Eine Regierung, die alle Bürger verdächtigt, sollte abtreten und sich ein anderes Volk suchen. Volker Beck

Obrigkeitsstaatliche Spaßbremsen

Wer andern das Rauchen verbieten will, verwendet falsche Metaphern und will den Menschen in einer stinkenden Welt ihren Geruchssinn zurückgeben. Dabei sind Glimmstängel ausweislich ihrer Kulturgeschichte cool.

Die Bayern verderben sich basisdemokratisch den Spaß und antworten auf die Frage “Wollt ihr das totale Rauchverbot?!” im Chor “Jaaaaa!”. Wenigstens beschließen die Bürger ihre Entmündigung in diesem Fall selbst, statt sie von obrigkeitsstaatlichen “Verbraucherschützern” oder Gesundheitspolitikern verordnet zu bekommen. Das ändert nichts daran, dass dies eine vollkommen unzulässige Bevormundung ist.

Und alle so: “Jaaaa!”

“Rauchen in öffentlichen Räumen ist, wie in einen öffentlichen Pool zu pinkeln” – völlig richtig. Wer aber als Nichtraucher Alkoholikern in Eckkneipen mit Daddelautomaten die Zigarette verbietet, könnte ebenso gut als kinderloser Single im Babybecken inkontinenten fremden Nachwuchs ohrfeigen. Die zivile Alternative: freiwillig draußen bleiben. Der Nichtraucherschutz ist nur vorgeschoben, sonst könnte sich jeder Wirt mit einer guten Lüftung freikaufen. Tatsächlich geht es um Volkserziehung, um die staatliche Regulierung auch noch des privatesten Lebensrisikos.

Ich habe seit acht Jahren keine Zigarette angerührt. Ich beneide all jene echten Gelegenheitsraucherinnen (es sind interessanterweise ausschließlich Frauen), die tatsächlich fünf Zigaretten an einem schönen Abend rauchen und dann wochenlang keine anrühren. Denn natürlich ist rauchen stylish, kontaktfördernd und schlichtweg cool: Gerade weil es keinen echten Nutzen bringt. Vielen Menschen bereitet es Freude, ihr Selbstbild aus einer sorgfältigen Markenmischung zu kompilieren. Insofern ist es lächerlich, wenn ein frankofiler Gauloises-Raucher sich statt als “selbstbestimmt” als “Marketing-Opfer” diffamiert sieht – von meinem Vorredner, dessen Panerai ebenso laut den finanziellen Erfolg ihres Besitzers postuliert, wie eine Packung “Drum”-Tabak verkündet, Geld sei aber mal sowas von egal.

Gerne würde ich persönlich die Linda-Farrow-Brille, Eterna-Uhr und den Montblanc-Füller mit der wunderschönen blauen NIL-Packung ergänzen – doch leider brächte es mich mittelfristig um. In diesem Wissen lautete mein Schwur vor Jahren: “Auch weiterhin dürfen Gäste in meiner Wohnung rauchen. Niemand wird jemals in die Kälte geschickt. Aschenbecher und auch Zigaretten stehen stets bereit. Und sollte ich jemals irgendein Zeichen der Militanz bei mir bemerken, zünde ich mir sofort eine an!”

Selbsthilfeautoren und Tabakfirmen wollen an unser Geld

Hier nun das ehrliche Antidot zu verlogenen Nichtraucherratgebern:

  • Absolut jeder mir persönlich bekannte Ex-Raucher hat mit dem Ende dieses Hobbys dramatisch zugenommen, es gibt nicht eine einzige Ausnahme von dieser Regel.
  • Ex-Raucher sind tatsächlich körperlich leistungsfähiger. Zum Glück, sonst überlebten sie nämlich die Dosis Sport nicht, die nötig ist, um die Verfettung einigermaßen auszugleichen.
  • Wie versprochen regeneriert sich der Geruchssinn sehr schnell – was fantastisch ist, wenn man hauptberuflich für den Guide Michelin arbeitet oder Sommelier ist. All jenen, die gelegentlich öffentliche Verkehrsmittel benutzen, ist das hingegen blanke Folter.
  • Welch großartige Gesprächseröffnung “Hätten Sie mal Feuer?” ist, merkt man erst, wenn sie nicht mehr zur Verfügung steht. (Abhilfe schafft nur ein sehr süßer Hund.)

Krankenkassenwarte und Selbsthilfeautoren haben mit Tabakfirmen eines gemeinsam: Sie wollen an unser Geld! Doch egal, was sie erzählen, der empirische Coolnessbeweis existiert, und ist mit seinem Hauptdarsteller unsterblich: Wenn rauchen uncool wäre, wieso ist “Casablanca” ohne Zigaretten undenkbar?

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Onkologiestation – 16.07.2010 - 10:10

    Herr Harnasch konnte sich von der vermeintlichen Romantik des Rauchens noch immer nicht befreien. Warum er überhaupt aufgehört hat erscheint mir rätselhaft. Um sein Trauma abzuschütteln wäre ein Besuch in einem größeren Krankenhaus sicher hilfreich. Da kann er sehen wie sich Tabakrauchfolgen auswirken: Bei COPD (da dauerts es wesentlich länger als bei einem Bronchialkarzinom) , ein Zungen, Mundhöhlen, Kehlkopf, Speiseröhren, Magen, Blasen oder ein Darmkrebs ist dann des Rauchers Endstadium.
    Bar jeder Romantik.
    Schmidt´s gibt`s nur vereinzelt.
    Aber jeder wie er glaubt…

  • Theeuropean-placeholder
    Ihr Name – 16.07.2010 - 10:25

    “Denn natürlich ist rauchen stylish, kontaktfördernd und schlichtweg cool: Gerade weil es keinen echten Nutzen bringt.”

    Im Gegenteil Rauchen ist eine elendige Sucht, von der viele Raucher gern wegkommen möchten.

    Rauchen stinkt, was von einigen aufgrund der eingeschränkten Geschmacks- und Geruchsfähigkeit nicht mehr wahrgenommen wird.

    Es ist auch nicht cool; denn wie kann nur so dumm sein, ein Produkt zu konsumieren, was bei bestimmungsgemäßen Gebrauch oft zum Tod führt und dafür auch noch Unmengen von Geld auszugeben.

    Alles andere wie “staatliche Regulierung und Volkserziehung” sind Begriffe der Tabak-Drogen-Industrie, die hier gedankenlos verwendet werden.

    Offenbar hat die Gehirnwäsche dieser Industrie bei einigen vollen Erfolg gehabt.

  • Theeuropean-placeholder
    Ralf Köhl – 16.07.2010 - 11:07

    Es war einmal eine Kanzlerin, die fragte ihren Finanzminister. Wenn wir jetzt das Rauchen fast überall verbieten nehmen wir doch weniger Tabksteuern ein?Beide überlegten wie sie das drohende Finanzloch wieder füllen könnten. Ich habs, sagte da der eine. Dafür verkaufen wir Lizenzen um die Luft weiterhin mit giftigen Abgasen zu verpesten, das lassen sich Kraftwerksbetreiber, Chemie und Autoindustrie jede Menge kosten, das bringt uns sogar mehr. Und was ist wenn die Nichtraucherverbände dahinterkommen? Durch die giftigen Abgase bekommt man ja nicht nur Lungenkrebs, sie zerstören doch auch die Ozonschicht und dann bekommt man Hautkrebs. Keine Angst sagt da die Kanzlerin, was diese Ignoranten nicht sehen und riechen können das existiert für sie auch nicht, Hauptsache wir haben erst mal das Geld und ihre Stimmen für die Wahl, und bis das mit dem Hautkrebs kommt sind wir ja nicht mehr da.

  • Theeuropean-placeholder
    sherlogg – 16.07.2010 - 11:08

    Als -NIE-raucher habe ich sowieso keine Probleme mit der Gewichtzunahme. Seit langem bekannt ist die Tatsache, dass Rauchen nicht schlank macht, sondern der Rauchstopp dick machen kann, wenn man anstatt Zigaretten Schokolade und Co. in sich hineinstopft.

    http://www.ammenmaerchen.com/ammenmaerchen/rauchen-macht-schlank-5…3.html

    Neu ist jedoch die Erkenntnis, dass Raucher genauso zunehmen wie die, die das Rauchen aufgehört haben. Das Rauchen schlank macht ind Rauchstopp Übergewicht erzeugt ist eine urbane Legende, die sich als Folge der Gehirnwäsche der Tabakindustrie hartnäckig hält.

    http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/40966/Kohortenstudie_zeigt_Rauchen_haelt_nicht_schlank.htm

  • Theeuropean-placeholder
    G-H-L – 01.08.2010 - 19:11

    Eben nicht! Rauchen macht nicht schlank, sondern es dämpft das Hungergefühl.
    Ist genauso wie mit den Statistiken. Man muß sie nur solange drehen und wenden bis sie passen.

  • Theeuropean-placeholder
    inci – 16.07.2010 - 11:14

    ja, ja, rauchen ist eine sucht und die ganzen gelegenheitsraucher sind erfindungen der tabak-mafia.

    gott sei dank gibt es keine gehirnwäsche durch pharma-industrie und von der WHO finanziell unterstütze pressure groups, im volksmund freundlich verbraucher-gesundheit-oder sonst was organisation genannt.

    und die stabsstelle bei der tabakkontrolle in genf, die MSD 1999 nicht nur finanziell sondern auch mit eigenem personal unterstützt hat, macht das aus reiner menschenliebe.

    und daß in deutschland der wat (wissenschaftlicher arbeitskreis tabak) eine gründung durch eine PR-agentur im auftrag für novartis zu ihrem product nicotinell war, ist auch nur so lange ein hirngespinst, bis man es googelt.

    schweißgebadete grüße
    inci

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