Wir sollten mit dem Wort Krieg vorsichtiger umgehen. Tilman Brück

„Bildung ist hoffnungslos unterfinanziert“

Wirtschafts- und Bildungspolitik hängen für den Unternehmer Harald Christ unmittelbar zusammen. Mit Lars Mensel sprach er über die europäische Wirtschaftskrise, deutsche Gründerkultur und die Vorteile des Scheiterns.

The European: Im „Focus“ haben Sie Philipp Rösler einen „Praktikanten im Wirtschaftsministerium“ genannt. Und doch schreiben Sie in Ihrem Buch, dass Deutschland gut aus der Wirtschaftskrise gekommen sei.
Christ: Herr Rösler kann nichts dafür, dass wir bis heute so gut aus der Wirtschaftskrise gekommen sind. Was die nächsten Monate bringen werden, weiß natürlich kein Mensch. Die künftige Entwicklung wird von so vielen Themen abhängig sein, dass die Lage schwer einzuschätzen ist. Herr Rösler hat also wenig zu der guten Entwicklung beigetragen, das hat aber auch damit zu tun, dass das Wirtschaftsministerium kaum Gestaltungsspielraum besitzt. Der FDP-Vorsitzende gibt quartalsweise die Arbeitslosenzahlen und Tendenzen zum Wirtschaftswachstum bekannt. Das war es dann aber auch.

The European: Wie hätte das Ministerium optimal verfahren sollen?
Christ: Ich plädiere dafür, unabhängig von der regierenden Partei, das Ministerium wieder zu einem Gestaltungsministerium zu transformieren. Forschung, Entwicklung und Wissenschaft gehören aus meiner Sicht zu diesem Bereich. Zukunft und Innovationen könnten in einem so aufgewerteten Haus wieder eine bedeutende Rolle spielen. Wir müssen viel mehr als heute in die Bereiche Bildung, Fortschritt und Entwicklung investieren – denn die Krise bedroht akut unser Gemeinwesen und unseren Wohlstand. Wir müssen außerdem dafür Sorge tragen, dass die Themen Zuwanderung und Integration behandelt werden, welche unter der größeren Überschrift Fachkräftemangel stehen. Nicht nur junge Talente müssen so gefördert werden, auch die von außen zu uns kommenden Menschen, die hier in Deutschland bleiben werden. Das alles sind Faktoren, um langfristig global wettbewerbsfähig zu bleiben.

Herr Rösler hat sein Amt aus parteipolitischem Kalkül bekommen, nicht aufgrund seiner Kompetenz. Hier setzt meine Kritik an. Für dieses Ministerium ist er aus meiner Sicht ungeeignet, weil er in seiner bisherigen Vita keine Erfahrungen gesammelt hat, die den notwendigen Background gäben.

„Natürlich kann Griechenland pleitegehen“

The European: Beschränken wir uns ausschließlich auf Schadensbegrenzung? Ein Guttenberg hat sich als Opel-Retter geriert und dafür öffentlichen Zuspruch geerntet, obwohl die Einstellung aus wirtschaftspolitischer Sicht zumindest fragwürdig war.
Christ: Auch Herr zu Guttenberg war die falsche Besetzung für das Amt. Ihn trifft dieselbe Kritik wie Herrn Rösler: Ihm mangelte es an Erfahrung. Die Opel-Geschichte war im Sinne des Politmarketings ein geschickter Schachzug. Auch wenn Herr zu Guttenberg, nüchtern betrachtet, am Ende umgefallen ist, denn am Ende bekam der Autobauer natürlich Staatshilfen. Zu Guttenberg hätte also zurücktreten müssen, was er bekanntlich nicht getan hat. Handwerklich ist mir keine seiner Initiativen positiv in Erinnerung geblieben. Sein Marketing war allerdings gut.

The European: Was für Qualifikationen muss denn ein Wirtschaftsminister mitbringen? Ein Wolfgang Schäuble steht exemplarisch für einen Politiker, der anscheinend mühelos jedes Ministerium besetzen kann.
Christ: Ein Wirtschaftsminister muss Erfahrung mitbringen und makroökonomische Zusammenhänge verstehen. Er muss wissen, wie Wirtschaft funktioniert und wie komplex Unternehmen, Staaten und Wirtschaftsräume miteinander verbunden sind. Er muss wissen, welche Folgen es hat, einzelne Stellschrauben neu zu justieren. Die jetzige Krise zeigt das. Sachverstand, Erfahrung und Motivation sind entscheidend – ein Wirtschaftsminister sollte sich nicht aus einer medialen Laune dazu hinreißen lassen, etwas zu sagen, was am Ende des Tages zu Verunsicherung führt und Auswirkungen auf den Märkten hat. Natürlich kann Griechenland pleitegehen. Aber ich erwarte von einem Minister, dass er nicht zur Unzeit solche Überschriften in die Welt posaunt. Wirtschaftlicher Sachverstand reicht also nicht aus, auch die politische Dimension muss verstanden werden.

The European: Es gibt einen Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Bildung. Während die USA unter Obama versuchen, die Wirtschaft zu stimulieren, erleben wir in Europa harte Sparprogramme. So hat David Cameron in Großbritannien als Erstes die Studiengebühren erhöht. Ist das der richtige Weg?
Christ: Nein. Großbritannien hat dieselben Probleme wie wir in Deutschland. Nur mit dem Unterschied, dass wir noch eine bessere Struktur haben – etwa einen breiten Mittelstand und große, international operierende Familienunternehmen. Schon lange vor Cameron hat sich Großbritannien hingegen der Deindustrialisierung verschrieben und sich der Finanzwirtschaft zugewandt. Den Themen Fachkräftemangel und Überalterung der Gesellschaft entkommen sie damit aber nicht. Es wird einen Punkt geben, an dem sie aus den kommenden Generationen mehr herausholen müssen. Höhere Studiengebühren stehen dem im Weg. Den talentierten Jugendlichen, die in einem bildungsarmen Umfeld aufwachsen, stehen nun noch höhere Barrieren entgegen. Einen größeren Wertbeitrag zur Gesellschaft können sie so nicht leisten.

Unabhängig von diesem Aspekt beobachte ich, dass sich Cameron mit seiner Politik zunehmend in der Europäischen Union und weltweit isoliert. Das ist eine kritische Gratwanderung. Der jetzigen Krise kann nicht mit nationalstaatlichen Lösungen begegnet werden. Alles, was in den nächsten Monaten passieren wird, wird auch die Engländer betreffen. Nun geht es um einen globalen Schulterschluss und Cameron steht im Abseits.

The European: Die britische Finanzbranche verliert zurzeit große Mengen Geld. Wie kann Cameron den Spagat schaffen zwischen einer Stütze des Finanzsektors und der europäischen Idee?
Christ: England wird sich von der weltweiten Entwicklung nicht entkoppeln können. Deswegen ist es zu kurzfristig gedacht, nur mit Blick auf die Londoner City Politik zu machen. Das ist eine Wagenburg-Mentalität. Cameron könnte aus meiner Sicht viel von seiner Glaubwürdigkeit zurück gewinnen, wenn er die Fehler der vergangenen Jahrzehnte erkennt und rückgängig macht. Sprich: eine stärkere Industrialisierung und Mittelstandsinitiativen. Damit würde er seinem Land und ganz Europa einen Gefallen tun. Die Binnenkonjunktur muss als Stabilitätsfaktor in der Krise gestärkt werden.

„Wir brauchen mehr Zuwanderung“

The European: Sie fordern in Ihrem Buch eine neue Kultur der Selbstständigkeit. Deutsche, so Ihre These, würden viel zu viel Angst vor dem Scheitern haben. Wie sieht in einer solchen Kultur die Rolle des Staates aus?
Christ: Wir brauchen eine bessere und breitere Bildung. Gleichzeitig dürfen wir nicht das Hohelied auf die Universitäten anstimmen. Es geht um Berufe, Fachberufe und Hochschulabschlüsse. Nicht jeder Deutsche muss sein Studium beenden. Doch wir haben ein eklatantes Defizit, ob es um Existenzgründung oder Abschlüsse geht – das zeigt der internationale OECD-Vergleich. Dafür gibt es viele Gründe und einer davon ist, dass wir hoffnungslos unterfinanziert sind, wenn es um Bildung geht. Außerdem bereiten wir unsere Kinder viel zu spät auf das wirklich Leben nach Ende der Schule vor. Die Themen Wirtschaft, Ökonomie, globale Zusammenhänge sind in einer modernen Industriegesellschaft grundlegend und dieses Wissen muss eben auch vermittelt werden. Wir müssen die jungen Leute dazu motivieren, ihre Ideen umzusetzen. Auch wenn das die Möglichkeit des Scheiterns beinhaltet. Scheitern ist kein Manko, kein Negativprädikat, sondern eine Erfahrung. Und aus der kann man etwas machen. Wer hinfällt, darf nicht kritisiert werden. Wer nicht aufsteht, ist zu kritisieren. Hinfallen gehört dazu, da können wir sehr viel von Amerika lernen.

The European: In den USA gibt es besonders im Bereich Internet und Hightech viele Neugründungen. Woher kommt diese Mentalität? Welche bildungspolitischen Konzepte stehen dahinter?
Christ: Dafür gibt es viele Gründe. Schon die Erziehung geht dahin, dass freies Denken und der Mut des Handelns mehr zählen als bei uns in Deutschland. Außerdem haben wir eine ganz andere Kultur des Risikokapitals, sprich der Bereitschaft, Geld für wagemutige Ideen zu geben. Wenn in den USA ein Gründer scheitert, ist das nicht das Ende seiner Karriere. Vielmehr hat er wertvolle Erfahrungen gesammelt. Zu dieser Kultur müssen wir auch in Deutschland kommen.

The European: Wie könnte es dazu kommen?
Christ: Wir brauchen entsprechende Initiativen. Wir haben die KfW-Bank und die Förderbanken der Länder, die in Absprache mit den Universitäten einen Vorstoß wagen könnten. Solche Projekte gibt es auch bereits, allerdings reicht das bereitgestellte Geld bei Weitem nicht aus.

The European: Gerade in Berlin setzt sich das Land durch seine Investitionsförderbank für Neugründungen ein. Kann das als Modell für das Bundesgebiet gelten?
Christ: Das ist ein Modell für das ganze Land, denn in Berlin tut sich etwas. Gleichzeitig müssen wir aber auch die bürokratischen Hürden senken. Wenn Sie heute als junges Start-up-Unternehmen mit einer guten Idee und mit Überzeugung unterwegs sind, müssen Sie sich durch den dichten Dschungel der Bürokratie kämpfen. An Geld zu kommen, ist unglaublich schwierig. Ohne die Zustimmung Ihrer Hausbank bleibt außerdem der Zugang zu öffentlichen Mitteln zumeist verwehrt. Hier haben wir Nachholbedarf.

The European: In der deutschen Gründerszene wird auch von einem Mangel an Fachkräften geredet.
Christ: Wer nach Deutschland will, muss ein illusorisch hohes Einkommen dokumentieren. Gerade für jüngere Menschen oft unmöglich. Diese Hürde muss niedriger angesetzt werden. Natürlich sollen diese Fachkräfte nicht der Solidargemeinschaft auf der Tasche liegen, der Nachweis des Lebensunterhalts und der Krankenversicherung muss also geführt werden. Die Grenze wäre so niedriger, aber immer noch sinnvoll.

The European: Seit Sarrazin haben wir wieder eine Debatte darüber, wer eigentlich überhaupt nach Deutschland kommen darf. Wie kann eine Einwanderungspolitik gestaltet werden, die nicht nur auf die Qualifikation schielt?
Christ: In Deutschland leben 82 Millionen Menschen. 2050 werden es vermutlich nur noch zwischen 62 und 65 Millionen Menschen sein. Dieses der demografischen Entwicklung geschuldete Schrumpfen der Bevölkerung wird erhebliche Auswirkungen auf unseren Wohlstand haben. Es geht um ganze Wirtschaftsbranchen, Bundesländer und Landstriche. Wir brauchen mehr Zuwanderung. Doch das allein reicht nicht, wir benötigen auch eine höhere Geburtenrate. Und dafür wiederum neue Lösungen für die Probleme, die sich jungen Familien heute stellen müssen – etwa die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dafür braucht es politische Strategien und nicht das permanente Schüren von Ängsten.

„Es geht nicht nur um Abschlussnoten“

The European: In Deutschland fehlt der Nachwuchs vor allem im Bereich der Naturwissenschaften und in technischen Berufen. Wie können diese Ausbildungen wieder attraktiver gestaltet werden?
Christ: Junge Menschen sollten schon zur Schulzeit in Kontakt mit den unterschiedlichen Berufsgruppen kommen. Ich trete deshalb dafür ein, dass ältere Arbeitnehmer zwischen 55 und 70 Mentoring an Schulen übernehmen. Die Vorzüge bestimmter Berufe können so direkt vermittelt werden. Transparenz, Dialog und Kommunikation sind die Schlüsselwörter. Wir müssen den Schülern erklären, warum wir ein bestimmtes Wissen, etwa Physik, vermitteln wollen. Es geht nicht nur um das Abitur und möglichst gute Abschlussnoten. Mehr Praxis in der Schule ist ein erster Schritt.

The European: Wie sieht es mit der sprachlichen Integration ausländischer Fachkräfte aus? Oft ist Deutsch im Ausland keine gelernte Sprache, Fachkräfte bevorzugen Länder, deren Sprache sie beherrschen.
Christ: Ziel der Regierung muss es sein, Deutsch als eine der wichtigen Weltsprachen zu etablieren. Da geschieht auch schon einiges. Wer hierher kommt, arbeiten und eine Familie gründen will, sollte sich auch die entsprechenden Sprachkenntnisse aneignen können. Sprache gehört nun mal zur Integration dazu. Allerdings ist in jedem mittelständischen Unternehmen Englisch schon heute an der Tagesordnung. Ich würde die Frage der Sprachbarriere also nicht zu hoch hängen.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Andrew Gamble: „Was für ein Schlamassel“

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