Wenn während einer Wirtschaftskrise Angestellte eines mittelständischen Betriebs aus Angst um ihren Job auf die Straße gehen, ist das normalerweise eine Randnotiz. Doch die tausend Demonstranten, die in München präventiv gegen Stellenabbau demonstrierten, fanden bundesweit Aufmerksamkeit. Denn erstens interessieren sich Journalisten für ihresgleichen und zweitens weckt die Süddeutsche Zeitung größere Emotionen als irgendein Metallverarbeiter. Auch weil das Blatt entgegen dem Branchentrend während der Krise kaum Auflage verloren hat, stellt sich die Frage: Was ist da los?
600 Millionen für die Mehrheit der SZ
Die Süddeutsche Zeitung hat ihren Eigentümerfamilien neben Prestige auch meist gute Gewinne gebracht. Der neue Besitzer hat weniger Glück: Die Südwestdeutsche Medienholding verlegte traditionell solide, aber wenig glamouröse Lokalblätter wie den Schwarzwälder Boten. Als Sie Anfang 2008 für 600 Millionen Euro die Mehrheit an der SZ übernommen hat, stieg sie nicht nur bezüglich Umsatz und Verbreitung in die Bundesliga auf. Zwar kommentiert die SWMH ihren Einstieg bei der SZ nicht, man darf aber unterstellen, dass der Kaufpreis ihr auch aus Prestigegründen gerechtfertigt erschien. Ähnlich wie beim Wall Street Journal, das aus Familienbesitz ins Imperium des Rupert Murdoch wechselte, bekundeten aber nicht nur die Vorbesitzer ihre Sorge um die Qualität des Blattes. In der Redaktion waren die neuen Eigentümer von Beginn an unbeliebt.
Einbrüche und Streichungen
Und die Furcht vor wirtschaftlichem Druck erwies sich schnell als begründet: Unmittelbar auf den Deal, der auch mit einem Kredit über 300 Millionen Euro finanziert worden sein soll, folgte die Wirtschaftskrise und damit ein massiver Einbruch der Werbeeinnahmen. Der zweitgrößte Zeitungsverleger der Republik versuchte, massiv zu sparen: Im Süddeutschen Verlag wurden 70 von 90 Verwaltungsstellen gestrichen, doch trotz dieser Kündigungen erwartet der Süddeutsche Verlag in diesem Jahr einen Verlust von etwa 10 Millionen. Laut Betriebsrat sind die Anzeigeneinnahmen um 50 bis 60 Millionen niedriger als im Vorjahr, allein 60 Prozent der Stellenanzeigen seien weggefallen. Ein Blick auf die anderen Blätter der Holding macht wenig Mut: In der Stuttgarter Zeitung wird grade ein Plan zum Stellenabbau umgesetzt, es gilt ein Einstellungsstopp, beim Sonntag aktuell wurde allen Redakteuren die Kündigung zum Ende des Jahres angedroht.
Folglich herrscht bei der SZ die nackte Angst. Dabei bräuchte das Blatt jetzt ein motiviertes Team, das mit frischem Elan in die Zukunft blickt. Die Auflage ist recht stabil, die journalistische Qualität bisher noch vorzüglich, aber es gäbe genug zu tun: Das Internet wird bei der SZ noch immer als grundsätzlich feindlich betrachtet, was sich an end- und letztlich erfolglosen juristischen Scharmützeln gegen den Feuilletonlotsen Perlentaucher ebenso zeigt wie an der eigenen Homepage. Die sieht entsprechend aus: Es gibt kaum frei zugängliche Inhalte aus der Printausgabe und über die Kommentarmoderation wochentags von 8 bis 19 Uhr lacht die gesamte Branche. Die gedruckte Zeitung hält zwar ihr Qualitätsversprechen, aber sie vermag nicht mehr zu überraschen. Dabei könnte die Redaktion vom eigenen Magazin lernen. Doch die ist verständlicherweise in Schockstarre. Die SWMH hat sich offenbar übernommen und will trotzdem anscheinend keinen weiteren Investor ins Boot holen. Bei der SZ rigoros zu sparen wäre allerdings Suizid aus Angst vor dem Tod. Am 27. Oktober soll bei einer Betriebsversammlung die neue Strategie verkündet werden.



















