Ich bin kein blindwütiger Sicherheitsfanatiker. Wolfgang Schäuble

Zu hastig fortgeschritten

Schnell, aber nicht zu schnell: Genossen und Genossinnen, die sich dem Widerstand gegen bürgerlichen Zeitgeist anschließen, sollten ihre Schritte vorsichtig wählen. Ansonsten droht die Huldigung weltlichen Zeitgeists zu einem Stolperstein zu werden.

Nicht nur die atheistischen und humanistischen Verbände in Deutschland kommen dem Klassenauftrag nach und tragen Entscheidendes zur Überwindung des christlichen Aberglaubens bei. Auch die großen Volkskirchen in Deutschland und Europa haben längst von sich aus wesentliche Schritte unternommen, um zu einem wesentlichen Träger fortschrittlicher und emanzipatorischer Bewusstseinsarbeit zu werden. Dieser progressive Wandel beschränkt sich bei Weitem nicht nur auf ökonomische Kapitalismuskritik, Klimaschutz und Atomausstieg. Auch in gesellschaftspolitischen Fragen verschließen sich die großen Kirchen immer weniger dem Erbe der ruhmreichen Kulturrevolution.

Huldigung des weltlichen Zeitgeists

Die evangelischen Landeskirchen waren wie schon weiland zu Zeiten der „Deutschen Christen“ die Ersten, die altertümliche biblische Vorstellungen als überholt erkannten und stattdessen – gegen den Widerstand einiger Quertreiber – dem gerade vorherrschenden weltlichen Zeitgeist als strengem, aber gerechtem Zuchtmeister zu huldigen begannen. Bereits lange vor Ausbruch der Student_innenrevolte von 1968 integrierte die EKD beispielsweise visionäre humanistische Sexualrevolutionäre wie den Genossen Helmut Kentler in die evangelische Jugendarbeit.

Bereits ein Jahrzehnt bevor die Forderung nach „Entkriminalisierung der Pädosexualität“ Eingang in die Wahlkampfprogramme der Partei der kritischen Intelligenz fand, wusste Kentler zu diesem Thema unter anderem auch folgende Erkenntnisse im Editorial des wegweisenden fortschrittlichen Opus mit dem Titel „Zeig mal!“ zu platzieren: „Die auch heute noch herrschende Sexualfeindschaft und eine mit Kinderschutzforderungen sich tarnende Kinderfeindlichkeit mögen noch eine Zeitlang als Denkhemmung, erst recht als Widerstand gegen die Realisierung solcher Überlegungen wirken. Es genügt aber, die Reformen des Sexualstrafrechts bei uns und in anderen europäischen Ländern zu beobachten, und man wird erkennen: Entscheidende Weichenstellungen, die zu einer sexualfreundlichen Kultur und freundlicheren Einstellung gegenüber der ‚Kindersexualität‘ führen könnten, sind bereits vollzogen.“

Auch wenn der Genosse Kentler vor einigen Jahren den Weg alles Irdischen antreten musste, droht verspricht die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend e.V., sein Andenken dankbar zu bewahren.

Im Einklang mit den Klassikern des Marxismus-Leninismus

In der katholischen Kirche schien dagegen lange Zeit nur die mancherorts vonstattengegangene praktische Umsetzung dieser Direktiven im Vordergrund zu stehen, während nach außen hin immer noch an den repressiven, bürgerlichen und am reibungslosen Funktionieren des Menschen im Ausbeuterkapitalismus orientierten Vorstellungen zur Sexualmoral festgehalten wurde.

Jedoch begreifen, wie es aussieht, auch dort immer mehr Exponent_innen, dass der zeitgemäße Umgang mit diesen Fragen nicht mehr darin bestehen kann, wie im Yankeeland durch Überbehütung, Bestärkung in anerzogenen Hemmungen und „Denkmalschutz für die Kindheit“ (Genossin Rutschky dereinst in der „Taz“) bestehen kann, zumal dies alles potenziell konterrevolutionäre Selbstabgrenzung, hypertrophes Selbstwertgefühl und damit unnachhaltiges und unsoziales Verhalten fördert.

Bereits das konsequente und unnachgiebige Durchgreifen der katholischen Liborius-Grundschule zu Salzkotten gegen fundamentalistische Diversanten, die am frühkindlichen Aufklärungsunterricht Anstoß nahmen, ließ aufhorchen. Darüber hinaus bemühen sich aber auch aufgeschlossene Kräfte aus dem Bereich der Katholischen Jugend sowie der Sozialdienst katholischer Frauen aktiv und couragiert um eine Neupositionierung ihrer steuer gemästeten finanzierten Glaubensgemeinschaft im Einklang mit den Klassikern des Marxismus-Leninismus sowie den Lehren Wilhelm Reichs und anderer moderner Kirchenväter honoris causa.

Überwindung bürgerlicher Moralvorstellungen

Am weitesten nach vorn wagten sich aber kürzlich einige Geistliche aus der niederländischen Niederlassung des Salesianerordens. Ein 73-jähriger Veteran dieser Gemeinschaft outete sich als Unterstützer der pro-pädophilen Vereinigung „Martijn“, bezeichnete „Pädosexualität“ als „völlig legitim“ und „nur von der Gesellschaft diskriminiert“ und der Obere P. Herman Spronck sprang ihm prompt zur Seite. Sexuelle Beziehungen mit Kindern wären seiner Auffassung nach „nicht notwendig schädlich“, sofern Kinder nur „erkennen lassen, dass man es tun kann“. Sex ab 12 wäre, würde es von ihm abhängen, „in Ordnung“.

So viel an Modernität war selbst seiner eigenen Ordensleitung zu viel. Sie distanzierte sich, enthob ihn seines Delegiertenamtes und beantragte disziplinarische Maßnahmen. Das Unterfangen, zum Wohle der Überwindung bürgerlicher Moralvorstellungen seine ihm zustehenden 15 Minuten Starruhm in Anspruch zu nehmen, endete für Spronck als klassisches Eigentor. Was lernen wir daraus? Der Fortschritt sollte tunlichst nicht so rasch voranschreiten, dass man dabei selbst stürzt und auf die Fresse fällt. Sonst bleibt statt einer möglichen späteren Kardinalswürde allenfalls noch die Hoffnung auf eine Karriere als Hausmeister an der Odenwaldschule.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    xconroy – 05.06.2011 - 18:22

    Das Beste an diesem selbst für Bluthildeverhältnisse grausamen Artikel ist eindeutig das Foto :-b

    Da bekommt man direkt Lust, selber mal wieder zur Can zu greifen, schon allein weil das als TAZ (“Temporäre Autonome Zone”) so schön unbürgerlich und staatsfeindlich ist:
    http://www.ichschwoersdir.de/2011/05/30/das-fusion-festival-willkommen-im-staat/

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