Repräsentative Demokratie ist ein Modell aus einer Zeit ohne Internet. Leon de Winter

Spieglein, Spieglein in der Buchhandlung

Das Nichtdiskutieren gesellschaftlicher Probleme bringt uns nicht weiter. Gesellschaft lebt von Kontroverse, und was beim Streit um Sarrazins Thesen besonders auffällt: Niemand bezeichnet ihn als Lügner. Vielleicht ist uns sein Buch dann auch deshalb so unangenehm, weil uns darin der Spiegel vorgehalten wird.

Noch habe ich das neue Buch von Thilo Sarrazin nicht gelesen, auch ich kenne nur die Vorveröffentlichungen. Ich nehme aber an, die ausgesuchten Abschnitte waren besonders brisant und wurden aus dem Zusammenhang gerissen, um dann die bei uns übliche Empörungslawine loszutreten. Auffallend bei der Debatte ist nämlich, dass noch keiner gesagt hat, Sarrazin lüge. Offensichtlich hat man Schwierigkeiten, die von ihm vorgelegten Fakten zu widerlegen. Es scheint bequemer, die Person auseinanderzunehmen; ein bei uns inzwischen klassisches Muster.

Auch wenn die Thesen provokant sein mögen, dürfen wir nicht vergessen, dass das Nichtdiskutieren gesellschaftlicher Probleme uns noch nie weitergebracht hat. Aus meiner Zeit als Präsident der Leibniz-Gemeinschaft ist mir noch in Erinnerung, dass inzwischen selbst Wissenschaftler sich nicht mehr frei fühlen, bestimmte Schulvergleichsstudien zu veröffentlichen. Auch wenn er mit einigen Aussagen Öl ins Feuer gegossen hat, sollten wir Sarrazins Äußerungen als einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion betrachten und uns mit seinen Vorschlägen und denen von Personen wie Necla Kelek befassen und nicht den Überbringer schlechter Nachrichten weiter verfolgen.

Mir geht es um die Meinungsfreiheit

Mir geht es aber weniger darum, dass ich nicht alle seiner Meinungen teile, mir geht es um das Gut der Meinungsfreiheit. Natürlich darf diese nicht so weit gehen, dass Gruppen von Mitbürgern herabgesetzt werden. Dass Sarrazin das im Schilde geführt oder in Kauf genommen hat, ist bis zum Beweis des Gegenteils eine böswillige Unterstellung. Ich habe mich immer für die Meinungsfreiheit eingesetzt, und ich finde, dass wir in unserer Gesellschaft nicht genug Personen haben, die sich zum Beispiel um die Rechte der muslimischen Mädchen und Frauen kümmern. Umgekehrt haben wir zu viele, die die massiven Menschenrechtsverletzungen in der muslimischen Welt nicht sehen wollen.

Sarrazin hat uns den Spiegel vorgehalten

So wundere ich mich über die Toleranz, vor allem aus dem linken Spektrum, gegenüber solchen Menschenrechtsverletzungen. Wenn ein Mann wie Sarrazin durch seine Veröffentlichung den Fokus auf das Los vieler islamischer Frauen legt und auf der anderen Seite die Folgen – auch wirtschaftlicher Art – betrachtet, dann sollten wir ihm dankbar dafür sein. Im Übrigen beschwert sich Sarrazin ja nicht nur über die Auswüchse des Islam, sondern, und das scheint die wirkliche Botschaft zu sein, er beschwert sich darüber, wie wir Deutschen mit diesen Problemen umgehen. Er hat nicht den Türken und Libanesen, er hat uns den Spiegel vorgehalten. Anscheinend mögen unsere Meinungsführer dort nicht so gern hineinschauen.

Wenn nun ausgerechnet solche Politiker, die uns seit Jahren mit ihrer Einseitigkeit und ihrer Pauschalisierung nerven, Sarrazin eben jene vorwerfen, dann ist das an Scheinheiligkeit nicht mehr zu überbieten. Auch mir gefällt nicht alles, was er sagt, ich billige ihm aber in jenen Punkten das Recht einer anderen Meinung zu. Wenn es etwas zu kritisieren gibt, dann wäre es, dass er unter Umständen seinen Aufgaben in der Bundesbank nicht gerecht wird. Dort gibt es eine Fülle von zu lösenden Problemen.

Lesen Sie zu dieser Thematik auch das Editorial des Chefredakteurs

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Wolfram Eilenberger, Harry Ostrer, Özcan Mutlu.

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