Hol' mir mal 'ne Flasche Bier, sonst streik ich hier. Gerhard Schröder

Wir sind keine Klone

In seinen Äußerungen beruft Thilo Sarrazin sich auch auf die Studien des US-Genetikers Harry Ostrer. Jetzt wehrt der Wissenschaftler sich: Seine Forschungsergebnisse würden verzerrt dargestellt. Eine genetisch bedingte Gruppenidentität gibt es nicht.

Von beiden Seiten des Atlantiks bin ich gebeten worden, mich als Verfasser der von Thilo Sarrazin zitierten Studie zu äußern. Anscheinend hat er meine Arbeit “Abrahams Kinder im Zeitalter der Genetik” als wissenschaftliche Basis für seine Anmerkungen genommen. Ich habe das Buch von Herrn Sarrazin nicht gelesen und auch nicht persönlich mit ihm gesprochen. Daher ist es schwer für mich, die Validität seiner Argumente in ihrer Gesamtheit zu beurteilen. Ich habe jedoch Auszüge und Äußerungen in der Presse gesehen, die auf eine Verzerrung der Studienergebnisse hindeuten.

Juden und Moslems sind keine kohärenten Gruppen

Juden und Moslems sind keine kohärenten Gruppen. Es gibt mindestens 20 verschiedene jüdische Gruppierungen, basierend auf Siedlungsgebiet, Heiratsmustern und Kulturpraktiken. Bei den Muslimen gibt es sogar noch mehr Gruppen. Sufi-Muslime im Senegal unterscheiden sich von den Schiiten im Irak oder den Sunniten in Indonesien. Auf die gleiche Weise gehören aschkenasische Juden aus Europa nicht in die gleiche Gruppe wie Bene-Israel-Juden aus Indien oder Djerba-Juden aus Nordafrika. Eine gemeinsame Gruppenidentität anzunehmen verzerrt diese Tatsachen.

Diese Fehlinterpretation wird durch einen zweiten Punkt noch verstärkt. Es ist wissenschaftlich belegbar, dass die genetische Variation innerhalb einer bestimmten Gruppe deutlich höher sein kann als die genetischen Unterschiede zwischen Gruppen. Indische Sufi-Muslime, europäische Aschkenasi-Juden oder deutsche Protestanten unterscheiden sich alle untereinander in Bezug auf Köpergröße, Gewicht, Intelligenz, Sportlichkeit, Anfälligkeit für Infektionskrankheiten oder Ähnliches. Mitglieder der verschiedenen Gruppen sind nicht einfach Klone oder Kopien.

Es geht um Häufigkeiten und Tendenzen

Was die Gruppen unterscheidet, ist die Häufigkeit bestimmter Variationen. Wir können diese Häufigkeitsunterschiede nutzen, um Gruppen voneinander abzugrenzen. Ein solches Klassifikationssystem erlaubt es uns, zu sagen, dass sich zum Beispiel die Gruppe der Sufi-Muslime tendenziell von Aschkenasi-Juden oder deutschen Protestanten unterscheidet. Aber keine dieser Variationen kann als “Juden-Gen” oder “Moslem-Gen” charakterisiert werden.

In keinem Fall teilen sich alle Mitglieder einer Gruppe eine bestimmte genetische Variation. Es ist besser, die Genome der Mitglieder einer Gruppe als Flickenteppich anzusehen: Ein Teil der DNS-Stränge stimmt überein, aber auf keinen Fall ist das Genom als Ganzes vergleichbar. Versuche, die ganze Gruppe aufgrund der Genom-Analyse einzelner Mitglieder zu typisieren, sind falsch. Mit dem wissenschaftlichen Fortschritt können wir allemal gruppentypische Tendenzen eingrenzen. Wir können etwa sagen, dass Gruppe A im Vergleich zu Gruppe B mit größerer Häufigkeit eine genetische Variation hat, die eine erhöhte Anfälligkeit für Alkoholismus implizieren kann. Dann aber zu sagen, dass Gruppe A aus Trinkern besteht und Gruppe B aus Abstinenzlern, ist schlicht und ergreifend falsch.

Gene sind also nur zu einem kleinen Teil für Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen verantwortlich. Die Unterschiede im Bezug auf Kultur, Assimilation oder Bildungsgrad den Genen in die Schuhe zu schieben ist überraschend einseitig und geht an der Wahrheit vorbei. Es ist an der Zeit, den argumentativen Unterbau solcher Debatten zu verstärken. Und es ist auch an der Zeit, dass sich die Menschen über die eigentlichen Aussagen der Genforschung informieren. Ansonsten bleiben Fehlinterpretationen auch lange nach der Delegitimation der Rassentypologie des 19. Jahrhunderts haften.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Sebastian F. – 08.09.2010 - 09:18

    Hallo,

    der Artikel ist sehr schön geschrieben und teilt genau Sarrazins Ansichten. Oder irre ich mich?

    Das Buch ist leider Ausverkauft und der Presse traue ich nicht erst seit heute mehr über den Weg!

    Aber geht es Sarrazin nicht um Tendenzen?
    (Natürlich sind diese Thesen von Herrn Sarrazin maßlos überspitzt, aber wenn wir mal die “Globalisierung des Juden-Gen” abstand nehmen?)

    Beste Grüße

  • Theeuropean-placeholder
    68er – 08.09.2010 - 11:04

    Hut ab, Herr Görlach!

    Sie räumen Ihren Platz diese Woche für einen klärenden Beitrag von Herrn Ostrer. Weiter so?

    Leider wird der Beitrag, insbesondere der letzte Halbsatz, wahrscheinlich wenig Beachtung finden und die “Sarraziner” wie Herr “Sebastian F.” werden sich die Aussagen so zurechtpanschen, dass sie zu ihrer braunen Soße passen. Aber man bekommt ja immer auch Beifall von der falschen Seite.

    Mit freundlichem Gruß, auch an Ihre Mutter!

    Ihr 68er

  • Theeuropean-placeholder
    Heiner Lorenz – 19.01.2011 - 11:34

    Das Buch habe ich über ca. 3 Monate studiert. Als
    85-jähriger (NICHT demnenz !!) bin ich mit meiner Lebenserfahrung und, bedingt durch mein wilhelminisch/katholisch geprägtes Elternhaus, der
    Überzeugung, daß die überwigende öffentliche Meineung identisch mit dem GESAMTINHALT des Buches ist. Da ändern auch manche polemisch angehauchte Meinungsäußerungen nichts dran.
    Heiner Lorenz

  • Theeuropean-placeholder
    Wilfried Wöhler – 08.09.2010 - 11:45

    Ein sehr ausführlicher Artikel zu diesen Aspekten des Themas hier: http://www.faz.net/s/Rub9B4326FE2669456BAC0CF17E0C7E9105/Doc~EBFC72F0534A149BE84CA714A883B6B5C~ATpl~Ecommon~Scontent.html

    Wissenschaftler sind nunmal sehr oft “Fachidioten”, sie sind zumeist ausschließlich auf ihre jeweiligen Fachgebiete fokusiert um deren Materie besonders gründlich zu durchdringen.

    Die Brisanz der Einwanderungsproblematik betrifft jedoch sehr viele Felder, und erfordert Kenntnisse aus Demographie, Ökonomie, Kulturphilosophie, Antropologie, Islamwissenschaft, Politik, Rechtswissenschaft und vieles andere. Vorrausgesetzt sind natürlich die Fähigkeit und Bereitschaft, sich dem Problem zu stellen so man es denn als solches begreift. Sarrazin hat das getan und stieß sofort auf Ablehnung. Die Ablehnung, sich Tabus und unbequemen Wahrheiten zu stellen. In einer Öffentlichkeit die “genetische Disposition von Völkern” schon als einen Angriff auf die Idee der Gleichheit des Menschen sieht und eine Rückkehr in rassistisches völkisches Denken befürchtet, und ohne sich differenziert mit dem Inhalt zu beschäftigen in Empörung über diesen Tabu-Bruch echauffiert, hat ein Querdenker, den Tabu-Brüche nicht scheren weil ihm die Sache, das zu behandelnde Problem mit all seinen möglichen negativen Konsequenzen zu erdrückend erscheint, einen schweren Stand.

    Sarrazin ist zu danken für seinen Mut, und die Debatte(n) die er damit angestoßen hat. Zum Thema des Tabubruchs haben Ralph Giordano, Wolfgang Clement und Klaus von Dohnanyi meiner Ansicht nach die bisher überzeugendsten Kommentare dazu abgegeben, als auch Medienphilosoph Norbert Bolz.

    Viel zu wenig Beachtung gefunden hat bisher das Problem unserer eigenen kulturellen Verwahrlosung, das völlig unabhängig von kulturellen Einflüssen von Einwanderern und ohne jegliche Mitschuld der angesprochenen Gruppe von Integrationsunwilligen aus dem vornehmlich Arabischen und Türkischen Kulturkreis besteht. Denn ohne die geringe Geburtenrate der Deutschen fiele die Einwanderungsproblematik viel weniger intensiv aus. Jedem dürfte auffallen, dass das enorme Möglichkeitsfeld von Lebensentwürfen, Freizeitgestaltung, die Revolution der Geschlechterrollen und die Technologisierung unsere Wohlstandsgesellschaft zu vielen Menschen Orientierungslosigkeit bereitet. Häufung von Psychischen Krankheiten und Einsamkeit sind Symptome für diese Orientierungslosigkeit, als auch die Verrohung in Gewaltdarstellung in den Medien und Gewaltexzesse von Jugendlichen. Die damit verbundene Abnahme von solider Beziehungsfähigkeit und Kinderwunsch, als auch die mittlerweile in der Gesllschaft unkritisierte, unreflektierte Praxis der Abtreibung scheinen Hauptgrund für dieses Demographie-Dilemma zu sein.

    Als ich mit einem befreundeten Päärchen vor Jahren über dieses Dilemma sprach und provokativ meinte, die Deutschen sterben aus, meinte mein Freund polemisch: “kein Problem, die Welt leidet ja eh schon an Überbevölkerung.” 4 Jahre später kämpfen die beiden nun mit einem innigen Wunsch nach einer eigenen Familie, Adoption käme für ihn nicht in Frage und so bemühen die beiden sehr teure pränatal-medizinische Verfahren in den USA, die ihnen in Deutschland verwehrt werden.

    Warum diese Verfahren, Stichwort Gastmutter, verwährt sind, führt zurück zu den angesprochenen “Tabus”, man scheut in Deutschland nämlich die Gefahr in den Biologischen Prozess der Geburt durch “Selektion” einzugreifen, auch wenn durch eine derartige “Selektion” in diesem Falle überhaupt erst ein Leben entstünde. Komischerweise hat man beim Thema Abtreibung dazu eine viel entspanntere, liberalere, indifferentere Position.

    Die Tatsache daß mein Freund erst meint, er hielte es für kein Problem wenn die Deutschen aussterben, und in dem Fall als er Vatergefühle entwickelt, weite Wege geht um eigenen Nachwuchs erleben zu dürfen, zeigt exemplarisch das Deutsche Identitätsproblem.

    Er fühlt nämlich anders als er sich traut, denken zu dürfen. Und es wird ihm, wie Sarrazin auch, von vielen Seiten nicht erlaubt so zu fühlen und zu denken.

    Das Schlüsselwort ist Identität. Die Deutschen sollten gerne und selbstbewußt Deutsch sein, ohne sich dabei automatisch als Rassisten oder Nationalisten befürchten zu müssen. Nicht “autochthone” oder “genuine” oder “eingeborene”, sondern einfach “Deutsche”, ohne mangelndes Selbstverständnis, ideologische Zweifel oder unbegründete Ängste.

    Niemals wäre der Begriff “Deutsch” exklusiv, das war er auch nie, denn die Deutschen sind aus einem Melting Pot Hunderter Stämme und Völker in den vergangenen Jahrhunderten hervorgegangen und das macht sie aus. Eingewanderte, Integrierte, Assimilierte oder Deutsche anderer Abstammung sollten sich selbstverständlich als Deutsche empfinden wenn sie das wollen. Aber wie könnten sie das wenn die Deutschen es nicht einmal können?

    In einer Globalisierten Welt sollten wir doch eigentlich längst entdeckt haben können wie selbstverständlich und notwendig die eigene völkische Identität der Menschen ist, egal ob in China, Tibet, Türkei, Kurdistan, oder irgendwo sonst auf der Welt. Bei der Identitätsfrage anderer Völker haben wir keinerlei Einwände, nur uns selbst bezüglich.

    USA, Kanada oder Australien werden oft genannt als Vorbilder moderner Einwanderungsländer. Aber erstens haben und fördern diese Nationen ein starkes, patriotisches “Wir”-Gefühl, zweitens handelt es sich bei all diesen Ländern um riesige Landgebiete und drittens ist es ihr Selbstverständnis seit Staatsgründung.

    Deutschland sollte sich als “Zuwanderungsland” begreifen, und nicht mit klassischen Einwanderungsländern verwechseln.

    Das ist meiner Ansicht nach auch Sarrazins Kern-These, denn solange man kein unbeschwertes, unverklärtes Deutsches Selbstverständnis aufbringen kann oder will, kann man sich auch mit der Einwanderungsproblematik nicht im Sinne der Mehrheit der Deutschen beschäftigen. Und der Hauptlösungsvorschlag Sarrazins ist Bildung. Diese Bildung sollte auf mehr Gemeinschaftsgefühl und weniger Individualismus, als auch mehr Demokratie und weniger Paternalismus und Patriarchismus (Islam) ausgerichtet sein. Auch die Sexuelle Revolution, Geschlechterrollen, Familienwerte sollten unideologischer, tabufreier neu betrachtet werden. In allem gilt immer: These-Antithese-Synthese. Eine neue, wahrhaftigere Synthese sollte nicht verbaut werden weil man sich neuen Anti-Thesen nicht stellen will und in seiner alten Überzeugung beharrt.

    Ich habe jetzt verschiedenste Aspekte der Einwanderungsproblematik bloß angerissen, und ich bin mir sicher dass auch Sarrazin nicht alle Fragen und Antworten weiß, allerdings ist es schlimm, dass viel zu viele Journalisten und Politiker in der Kontroverse gezeigt haben, dass sie für neue Thesen einfach nicht offen sind, da sie sich mit ihrer Synthese längst abgefunden haben wollen – das gibt eben auch “Stabilität” wenn man seine lieb gewonnenen Werte und Perspektiven nicht neuen Anti-Thesen, Überprüfungen unterzieht.

  • Theeuropean-placeholder
    S. Vocasek – 12.09.2010 - 11:39

    ein Beitrag, den ich mir kopiert habe, was nicht allzu oft passiert.
    Genug drin, um es nochmal zu lesen,
    Und genug, um etliches in den Gesprächsrunden, an denen ich beteiligt bin, einzubringen. Bin gespannt.
    Jetzt selbst noch was:
    Ich jedenfalls habe diesen differenzierten Beitrag wohltuend empfunden, und kurz und knackig geht das halt nicht.
    Warum nur gelingt es anderswo kaum, diese vermaledeite Gen-Debatte von den e i g e n t l i c h e n Problemen zu trennen?
    Müssen wir denn, weil Sarrazin da was vermengt hatdas jetzt ständig auch tun? Als ginge es um Sarrazin???
    Geht es nicht vielmehr um u n s?
    Herr Wöhler benennt die offensichtlichen Minderwertigkeitskomplexe der Deutschen. Ein gestörtes Identitätsbewusstsein. Das uns hindert, so normal wie andere europäische Nationen an die mit der Zuwanderung verbundenen Probleme heranzugehen. Und jeden medial niederzumachen, der es w a g t , das zu durchbrechen.
    Er benennt ein zweites: Verwahrlosung/Orientierungslosigkeit. Soll es geben, in nennenswertem Umfang.
    Wäre es nicht gut, wenigstens mal zu fragen, ob das so ist?
    So etwas eben nicht zu übergehen, oder von vornherein abzuwimmeln?
    In unseren Kreisen werden wir uns diese Fragen stellen.

  • Theeuropean-placeholder
    Hekto – 08.09.2010 - 12:05

    Ist das nicht schön? Alles reitet auf den angeblichen Genetik-Thesen rum, die in dem Buch überhaupt keinen Springenden Punkt bilden und das, was dringend überfällig ist, nämlich eine Diskussion zum Thema mangelnder Integration kann wieder auf der Strecke gelassen werden. Unter Kindern auf dem Spielplatz würde man Leute, die das machen “Feiges Huhn” nennen. Hier ist es gängige Praxis. Bloß nicht mal am Mythos Multi-Kulti kratzen…
    Ansonsten kann ich guten Gewissens auf http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E0BA58CB76DCA4727AF22D46B029674C2~ATpl~Ecommon~Scontent.html
    verweisen.

  • Theeuropean-placeholder
    Sebastian F. – 08.09.2010 - 13:03

    Also nur mal um von der braunen Soße Abstand zu nehmen, meine Cheffin ist Muslime. Und ich arbeite sehr gerne mit Ihr, auch in meinem sonstigem Umfeld habe ich viele Freunde mit Migrationshintergrund.

    Bezeichnent hierbei ist aber, dass wenn man der Grundaussage Herrn Sarrazins zustimmt, gleich in eine Ecke gedrängt wird. Bravo!

    Bzgl. der andauernden Diskussion über die Aussage der Gene ist es doch so, dass hier für alle konservativ in Ihre Meinung verzweigten Menschen der größte Angriffspunkt besteht um einen Mann anzugreifen, der in dieser These sich wirklich entweder unglücklich ausgedrückt hat oder falschen Vermutungen aufsaß.

    (Viele Thesen und Aussagen sind überspitzt und sehr provokant, aber anscheinend muss es so sein, denn selten wurde soviel in der breiten Öffentlichkeit über die Integrationsproblematik in Deutschland gesprochen.)

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