Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge einen Schatten. Karl Kraus

Genderarznei-Rosskur

Trotz aller Anstrengungen: Das Prestigeprojekt Frauenfußball scheint gescheitert. Die linksgrünen Jubelperser sind bis auf die Knochen blamiert und Millionen von Euro, ausgegeben um sich den Sport schön zu saufen, sind verschwendet.

Das einzige anerkannte Fachorgan für den Frauenfußball, das sich – und zwar bereits unmittelbar nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalauswahl – mit einer umfassenden und weitsichtigen Analyse zu Wort gemeldet hatte, war einmal mehr das Bluthilde-Blog.

Während andernorts Spekulationen laut wurden, der DFB würde das ohne deutsche Beteiligung ablaufende Restprogramm aus den großen Stadien heraus nach Bottrop, Bönningstedt oder Holzwickede verlegen, um den Rasen für die anstehenden Pokal-, Bundesliga- und Länderspiele der Männer zu schonen, lagen wir wieder einmal mit unserer Forderung richtig, die Verantwortlichen für das Desaster in die sibirischen Bleiwerke abzukommandieren.

Zumindest unter den bewusstesten Kräften der kritischen Intelligenz wird die klare Position unseres Autor_innenkollektivs nachvollzogen. Es geht eben nicht „nur“ um eine Randsportart, die jede Woche im Wesentlichen eine Handvoll Zuseher anlockt, von denen die meisten Vereinsfunktionäre oder Familienangehörige der Spielerinnen sind. Die fortschrittlichen Medien haben sich nicht von ungefähr über so lange Zeit hinweg nach Kräften bemüht, Frauenfußball fast schon mit Brachialgewalt in die öffentliche Aufmerksamkeit zu schreiben. Millionen Menschen haben Unsummen in Alkohol investiert, um sich diese Sportart schön zu trinken.

Die Jubelperser sind bis auf die Knochen blamiert

Die Genoss_innen Wallrodt und Krull bestätigen in ihrem wegweisenden Kommentar für die „Welt“ einmal mehr, dass es falsch wäre, einfach zur Tagesordnung überzugehen, jetzt wo eine der wesentlichsten Anstrengungen moderner Genderarbeit in die Hosen ging, der Frauenfußball nicht zum Volkssport Nummer 1 wird oder in weiterer Folge vielleicht sogar zum Einstieg in die breite Akzeptanz noch fortschrittlicherer Errungenschaften wie Frauenboxen oder Frauen-Ultimate-Fighting.

Die linksgrünen Jubelperser sind bis auf die Knochen blamiert, mehr Mädchen werden künftig wieder lieber Volleyball oder Badminton spielen als Fußball – was ihren sicheren Weg an den Herd vorzeichnet – und in wenigen Wochen wird kaum noch jemand in der Lage sein, die Namen auch nur dreier Akteusen der Nationalelf aufzählen zu können. Scheiße gelaufen also. Auch das Helge-Schneider-Plagiat mit Bereicherungshintergrund in der „taz“ fand harsche Worte wie sonst nur aus Anlass von Stadtkewitz-Kundgebungen. Aber eben sonst bedenklicherweise kaum jemand.

Wie schwer nicht nur der patriarchalischen Ausbeutergesellschaft selbst, sondern sogar ihren Feinden der Umgang mit dieser Form der emanzipatorischen Freizeitaktivität fällt, zeigte allein schon der Tag der Eröffnung. Nachdem für gewöhnlich gut informierte Kreise rund um dem Kopp-Verlag bereits im Vorfeld des Turniers für diesen die Durchführung eines atomaren Terroranschlags angekündigt hatten, konnte dessen Ausbleiben nur als ein grober Akt der Missachtung der Fußball spielenden Frauen interpretiert werden, die es offenbar aus Sicht der militanten Freiheitskämpfer_innen nicht wert waren, sich ihrer als Plattform für den revolutionären antiimperialistischen Kampf zu bedienen.

Am Ende zog das vorzeitige Ausscheiden der deutschen Frauen weder heulende Menschen in Fanmeilen noch alkoholbedingte Ausschreitungen, ja nicht einmal schadenfrohe Sprüche oder Pöbeleien der Zaungäste aus Ösiland oder sonstwo nach sich. Und vor allem auch kaum Kritik. Die Frauenfußball-WM ging ganz offenbar selbst der überwältigenden Mehrheit derer, die sie guckten, völlig an ihren fünf Buchstaben vorbei. Und das ist sexistisch.

Kritik am Frauenfußball ist immer reaktionär

Die Gefahr eines politisch nicht korrekten Umgangs mit dem Frauenfußball ist – wie es aussieht – bereits ähnlich groß wie die Chance, durch auf den ersten Blick gewöhnliche Verrichtungen des täglichen Lebens die religiösen Gefühle muslimischer Mitbürger zu beleidigen.

Wer künftig mit dem richtigen Bewusstsein an das Thema herangehen will, muss sich also einige grundlegende Dinge merken: 1. Frauenfußball ist per se gut, weil er ein Ausdruck der Überwindung regressiver bürgerlicher Geschlechtsstereotypen und von 50er-Jahre-Ästhetik ist. 2. Die kapitalistische Ausbeutungsordnung will die politische Überwindung der Geschlechterklischees stoppen und bezahlt Fußball spielende Frauen deshalb schlechter als Männer. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, die erforderlichen Schritte zur Herstellung der Verteilungsgerechtigkeit zu veranlassen. 3. Deutsche WM-Titel im Frauenfußball sind ein Weg, den Massen bittere Genderarznei auf dem süßen Würfelzuckerstück des Hurra-Patriotismus zu reichen.

Und deshalb ist Kritik am Frauenfußball selbst immer reaktionär, Kritik am vorzeitigen Ausscheiden des heimischen Nationalteams kann hingegen nicht massiv genug sein. Denn Erfolglosigkeit auf diesem Gebiet ist Verrat an der fortschrittlichen Sache.

Allerdings könnten sich die Spielerinnen vielleicht zu Zwecken der Regeneration erst mal an den regressiven Spruch „Lieber Gameboy als Playboy“ halten – dann klappt’s vielleicht zumindest dort mit dem Titel.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Hekto – 16.07.2011 - 14:09

    Man sollte auch die positiven Aspekte. Ein besseres Comedy-Programm als das Spiel Ger – Jap hat man bei den öffentlich-rechtlichen Sendern lange nicht mehr vor die Augen bekommen. Ich habe mich mit Freundin und Freunden vor dem TV auf jeden Fall köstlich amüsiert. :)

  • Theeuropean-placeholder
    Robert Mugabe – 16.07.2011 - 18:19

    Die “Begeisterung” wurde nicht zuletzt durch unsere überhöhten Internettarife bei der Telekom ermöglicht: http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/deutschland/gerhard-wisnewski/frauenfussball-wm-stadien-mit-zehntausenden-von-schuelern-gefuellt.html

  • Theeuropean-placeholder
    Ed Rockefeller – 18.07.2011 - 16:07

    Mehr oder weniger geehrter Herr Tisch,

    ich persönlich finde Ihre Kolumne zwar insgesamt nicht ganz so feingeistig-komisch, wie sie offenbar beabsichtigt ist, aber mir verschließt sich jetzt konkret zu diesem Artikel die Erkenntnis, warum die “Linksgrünen” (wer ist das eigentlich?) in irgendeiner Weise blamiert sein sollten.

    Waren sexistische Sprüche wie “3.Plätze sind was für Männer” etwa auch aus irgendwelchen politischen Lagern zu hören? Nicht dass ich wüsste.
    Da ich selber in einer dieser (vmtl. gemeinten) scheußlichen Gutmenschenorganisationen Mitglied bin, kann ich bezeugen, dass das Thema Fußball-WM der Frauen – zumindest bei uns – zwar am Rande präsent, keineswegs aber abendfüllend war.

    Ich verstehe auch nicht, inwieweit die Niederlage der bisherigen “Weltmeisterin” Deutschland in einem etwas früheren Stadium der WM als gedacht so eine Peinlichkeit darstellen sollte. Ist der Herrenmannschaft auch schon passiert. Na und? Dass WM-Finale zwischen Japan und den USA war mit rund 48.000 Zuschauern auch nicht schlechter besucht als die Deutschland-Spiele, entgegen Ihrer Behauptung. Insgesamt hat der Frauenfußball seit 2007 auch weltweit an Ansehen gewonnen.

    Sie schreiben außerdem noch etwas, das ich nicht verstehe, und zwar “Frauenfußball ist per se gut” mit einem seltsam ironisch anmutenden Begleittext. Wollen Sie damit vielleicht ausdrücken, dass Frauen sich vom Fußball insgesamt lieber fernhalten sollten, auch wenn ihnen das Spielen Spaß macht?
    Ich frage mal andersherum: Was kann es denn an Frauenfußball auszusetzen geben? Dass Frauen weniger große physische Leistungen erbringen können oder zumindest derzeit technisch noch nicht ganz so versiert sind, wie die Männer? Meinetwegen.
    Bin ich dann deshalb ein ignoranter, dummdreister Gutmensch, weil ich es mir trotzdem anschaue und es mir Spaß macht? Eine Kritik ihrerseits daran hielte ich tatsächlich für reaktionär.

    Zuletzt noch das Statement zur “bitteren Genderarznei”, das ich – sie ahnen es schon – auch nicht ganz verstanden glaube. Verletzt es ernsthaft Ihre patriotischen Heimatsgefühle, Frauen in Nationaltrikots Fußball spielen zu sehen? Da empfehle ich Ihnen ein einfaches Rezept: Den Fernseher umschalten.

    Mit freundlichen Grüßen
    Ed Rockefeller

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