Es gab und gibt nur die Musik. Die Idee des Scheiterns kam mir nie. St. Vincent

Die Rache der Rednecks

Tausende scheinheilige Erklärungen wurden für das gefunden, was Dominique Strauss-Kahn nun durchleben muss. Lediglich ein Ansatz kann im Fall der Affäre DSK auf keinen Fall der richtige sein: Nämlich dass der ehemalige IWF-Politiker tatsächlich schuldig sein könnte.

Wenn es – außer dem Betroffenen selbst – jemanden gab, der von der Nachricht über die Verhaftung des IWF-Präsidenten und aussichtsreichen französischen Präsidentschaftskandidaten Dominique Strauss-Kahn völlig auf dem falschen Fuß erwischt wurde, dann waren das die Infokrieger- und Truther-Gemeinden.

Galt der Internationale Währungsfonds Zeit seines Bestehens in diesen Kreisen stets als wesentliches Machtinstrument der jüdischen Bankiers- und Weltverschwörung, sah sich – unabhängig vom Ausgang des Verfahrens – von einem Moment auf den anderen ausgerechnet dessen langjähriger Vorsitzender am Ende seiner Karriere angelangt. Egal, ob Strauss-Kahn angesichts dieser Situation als Opfer einer Verschwörung in eigener Sache oder gar als jemand dargestellt worden wäre, der einem Racheakt computersüchtiger Milchbubis aus dem Umfeld Julian Assanges auf den Leim ging: In jedem Fall hätte das subjektive Bedrohungsempfinden selbst bei den hartgesottensten Paranoiker_innen erheblich gelitten.

Apropos Doppelmoral

Gut, dass die stets gut informierte heimische Medienwelt im Schulterschluss mit zahlreichen aufmerksamen Zeitgenoss_innen aus der kritischen Intelligenz zeitnah herausarbeiten konnte, dass das Vorgehen der US-Behörden gegen Strauss-Kahn dennoch nicht von ungefähr kommt.

Dass die US-Behörden gegen eine der prominentesten politischen Persönlichkeiten Europas vorgehen, offenbart unter anderem, dass die allgegenwärtige Prüderie und Bigotterie in Amerika nicht einmal dann davor Halt macht, aufgeschlossene fortschrittliche Menschen aufgrund ihrer Lebensweise zu kriminalisieren, wenn diese sich als Diplomaten im Land aufhalten.

In den USA, wo Doppelmoral allgegenwärtig ist, werden – wie uns unter anderem die „Welt“ gehörig belehrt – Verstöße gegen die unmenschliche monogame bürgerliche Zwangsmoral nur dann toleriert, wenn diese von Leugnung oder öffentlichen Bußritualen begleitet werden, ansonsten werden die Ertappten zum Opfer von Menschenjagden, wie man sie in Europa nur als Reaktion auf wirklich unmoralische Handlungen wie das Plagiieren von Diplomarbeiten oder politisch unkorrekte Äußerungen in der Öffentlichkeit kennt.

Selbstverständlich wird in einem Land, wo fundamentalistischen Homeschoolerfamilien Asyl gewährt wird und manche Bundesstaaten sogar das Schöpfungsmärchen gleichberechtigt mit der Evolutionswahrheit an Schulen unterrichten lassen, jeder mit unbändigem Hass verfolgt, der durch seine Worte oder sein Verhalten daran erinnert, dass wir Menschen nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Letzteren nur zufällig aus dem Nichts erwachsene Abarten von Tieren sind und deshalb jüdisch-christliche Keuschheits-, Monogamie- und Ehevorstellungen willkürliche Beschneidungen der menschlichen Natur darstellen.

Während dies bei uns im aufgeklärten Europa bereits den Jüngsten in Zeitschriften und im Schulunterricht deutlich gemacht wird und gerade die intellektuelle Klasse einen unbefangenen Umgang mit dem einst jahrhundertelang durch dunkle Kräfte domestizierten Triebleben pflegt, müssen sich in den USA zum Teil selbst namhafte Bekleidungsketten regelmäßig dem öffentlichen Aufbegehren von Fundichristen, Rednecks und Countrysängern beugen, nur weil sie beispielsweise Kindern Push-Ups anbieten.

Opfer regressiver Verhältnisse

Wenn nun das angeblich „sexuell genötigte“ Zimmermädchen von New York ein „Opfer“ ist, dann höchstens eines der regressiven Verhältnisse, wie wir sie aus den USA kennen und gegen die selbst das fortschrittliche Hollywood oft noch völlig machtlos ist.

Darüber hinaus ist davon auszugehen, dass die Burger verschlingenden, unzivilisierten Barbaren von jenseits des Großen Teiches auch schlichtweg von Neid auf die französische Kochkultur zerfressen sind und alleine schon deshalb den Gourmet Strauss-Kahn auf Knast-Gammelfraß frisch von der Freibank setzen wollten.

Natürlich dürften auch – und da schließt sich endlich der Kreis zu Truthern, Infokriegern und Ron-Paul-Anhängern – CIA und Mossad ihre Finger in der Sache mit drin haben. Schließlich wird durch das politische Ende Strauss-Kahns die Wiederwahl des Bush-Freundes und Gebäudereinigungsspezialisten Nicolas Sarkozy im nächsten Jahr immer wahrscheinlicher – denn die aussichtsreichste sozialistische Gegenkandidatin ist mittlerweile Marie Le Pen.

Lediglich ein Erklärungsansatz kann nach Abwägung aller relevanter Aspekte wohl von vornherein verworfen werden: Nämlich jener, dass Strauss-Kahn die ihm zur Last gelegten strafbaren Handlungen tatsächlich begangen haben könnte.

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