 Stunden Verhör durch zwölf Ermittler und ohne Essen, Trinken und Schlaf und unter zweifelhaften Umständen hätte Amanda Knox allerdings möglicherweise sogar gestanden, dass der 11. September ein Inside Job der US-Regierung war und sie selbst Sprengsätze in den Toiletten des World Trade Centers angebracht hätte.

In einer solchen Situation wäre es also hilfreich gewesen, im Umgang mit anderweitigen Beweismitteln die erforderliche Sorgfältigkeit an den Tag zu legen. Genau dies ist aber nicht geschehen, es wurde vielmehr auf eine schlampige und nachlässige Weise vorgegangen, die man ansonsten allenfalls erwarten würde, wenn es um den 500. Routinefall von fahrlässiger Körperverletzung im Straßenverkehr geht.

Es steckt also einmal mehr keine „amerikanische Einflussnahme“ hinter der Blamage für die Anklagebehörde, es ist nur wie so oft europäische Arroganz gewesen, die eben auch im Rechtssystem ihre Spuren hinterlässt. Politisierte und profilierungssüchtige Staatsanwälte, überforderte Gutachter, Personen, denen die eigene Machtfülle zu Kopf gestiegen ist: Wie es aussieht, liegt Silvio Berlusconi mit seinen jahrelangen Einschätzungen über die real existierende italienische Justiz näher an der Wahrheit als SPON-Redakteuren oder Forenkommentatoren lieb ist.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Harry Tisch: Befreiung des Stoffwechsels

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