Wenn unsere Werte uns etwas bedeuten, können wir uns nicht an der Seitenlinie ausruhen. Martti Ahtisaari

„Technologie kann eine konservative Kraft sein“

Bedroht das Internet die freiheitliche Gesellschaft? Harry Lewis ist ein Kritiker des Fortschrittsoptimismus. Mit Cora Currier sprach er über digitale Identitäten, die Ethik des Internets und die Gefahr des Kontrollverlustes.

The European: Lassen Sie uns einsteigen mit einer Frage nach unseren Bürgerrechten: Wir reden gerne vom demokratisierenden Einfluss des technologischen Fortschritts oder sogar davon, dass sich Machtstrukturen aushebeln lassen. Sie aber warnen vor der Bedrohung für die freiheitliche Gesellschaft.
Lewis: Ich gebe Ihnen ein Fallbeispiel. Im Bundesstaat Massachusetts hat die Polizei vorgeschlagen, Autokennzeichen automatisch zu erfassen und mit Datenbanken abzugleichen. Natürlich kann das dabei helfen, Verbrechen aufzuklären. Aber viele Gemeinden haben Schwierigkeiten zu entscheiden, ob uns das langsam zu einem Polizeistaat macht oder ob die Vorteile überwiegen. Hier ist meine Sorge: Jeder kann sich solch eine Kamera kaufen, herumfahren, Kennzeichen scannen und eine Datenbank aufbauen. Wenn sie crowdsourcing benutzen, können Sie sehr schnell eine große Anzahl von Daten erfassen. Wir wissen dann immer noch nicht, wer sich hinter diesen Kennzeichen verbirgt, weil diese Informationen nicht öffentlich verfügbar sind. Aber auch das können Sie crowdsourcen. Wo wohnen die Eigentümer dieser Fahrzeuge? Wo parken sie? Im Lauf der Zeit erhalten wir also genau die Datenbank, die sich die Strafverfolgungsbehörden wünschen. Vor zehn Jahren war das unmöglich, aber heute ist die Technik billig und fortschrittlich genug. Es gibt eine Webseite, auf der man nichts anderes macht, als Seriennummern von Dollarnoten einzugeben. Mit etwas Glück kann man sehen, wer den Geldschein vor oder nach Ihnen hatte, aus reiner Neugier. Sie können sich gar nicht vorstellen, womit die Leute ihre Zeit online verbringen! Die negative Konsequenz ist, dass heute jeder das machen kann, wozu früher nur die Mächtigen in der Lage waren.

The European: Wenn das Machtmonopol verloren geht, geht auch die Kontrolle verloren?
Lewis: Genau. Ein zweites Beispiel: Vor dem obersten Gericht im Bundesstaat Washington gab es vor einigen Jahren einen Fall, in dem verhandelt wurde, ob die Unterzeichner von Petitionen öffentlich sein sollten. In der Vergangenheit waren solche Petitionen immer öffentliche Dokumente. Aber eben nicht so öffentlich, dass jemand aus einem Internetcafé in Islamabad in fünf Minuten herausfinden kann, ob ich etwas unterschrieben habe. Die sofortige Verfügbarkeit ohne Hürden heißt, dass solche Dokumente jetzt wirklich öffentlich sind. Die Demokratie braucht die öffentliche Auseinandersetzung, wir wollen nicht, dass Politik hinter verschlossenen Türen gemacht wird. Aber es gibt das Argument, dass der demokratische Prozess behindert wird, wenn wir immer alles über unsere Mitmenschen wissen. Unsere Vorstellungen von Transparenz und Öffentlichkeit stammen aus einer Zeit, in der Informationen wirklich noch wertvolle Güter waren, die mühsam gesammelt und verteilt werden mussten.

The European: Es gibt sehr wenige technologische Hürden für die Datensammlung. Stattdessen, schreiben Sie, sollten wir soziale Hürden errichten.
Lewis: Ja, wir brauchen soziale Konventionen. Vor allem, weil jede juristische Einschränkung unweigerlich dazu führen würde, dass Grundrechte wie die Meinungsfreiheit oder die Informationsfreiheit beschränkt würden. In den USA zählen Düngemittel zur Klasse der kontrollierten Substanzen, weil sie in großen Mengen zur Herstellung von Bomben verwendet werden können. Sie können einen Sack kaufen, kein Problem. Aber wenn Sie eine Wagenladung wollen, müssen Sie Namen, Adresse und Telefonnummer hinterlassen. Wird das mit Daten genauso ablaufen? Weil wir vielleicht davon ausgehen können, dass Datensammelwut nicht Gutes verheißt?

“Für Werber ist das Netz eine Goldgrube”

The European: In den meisten Fällen – zumindest in Europa und in den USA – haben wir es nicht direkt mit einem Orwell’schen Überwachungsstaat zu tun. Uns stellt niemand das Internet ab, wie es die ägyptische Regierung getan hat. Stattdessen haben wir doch ein System des Informationsaustausches, in dem jeder partizipiert.
Lewis: Den Orwell’schen “großen Bruder” haben wir nicht, aber vielleicht den “kleinen Bruder”. Ich finde, dass wir genug Grund haben, uns über die Überwachungskapazitäten des Staates zu sorgen. Und gleichzeitig sorge ich mich darum, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen. Und am meisten sorge ich mich, wie wir mit uns selbst umgehen, wie viele Informationen wir ins Netz stellen. Es ist fast unmöglich, ein Leben ohne digitale Spuren zu leben.

The European: Wen wundert es? Es ist extrem schwer und folgenreich, sich dem technologischen Fortschritt zu verweigern.
Lewis: Ganz viel passiert ohne unser Wissen. Wir sind uns zwar alle bewusst, dass wir uns öffentlich präsentieren. Aber wir werden beruhigt mit der Versicherung, dass die verschiedenen Entitäten, mit denen wir beispielsweise kommerziell interagieren, nicht hinter unserem Rücken Daten austauschen und Nutzerprofile erstellen. Aber darauf können wir nicht länger vertrauen. Für jeden von uns existiert ein Nutzerprofil bei einem der Datensammler – Firmen, von denen wir wahrscheinlich noch nie gehört haben. Sie haben enorme Datenmengen, weil sie alle möglichen Informationsstränge zusammenführen. Diese Profile werden dann an Firmen verkauft.

The European: Ein Paradox – Informationen werden unglaublich billig, aber gleichzeitig enorm wertvoll.
Lewis: Sie haben gar keine Idee, was “Die” alles über uns wissen. Ich finde das erschreckend. Eine Studie während der Präsidentschaftswahl 2004 hat Fotos der Kandidaten Bush und Kerry mit Persönlichkeitsmerkmalen von Testpersonen kombiniert. Bei diesen manipulierten Fotos stieg die Affinität der Testpersonen mit den Kandidaten deutlich an, obwohl sie nicht wussten, dass die Fotos verändert worden waren. Wenn Sie sich jetzt überlegen, wie wichtig Werbung im Internet ist, dann ist offensichtlich, welchen Effekt solche unbewussten Manipulationen haben können. Für Firmen ist das eine Goldgrube. Theoretisch können die sich bei einem Ihrer verfügbaren Fotos frei bedienen. Das Bild Ihres Gesichts war zwar noch nie Ihr Privateigentum, aber jetzt ist es zur Ware geworden.

The European: Und wie soll diese Schattenwirtschaft reguliert werden?
Lewis: Es gibt aktuell vor allem das Kleingedruckte: Hunderte Seiten an Schrift, die genau auflisten, welchen Dingen Sie zustimmen. Aber vielleicht wollen Sie einfach nur ein Paar Schuhe über das Netz kaufen, ohne dafür einen Anwalt zu benötigen. Die Wahrheit ist doch, dass niemand das Kleingedruckte jemals liest. Das Paradigma von Benachrichtigung und Zustimmung ist nutzlos. Wir können versuchen, das zu verändern – aber es gibt keinen Wettbewerb um Transparenz. Niemand kann beurteilen, ob die Nutzungsbedingungen einer Firma besser sind als die einer anderen. Ich denke, die einzige Lösung ist Bildung: Kinder müssen lernen, verantwortungsbewusst mit Informationen umzugehen.

“Flucht ist möglich”

The European: Die kommende Generation denkt über manche dieser Fragen wahrscheinlich ganz anders nach. Glauben Sie, dass unsere Kinder das Netz so gut verstehen werden, dass sie automatisch für Datenschutz sensibilisiert sind? Oder ist das Internet so allgegenwärtig, dass wir immer weniger darüber nachdenken?
Lewis: Das ist eine gute Frage. Ich beschäftige mich seit den 60er Jahren mit Computern. Und seit dieser Zeit versuchen wir, Metaphern zu visualisieren. Anstatt also zum Beispiel numerische Werte einzutippen, gibt es einen Slider, den man mit der Maus bewegen kann. Es ist elektrisch, sieht aber mechanisch aus. Aber diese frühen Metaphern waren so klobig, dass man wirklich nicht vergessen konnte, dass man es mit einem Computer zu tun hatte und nicht mit der Realität. Heute ist die digitale Welt so fortgeschritten, dass wir uns leicht darin verlieren. Daher kommt meine Sorge um das Erwachsenwerden mit dem Internet. Wir werden es vielleicht verlernen, gründlich zu lesen und intensiv nachzudenken, zu analysieren, lang zu argumentieren. Ich befürchte auch, dass die Menschen auf eine Identität festgelegt sein werden. Es wird immer schwieriger, sich aus dem Hier und Jetzt zu lösen. Jeder ist konstant dabei, Updates zu verarbeiten. Soziale Vernetzung ist wunderbar und es wäre sicherlich interessant zu wissen, was meine Mitschüler aus der Grundschule heute machen. Aber vielleicht ist es auch ganz gut, dass sich unsere Wege irgendwann getrennt haben. So konnte jeder für sich selber wachsen.

The European: Das ist interessant. Normalerweise hören wir das Gegenteil: Das Internet anonymisiert uns, es erlaubt uns, neue Identitäten zu formen.
Lewis: Ich bin mir nicht sicher. Der Prozess der Identitätsfindung ist heute sehr anders, weil wir natürlich leichter aus der eigenen Familie und der eigenen Kultur ausbrechen können. Wir können Netzwerken beitreten, von deren Existenz wir früher nur hätten träumen können: Der schwule Junge im ländlichen Kansas kann sich im Netz entfalten. Flucht ist also möglich. Ich bezweifele nur, dass die Mehrzahl der Fälle so aussieht. Sobald zum Beispiel Virensoftware auf dem Computer installiert ist, werden plötzlich alle Bewegungen aufgezeichnet. Technologie kann existierende Strukturen verstärken und eine sehr konservative Wirkung haben.

The European: Und technologische Veränderungen beeinflussen die Maßstäbe, nach denen wir politische Entscheidungen beurteilen.
Lewis: Die Unterscheidung zwischen privatem und öffentlichem Raum greift inzwischen zu kurz. Vielleicht führt das wirklich dazu, dass wir uns besser verhalten und die Gesetze achten. Aber eine Rolle der Privatsphäre war es immer, Raum zu schaffen für soziale Innovationen. Ideen, die unattraktiv für den Mainstream waren, begannen sich innerhalb kleiner Zirkel zu verbreiten und von dort aus in der Gesellschaft aufzugehen. Diese Entwicklungen sind heute gefährdet. Wir haben etwas zu verlieren, wenn wir alle nach den gleichen Normen agieren, weil es keine privaten Räume mehr gibt. Das ist meine eigentliche Sorge. Technologie kann enorm emanzipierend wirken, aber sie kann eben auch den existierenden Autoritäten nutzen: Eltern, Regierungen oder gesellschaftlichen Konventionen.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Juli Zeh: „Ich bin gegen Rauch- und Trinkverbote“

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