Die Bürger halten es schon aus, wenn man ihnen reinen Wein einschenkt. Wolfgang Schäuble

„Verhinderungsstrategien helfen niemandem weiter“

Seit Fukushima scheint der Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland beschlossen. Hans-Peter Repnik, Vorsitzender des Rats für Nachhaltige Entwicklung, spricht über die Notwendigkeit der Energiewende, die politische Debatte zum Atomausstieg und die Vision einer nachhaltigen Gesellschaft. Das Gespräch führte Martin Eiermann.

The European: Die Bilder und Videos aus Japan haben die Debatte um den Atomausstieg zum politischen Reizthema gemacht. Welchen Einfluss hatten diese visuellen Eindrücke auf die öffentliche Meinung?
Repnik: Schon vor zwanzig Jahren hat die Konferenz von Rio de Janeiro auch hier in Deutschland die Aufmerksamkeit vieler Menschen auf das Thema der Nachhaltigkeit gelenkt. Wahr ist aber auch, dass ganz aktuell durch einen Vorgang wie Fukushima die öffentliche und auch die individuelle Wahrnehmung verstärkt werden. Von daher kann dieses furchtbare Unglück auch eine Chance eröffnen. Diese Chance sollten wir nutzen.

The European: Wissenschafter haben beklagt, dass sich der deutsche Diskurs zum Atomausstieg an emotionalen Reaktionen und nicht an wissenschaftlichen Fakten orientiert. In vielen anderen Ländern wird die Atomkraft weit weniger kritisch gesehen. Reagieren wir hysterisch?
Repnik: Ich halte die Kritik an der Kernkraft für legitim, nicht für eine Überreaktion. Wir sind eine hochtechnisierte Nation und haben uns doch als Gesellschaft immer auch ein Stück Emotionalität bewahrt. Das ist gut, da die Technik allein keine ausreichenden Antworten auf viele gesellschaftliche Fragen liefern kann. Bis zu den Ereignissen in Fukushima glaubte man, die Reaktortechnologie beherrschen zu können – auch in Sondersituationen wie dem Zusammenspiel verschiedener Naturereignisse. Jetzt haben wir erkennen müssen, dass es Defizite gibt. So sicher, wie wir geglaubt haben oder wie uns vorgemacht wurde, ist die Atomkraft nicht.

„Schon Tschernobyl hat uns die Grenzen der Sicherheit aufgezeigt“

The European: Die potenziellen Risiken der Atomkraft wurden schon von der Umweltbewegung der Achtzigerjahre diskutiert. War das Problem ein „Nichtwissen“ oder ein „Nicht-wissen-Wollen“?
Repnik: Ich würde Letzteres nicht ausschließen. Interessanterweise wird Tschernobyl immer wieder aus dieser Diskussion ausgeblendet. Schon damals sind uns ja die Grenzen der Sicherheit aufgezeigt worden.

The European: Im Herbst 2010 wurde die Verlängerung der Restlaufzeiten als alternativlos dargestellt. Inzwischen ist „Alternativlosigkeit“ zum Unwort des Jahres gewählt worden. Hat sich die Politik Scheuklappen aufsetzen lassen?
Repnik: Ich war sehr unglücklich über die Verlängerung der Restlaufzeiten und bin froh, dass es hier zu einer Neubesinnung gekommen ist. Dass es dafür eines Ereignisses wie Fukushima bedurft hat, ist sehr bedauernswert. Man muss aber auch bedenken, dass alle politischen Parteien – auch die Union – die Kernenergie immer nur als Brückenenergie angesehen haben. Das Ziel war schon immer die Erzeugung von Energie aus regenerativen Quellen. Ich bin sicher, dass dieses Ziel jetzt mit Konsequenz verfolgt wird. In den nächsten Wochen werden wir sicher einige Vorschläge sehen, wie wir die verschiedenen Technologien zu einem Energiemix kombinieren können. Dazu gehört übrigens auch die Frage der Energieeffizienz. Mit bereits verfügbaren Technologien ließen sich bei einer flächendeckenden Anwendung dreißig Prozent des Energieverbrauchs einsparen.

The European: Warum sind diese Potenziale bisher nicht umgesetzt worden?
Repnik: Teilweise sind die technologischen Möglichkeiten relativ neu. Die Entwicklung geht immer weiter, daraus ergeben sich neue Einsparpotenziale und eine neue Dynamik. Und zweitens geht es auch ums Geld. Durch die Kernenergie war man nicht gezwungen, den Energiemix zu verändern und Effizienzen auszureizen, da der Strompreis für die Verbraucher konstant niedrig blieb.

The European: Man könnte auch sagen, dass die Partikularinteressen der Energieversorger gegenüber dem Gemeininteresse an einer nachhaltigen Energieversorgung dominiert haben.
Repnik: Ich will gar nicht zurückblicken, sondern schaue nach vorne. Wir kommen in eine Zeit, in der Energieversorgung dezentral organisiert wird. Sie wird transparenter und möglicherweise auch demokratischer. Energie wird lokal erzeugt, gespeichert und verteilt. Das kann der Sache nur dienlich sein.

„Am Ausstieg aus der Atomenergie führt kein Weg vorbei“

The European: Die wirklichen Herausforderungen liegen also weniger im Ausbau der Erneuerbaren Energien, sondern in der Schaffung einer stabilen und dezentralisierten Infrastruktur ohne Netzmonopole?
Repnik: Ganz sicher. Da wird sich jeder seiner Verantwortung stellen müssen: Parteien, Unternehmen, Bürgerbewegungen und NGOs. Wir brauchen neue Speicherkapazitäten und neue Leitungsnetze. Dieser Umbau muss von allen mitgetragen werden. Verhinderungsstrategien helfen niemandem weiter.

The European: Die Stromversorger haben angekündigt, gegen den Ausstieg klagen zu wollen. Haben Sie dafür Verständnis?
Repnik: Ich betrachte das mit großer Gelassenheit. Am Ausstieg aus der Atomenergie führt kein Weg vorbei.

The European: Tut die Politik genug, um den Ausbau der Netze voranzutreiben?
Repnik: Aktuell gilt das Moratorium. Die Regierung muss jetzt die offiziellen Empfehlungen der Expertenkommission abwarten und wird dann entsprechend handeln. Nach allen Äußerungen von Bundesumweltminister Röttgen bin ich sehr zuversichtlich, dass sich die Politik ihrer Verantwortung bewusst ist und die vorhandenen Möglichkeiten auch nutzen wird. In den kommenden sechs Monaten wird sich viel bewegen.

The European: In einem Papier der Ethikkommission ist von einem Komplettausstieg bis 2021 die Rede. So ähnlich war das von der rot-grünen Bundesregierung in den Jahren 2000 beziehungsweise 2002 bereits formuliert worden. Ist dieses Ziel realistisch?
Repnik: Es stimmt mich sehr zuversichtlich, dass die Ethikkommission von Klaus Töpfer geleitet wird und auch drei Mitglieder des Rates für Nachhaltige Entwicklung ihr angehören. Das Credo wird sein, die Energiewende so schnell wie möglich, aber wirtschaftlich verantwortlich, umzusetzen. Dass dabei die Versorgungssicherheit ebenfalls gewährleistet sein muss, versteht sich von selbst. Wichtig ist, diese Diskussion in einen breiten gesellschaftlichen Konsens einzubetten. Eine Energiewende muss von allen Menschen mitgetragen werden. Welche Partei dann letztendlich die Entscheidungen trifft, ist mir ziemlich egal.

The European: Lassen Sie uns über nachhaltiges Leben sprechen. Hinter Ihnen hängt ein Foto an der Wand, unter dem steht: „Wir probieren auch gerne einmal Unmögliches.“ Ist die Idee der nachhaltigen Gesellschaft auch teilweise eine utopische – weil in vielerlei Hinsicht radikal andere – Idee?
Repnik: Vor rund vierzig Jahren hat die Brundtland-Kommission eine Definition von Nachhaltigkeit vorgelegt, die ich sehr treffend finde. Da steht: „Nachhaltige Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“ Daran orientieren wir uns in unserer Arbeit. Es geht nicht um einen radikalen Bruch, sondern um einen Prozess. Die Frage ist, wie viel Zeit wir uns damit lassen. Wenn man sieht, wie viel Veränderung wir allein in den letzten zwanzig Jahren beobachten konnten, dann muss man feststellen: Wir sind auf dem richtigen Weg. Es ist unsere Aufgabe, dieses Tempo jetzt weiter zu beschleunigen. Wenn es uns wirklich gelänge, alle Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung zu nutzen, dann wären wir in diesem Bereich einen großen Schritt vorangekommen. Oder nehmen Sie die Veränderungen auf kommunaler Ebene: Ich hatte ein Treffen mit den Oberbürgermeistern von siebzehn großen deutschen Städten, die sich dem Thema Nachhaltigkeit verpflichtet fühlen. Gemeinsam mit dem Bundesbauminister haben wir diskutiert, welche Konsequenzen sich für Städtebau und Flächennutzung ergeben. Und für den Finanzsektor arbeiten wir an einer Vorlage, an welchen Regeln sich nachhaltiges Investment orientieren muss.

The European: Welche Forderungen stellen Sie an den einzelnen Menschen?
Repnik: Wir brauchen ein hohes Maß an Eigeninitiative und Reflexion. Wir müssen unser Konsumverhalten überdenken: Wollen wir Produkte für die Wegwerfgesellschaft? Kaufen wir nur noch Produkte, die nachhaltig erzeugt wurden? Und was bedeutet das Label „Nachhaltigkeit“ überhaupt? Wir sind in intensiven Gesprächen mit der Bundesverbraucherministerin, um dem Etikettenschwindel vorzubeugen. Der Begriff der Nachhaltigkeit droht manchmal zu verwässern oder wird als Werbemittel missbraucht. Auch hier ist der einzelne Mensch gefragt. Wir müssen uns überlegen, welche Konsumgüter wir wirklich brauchen – und auf welche Produkte wir verzichten können, ohne dabei Lebensqualität einzubüßen. Es geht um die Emanzipation des Denkens.

„Wir müssen neue, zukunftsweisende Entscheidungen treffen“

The European: Konsum verschafft direkte Befriedigung, die Konsequenzen des Konsums sind meist weniger offensichtlich. Glauben Sie an ein Umdenken?
Repnik: Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben. Vor zwanzig Jahren habe ich gemeinsam mit Klaus Töpfer die deutsche Delegation zur Konferenz in Rio de Janeiro geleitet. Ich habe erlebt, wie stark damals die gesellschaftlichen Diskussionen hier in Deutschland waren. Das ist wieder abgeflacht. Aber im nächsten Jahr geht es weiter mit der Konferenz „Rio Plus 20“. Ich halte den Namen eigentlich für unpassend – es geht nicht darum, zwanzig Jahre später Fazit zu ziehen und sich selbst zu feiern. Das kann nicht das Ziel sein. „Rio 20 Plus“ wäre treffender: Wir müssen neue, zukunftsweisende Entscheidungen treffen und konkrete Aufgaben an Regierungen verteilen. Das Thema Nachhaltigkeit muss wieder stärker in der Diskussion vorkommen. Nur über diese Diskussion und Reflexion werden wir auch das individuelle Denken ändern.

The European: Auf diesen Konferenzen werden mit steter Regelmäßigkeit neue Ziele definiert, die dann ebenso regelmäßig verfehlt werden.
Repnik: Die großen Fragestellungen können angesichts des Bevölkerungswachstums oder angesichts der Entwicklung in den Schwellenländern nur global gelöst werden. Die Entwicklungsländer haben jedes Recht, einen besseren Lebensstandard einzufordern. Auf der anderen Seite können und müssen Länder wie Deutschland ganz klare Führungsaufgaben innerhalb dieser Diskussion übernehmen. Das ist auch eine große Chance für uns. Jedem sollte klar sein, dass regenerativen Energien die Zukunft gehört. Wenn wir in diesem Bereich investieren und forschen, hilft das nicht nur dem Klima, sondern ist gleichzeitig ein Investment in die eigene Wirtschaft. Die Energiewende ist eine Win-Win-Situation.

The European: Auch auf europäischer Ebene?
Repnik: Ich habe den Eindruck, dass Günther Oettinger ein persönliches Interesse an diesen Themen hat. Es freut mich sehr, sein Engagement für mehr Nachhaltigkeit zu sehen. Die Länder der Europäischen Union haben eine einmalige Chance, sich für die Zukunft zu positionieren.

The European: Auf der Habenseite ist bisher wenig zu finden. Emissionsziele werden verpasst, Erklärungen werden politisch verwässert. Sind internationale Konferenzen das falsche Forum, um manche dieser Fragen zu diskutieren?
Repnik: Ich lasse mir meinen Optimismus nicht nehmen. Schauen Sie sich die Zeit vor 1991 an, seitdem hat sich viel bewegt. Ohne Rio hätte es kein Kyoto gegeben; und ohne Kyoto wären wir heute in einer fatalen Situation. Kopenhagen war ein Rückschlag, aber in Cancun wurde einiges wieder aufgefangen. Der jetzt beschrittene Weg ist also absolut unumkehrbar. Wir haben schlicht keine andere Wahl, als uns auf allen Ebenen mit der Problematik der Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen. Die Industrieländer haben dabei eine ganz klare Bringschuld. Dabei geht es um mehr, als den anderen einfach zuzuhören: Wir müssen unsere Technologien verfügbar machen. Die Konferenz in Rio wird nächstes Jahr zeigen, dass wir einige unserer Hausaufgaben noch nicht gemacht haben.

The European: Sie haben von „Bringschuld“ gesprochen. Was bedeutet Gerechtigkeit im Kontext der Klimapolitik?
Repnik: Politische und ethische Debatten lassen sich nicht trennen. Ich war viele Jahre in der Entwicklungspolitik tätig. Da habe ich aus erster Hand erfahren, dass im globalen Kontext immer noch gewaltige Gerechtigkeitslücken klaffen. Wir müssen also ganzheitlich denken: Welche Hilfestellung können wir mit unserer Erfahrung und unseren Technologien leisten? Und welche Chancen auf Teilhabe müssen wir anderen einräumen, die bisher zu kurz gekommen sind? Bei der Vorbereitung der Klimakonferenzen auf nationaler Ebene gibt es diesen Diskurs bereits. NGOs oder auch Kirchen haben die Möglichkeit, sich einzubringen. Und auch vor Ort finden sich Vertreter der Zivilgesellschaft, deren Meinungen dann von der Politik abgefragt werden.

„Ohne Diskussion werden wir nicht Herr des Problems“

The European: Und doch droht dieser Diskurs an der Haltung einiger weniger einflussreicher Staaten zu scheitern.
Repnik: Es gibt Staaten, die vor allem die eigenen nationalen Probleme lösen wollen und sich nicht international binden lassen. Chinas Bedeutung wächst, das neue Selbstbewusstsein zeigt sich dann im Verhalten auf den Konferenzen. Trotzdem führen die Konferenzen dazu, dass auch Länder wie China sich mit konträren Argumenten auseinandersetzen müssen. Sie werden immer Dinge finden, die man effizienter lösen könnte. Es ist zum Beispiel nicht notwendig, dass jedes Mal 20.000 Menschen um die halbe Welt fliegen, um über Klimapolitik zu reden. Aber ohne diesen internationalen Diskussionsprozess werden wir nicht Herr des Problems werden.

The European: Welche konkreten Vorschläge erhoffen Sie sich von der Politik? Geht es wirklich darum, wieder einmal neue Emissionsziele zu definieren?
Repnik: Ich bin zuversichtlich, dass die Entwicklung hin zum Atomausstieg sehr konsequent weitergehen wird. Wenn das nicht der Fall wäre, würden wir uns da aktiv einbringen. In Rio de Janeiro wird es vor allem um zwei Fragen gehen: Welche Institutionen können wir schaffen – auch im Rahmen der Vereinten Nationen – um das Thema der Nachhaltigkeit voranzutreiben? Und welche Möglichkeiten ergeben sich für die „green economy“? Es geht dabei um eine Neuordnung des gesamten Produktionsprozesses; jeder Zwischenschritt muss genauso nachhaltig sein wie das Endprodukt.

The European: Sie haben vorhin gesagt, Nachhaltigkeit sei kein radikales Projekt. Seitdem haben wir über Industrie, Finanzwirtschaft, Klimagerechtigkeit, Konsumverhalten und eine dezentralisierte Energieversorgung gesprochen. Bleiben Sie bei Ihrer Haltung?
Repnik: Aus der heutigen Perspektive können die Veränderungen durchaus radikal erscheinen. Aber wir sollten uns auf den Prozess konzentrieren. Weitreichende Veränderungen lassen sich erreichen, wenn wir die Entwicklung konstant vorantreiben. Das Credo der Brundtland-Kommission ist immer noch gültig: Wir müssen künftigen Generationen die Möglichkeiten erhalten, ihr Leben selbst zu gestalten.

Die Jahreskonferenz des Rats für Nachhaltige Entwicklung findet am 20.6. statt.

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