Wer sich nicht verbiegt, muss auch mit Kritik leben. Björn Böhning

„Man erwartet mehr von Deutschland“

Deutschland ist immer noch einer der wichtigsten Partner der USA – auch wenn China und Brasilien in der globalisierten Welt zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die Vereinigten Staaten erwarten in Europa allerdings eine stärkere Führung durch Kanzlerin Merkel.

The European: Herr Klose, Sie haben 2009 in einem Interview gesagt, die Bush-Jahre waren keine guten Jahre. Wie sehen Sie das erste Jahr des US-Präsidenten Barack Obama?
Klose: Es war besser, als es oft dargestellt wird. Die Schwierigkeit liegt darin, dass Obama – auch durch sein eigenes Zutun – medial zu einem “Heilsbringer” aufgebaut worden ist. Von diesem Anspruch aus musste es Enttäuschungen geben. Er hat aber mehr erreicht, als man erwarten konnte. Nur eines nicht: die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft zu überwinden.

The European: In den vergangenen Monaten ging es für Obama darum, sein wichtigstes Wahlversprechen zu retten: die Gesundheitsreform. Was bedeutet dieses Etappenziel für seine Präsidentschaft?
Klose: Er hat nun ein Erfolgsergebnis. Die praktischen Folgen werden sich wahrscheinlich noch vor den Kongresswahlen im Herbst zeigen. Das verschafft ihm auch Freiräume in der Außenpolitik. Die USA sind noch immer die entscheidende Figur im internationalen System, und sie werden es auch noch lange bleiben.

The European: Der US-Publizist Fareed Zakaria sieht das anders. Er spricht in seinem Buch “Der Aufstieg der Anderen” von einem postamerikanischen Zeitalter, in das wir nun eintreten.
Klose: Das halte ich für verfrüht. Richtig ist, dass die USA als einzig verbliebene Supermacht inzwischen Konkurrenz bekommen. Nicht mehr so sehr von Russland, sondern mehr von China und Brasilien. Die USA werden in Zukunft mehr in Richtung Pazifik blicken – ganz automatisch. In Europa herrscht Friede. In Asien bewegen sich die Machtverhältnisse. Dort gibt es auch Unsicherheiten, zum Beispiel in Nordkorea oder auch in Taiwan.

Die Europäer sollten sich nicht klein machen

The European: Washington blickt vor allem auf China. Für den US-Historiker Niall Ferguson bilden die beiden Staaten eine Einheit: Chimerica – der Motor für die globale Wirtschaft. Wo bleiben da die Europäer?
Klose: Ach, die Europäer. Sie sind gut aufgestellt und sollten sich nicht selbst klein machen. Der europäische Wirtschaftsraum ist noch immer der stärkste der Welt. Viel stärker als der amerikanische oder chinesische. Da haben wir keinen Nachholbedarf.

The European: Wo liegt dann das Problem?
Klose: Die Europäer haben Schwierigkeiten damit, dass sie aus amerikanischer Sicht nicht mehr die allein entscheidenden Partner sind.

The European: Die Europäer sind also eifersüchtig.
Klose: Es geht eher um die Frage nach Relevanz. Deutschland zum Beispiel war während des Kalten Krieges von hoher Relevanz für die USA, weil es Konfliktland war. Heute ist es das nicht mehr. Deshalb unter anderem ist unsere Bedeutung aus Sicht der USA zurückgegangen.

The European: Mit dem Lissabon-Vertrag wurden zwei neue Figuren auf europäischer Seite eingeführt: Ein ständiger Ratspräsident und eine europäische Außenministerin. Was bedeutet das für die Beziehungen zu den USA?
Klose: Die Amerikaner, besonders Außenministerin Clinton, scheinen ein enges Verhältnis zu EU-Außenministerin Lady Ashton aufzubauen – in eigenem Interesse. Seit Henry Kissinger suchen die Amerikaner verzweifelt nach der einen Telefonnummer in Europa. Ashton könnte also viele überraschen. Ratspräsident Van Rompuy soll ein guter Verhandler sein, der Kompromisse herbeiführen kann. Das würde zu Europa passen.

The European: Welche Rolle spielt Deutschland heute in der Außenpolitik der USA?
Klose: Wir sind wirtschaftlich noch immer relevant. Das deutsche Wirtschaftssystem gilt in den USA als erstaunlich erfolgreich und robust. Amerikaner fragen einen: Ihr seid von der Bevölkerung und vom wirtschaftlichen Gewicht die Stärksten, die Führenden in Europa – warum führt ihr denn nicht?

The European: Diese Frage war dem US-Magazin Newsweek sogar eine Titelgeschichte wert: “Waiting for Merkel”. Im Artikel wurde sie als Zeitlupen-Kanzlerin bezeichnet.
Klose: Man erwartet einfach mehr Beiträge von Deutschland. Politisch und in anderen Bereichen.

The European: Werden die USA also stärker den Kontakt zu Brüssel suchen?
Klose: Sie werden sowohl mit der EU als auch mit den Mitgliedsstaaten verhandeln. Mein Amt als Koordinator für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit zeigt doch, dass der Wunsch besteht, auch bilateral das Verhältnis zu Amerika zu pflegen.

The European: Kommen wir zu einigen politischen Streitfragen. Bei den Verhandlungen über das Datenabkommen Swift knirscht es zwischen den Partnern.
Klose: Ein Scheitern würde die Beziehungen belasten. Die Amerikaner haben nach den Anschlägen vom 11. September eine andere Sicherheitswahrnehmung als wir Europäer. Bei ihnen gilt: Sicherheit zuerst. In diesem Bereich sind sie bereit, eine Einschränkung von Freiheit hinzunehmen.

The European: Wie sehen Sie das Thema Guantanamo? Soll Deutschland Häftlinge aus dem US-Militärgefängnis aufnehmen?
Klose: Ich habe das immer empfohlen. Man hätte das Thema vor einem Jahr erledigen und sich die Debatte sparen können. Amerikanische Anwälte haben damals schon Beweise vorgelegt, dass ihre Mandanten in Guantanamo unschuldig sind.

The European: Sie raten der Bundesregierung, der Bitte Washingtons zu entsprechen?
Klose: Ja. Wir haben doch Guantanamo immer kritisiert. Es gibt Häftlinge dort, die kann man weder in ihre Heimat zurückschicken noch kann man ihnen aus psychisch-politischen Gründen zumuten, in Amerika zu bleiben.

The European: Beim Klimaschutz ist es genau andersherum. Hier hat Obama die Hoffnungen der Deutschen nicht erfüllt.
Klose: Obama hat eine Menge getan, um die Diskussion in den USA zu verändern. Und er wollte noch mehr tun. Er sieht sich aber einem Kongress gegenüber, der sehr mächtig ist. Ohne dessen Zustimmung geht es nicht. Wir hier in Europa haben mit dem Finger immer nur auf die Amerikaner gezeigt. Dabei haben wir China vergessen. So konnten die Chinesen beim Klimagipfel in Kopenhagen das Verhandlungsformat bestimmen – und den Westen vorführen.

The European: Sie sind Jahrgang 1937. Sie haben den Zweiten Weltkrieg und die Konfrontation mit der Sowjetunion im Kalten Krieg miterlebt – die Partnerschaft mit den USA ist für Sie ein Stück eigener Geschichte. Fehlt jüngeren Politikern diese emotionale Bindung zu den USA?
Klose: Einige sagen, es wird jetzt normaler. Es wird aber auch schwieriger, zumal es in Deutschland wenig Neigung zu strategischem und geostrategischem Denken gibt. Wir konzentrieren uns zu sehr auf uns selbst.

Westerwelle wird ruhiger werden

The European: Die FAZ schreibt, Sie seien kein Zuspitzer, kein Ideologe. Sie wirken nachdenklich und konsensorientiert. Sind das Eigenschaften, die ein Außenpolitiker braucht?
Klose: Zwei Dinge sollte man als Außenpolitiker im Kopf haben. Erstens: Es gibt in der Politik keine berechenbar richtigen Entscheidungen, sondern nur Entscheidungen, für die mehr oder weniger gute Argumente sprechen. In der Praxis können sie sich aber als falsch erweisen. Und zweitens: Man muss in der Lage sein, die Probleme der Welt mit den Augen der jeweils anderen zu betrachten. Ein Außenpolitiker, der das nicht kann, wird auch keine richtigen Entscheidungen treffen.

The European: Im Auswärtigen Amt haben Sie nun einen Vorgesetzten, dem diese Eigenschaften nicht gerade nachgesagt werden.
Klose: Westerwelle ist viel jünger als ich. Und er ist Parteivorsitzender. Er hat am Anfang der schwarz-gelben Koalition sehr stark als Parteivorsitzender agiert. Er war pointiert und hat damit auch viele Pfeile auf sich gezogen. Und zwar ganz bewusst. Im Laufe der Zeit wird er die Rolle als Zuspitzer aber anderen überlassen. Er wird ruhiger werden. Das Amt des Außenministers prägt jeden Amtsinhaber, es wird auch ihn prägen.

The European: In der Aufgabenbeschreibung Ihres neuen Amtes steht, Sie seien ein “Übersetzer”, der für deutsche Positionen in den USA wirbt und umgekehrt amerikanische Sichtweisen in Deutschland vermittelt. Ein Übersetzer lebt immer in beiden Welten. Sie auch?
Klose: Wenn es für das Bundestagsmandat bei der letzten Wahl nicht gereicht hätte, dann wäre ich für ein oder zwei Jahre an eine US-Universität gegangen, um noch ein bisschen amerikanische Luft zu schnuppern. Nun ist es anders gekommen. Ich bin Übersetzer und Erklärer, das gefällt mir sehr gut. Es entspricht auch meinem Naturell. In Berlin nennt man mich den Amerikaner.

The European: Und was an Ihnen ist amerikanisch?
Klose: Diese Grundhaltung: Eigentlich ist man nie Ruheständler, sondern immer beschäftigt.

Das Gespräch führte Tobias Betz.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Thomas Pogge: „Wir müssen den ersten Dominostein zu Fall bringen“

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