Niemand kann mich zwingen, meine Ermittlungen zu stoppen. Niemand. Luis Moreno Ocampo

Schweigespirale – rechts ist das neue schwul

Es ist seit geraumer Zeit die sogenannte Schweigespirale in Umfragen Allgemeingut. Wenn nach der Präferenz gefragt wird, wenn am nächsten Sonntag Wahlen wären, ist bekannt, dass rechtsstehende Parteien wie die AfD durchweg schlechter abschneiden als am tatsächlichen Wahltag.

Maybrit Will, Sandra Plasberg

Man sehe sich die Talkshows an, ob sie nun von Anne Will, Plasberg, Sandra Maischberger oder Maybrit Illner moderiert werden. Wenn dem Applaus bei diesen entsprechend Bundestagswahlen entschieden würden, hätten wir komplett andere Mehrheitsverhältnisse im Lande.

Sitzen in den Studios ganz andere Menschen, die gar nicht repräsentativ für die Bevölkerung sind? Vielleicht. Ich würde es jedoch verneinen. Wenn Seehofer, von Storch, Gauland oder Söder argumentieren und einen Treffer setzen, klatscht praktisch niemand.

Schweigespirale – rechts ist das neue schwul

Es ist seit geraumer Zeit die sogenannte Schweigespirale in Umfragen Allgemeingut. Wenn nach der Präferenz gefragt wird, wenn am nächsten Sonntag Wahlen wären, ist bekannt, dass rechtsstehende Parteien wie die AfD durchweg schlechter abschneiden als am tatsächlichen Wahltag. Nach Luckes und Petris Rücktritt ist die Partei weiter aus dem Zentrum gerückt, sie ist sozusagen zunehmend unnormal geworden. Dennoch liegt sie mit 14% nur knapp hinter der SPD – in Umfragen…

Ich halte es für möglich, dass die Sozialdemokraten bei der kommenden Wahl gar hinter der neuen Partei liegen könnten, was ich sehr bedauern würde.

Angabespirale

Andererseits sehe ich auch eine Angabespirale. Durchweg liegen die Grünen zwischen den Wahlen bei 12-18%, bisweilen sogar noch höher – dies seit rund zehn Jahren, seitdem die Partei als normal gilt. Es scheint hip zu sein, sich grün zu geben, solange man nicht wählt. Am Wahltag kommt dann stets die große Enttäuschung. Gefühlt sind zwei Drittel meiner Freunde Grüne. Mit 10,7% liegt das beste Ergebnis aller Bundestagswahlen seit Gründung der Partei im Jahr 2009 als einziges im zweistelligen Bereich – es sind dies immerhin zehn Anläufe bei permanenter moralischer Medien-Dauerberieselung – eine grobe Enttäuschung.

Selbst leite ich eine Debattenrunde. Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie kam im Oktober 2017 und hatte einige Zumutungen anzubieten: den Pensionären im Publikum sagte er, Deutschland habe zu hohe Renten. Das europäische Nord-Süd-Gefälle und die von Leggewie avisierte Umverteilung zwecks Stärkung der Union führten beim Publikum zu Applaus – siehe oben.

Damals führte Leggewie auch an, die Jamaika-Koalition müsse kommen, was denn auch sonst?! All seine Ideen fußten auf der Agenda der Grünen, dem Kleinsten im angedachten Dreierbündnis mit gerade einmal 8,9%. Begeisterung im Publikum auch bei der Forderung nach dem bedingungslosen Grundeinkommen.

Innere und äußere Normalität

Bis heute frage ich mich, warum so wenige im Publikum widersprachen. Wenn man nicht nur ankündigt, deutsche Rentner müssten sich im Verzicht üben, sondern den auch per Gesetz durchsetzt, also hierzulande Pensionen sowie Renten um 20% kürzt, um ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen, hört der Spaß auf. Das weiß jeder Zuhörer, der bis drei zählen kann. Mein Publikum ist nicht so dumm, dies nicht zu sehen. Warum also klatschten so viele bei angekündigten Einschnitten am eigenen Portemonnaie?!

Es ist die normative Kraft der Normalität. Es gibt eine äußere und eine innere. Normalität ist insofern schizophren. Je stärker die Differenz zwischen Schweige- und Angabespirale, umso größer die Probleme der Meinungsfreiheit. Wenn man also klatscht, um anderen zu gefallen, die wiederum auch nur klatschen, um mir – scheinbar – zu gefallen, was dann? Dann klatscht jeder wie bei Erich Honecker, ohne es so gemeint zu haben.

Normalität ist – auch und vor allem – eine Sache der Freiheit von Meinung. Je mehr Menschen Angst davor haben, als nicht normal zu gelten, umso problematischer für ein Land.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Hans-Martin Esser: Intellektuelle Dürftigkeit

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