Das Netz führt nicht zu mehr Demokratie, sondern zu mehr Partizipation. Zeynep Tufekci

Nur hilfreiche Bücher erwünscht

Wer eine eigene Meinung hat, ist nicht immer willkommen. Was bleibt von der Meinungsfreiheit in unserem Land? Ein modernes Märchen, das sich wirklich so ereignet hatte.

Es war einmal in einem Städtchen im Sauerland, da waren alle einer Meinung. Der Bürgermeister sagte, wir haben neue Nachbarn und die mögen wir. Alle, die guten Herzens waren, wurden glücklich in diesem Städtchen. Das Städtchen nahm an Wettbewerben teil, die die Willkommenskultur feiern sollten. Und – welch Wunder – es gewann diese Wettbewerbe, und alle freuten sich, die Politiker und die Zeitungsleute und überhaupt fast alle.

Diskurs seine Gedanken formen

Aber einige Menschen, die nicht guten Herzens waren, hatten ein paar Fragen. Ein weiser Mann von der Universität Göttingen, der selbst im Morgenland geboren ward, hatte in Frankfurt studiert und bei Adorno, Horkheimer und Bloch gelernt, was kritische Theorie ist. Die hatten nämlich gesagt, dass ein wahrer Philosoph selbst denken müsse und keine Anweisungen benötige, man müsse im Diskurs seine Gedanken formen. Aber vielen Menschen ist das zu anstrengend. Wer selbst denkt, hat schneller Kopfschmerzen. Die kann man gar nicht gebrauchen. Der weise Mann war zeit seines Lebens sehr erfolgreich und wurde in das Städtchen eingeladen. Hier war ein anderer Mann (der diese Kolumne schreibt) und wollte mit ihm und allen, die kommen wollten, offen über Willkommenskultur, Leitkultur und die Identität Europas diskutieren.

Denn es gibt schon lange eine Idee des Westens. Diese Idee hat die Menschheit ganz weit vorangebracht, und der weise Mann wusste, dass nach dem Tod seiner Lehrer Adorno, Bloch und Horkheimer diese Ideale ständig beschützt werden müssen. Die mussten nämlich selbst fliehen vor Menschen, die andere lieber denken ließen. Das ganze Land ward regiert von einer Frau, die wusste, was gut war. Lästige Kritik zu äußern war es nicht, die liebe Willkommenskultur hingegen schon. Und da viele dienstbare Geister gern gut sein wollten, sahen sie, dass man das Gute gegen die Kritiker beschützen müsse. Sie mochten die Frau und wollten sich ihr andienen.

Der weise Mann war bereit, sogar ohne Geld und Gold in das kleine Städtchen im Sauerland zu kommen – viele Meilen durch den Winterschnee. Er wollte nur, dass man seine Bücher nach der Diskussion kaufen könne, weil die guten Menschen im Land, die die Zeitungen und Bücherläden leiten, ihn nicht so gern mehr hören wollten. Seine Bücher versteckte man im Keller und verkaufte lieber Bücher, von denen man keine Kopfschmerzen bekam.

Willkommenskultur und Multi-Kulti fand er gar nicht gut

Es war so unschön, was er dort schrieb. Er forderte eine Leitkultur des Westens ein. Willkommenskultur und Multi-Kulti fand er gar nicht gut. Daher sagte kurz vor der Diskussion die Buchhändlerin, dass sie nicht bereit sei, solche Bücher mit so bösen Gedanken zu verkaufen. Kopfschmerzen unterm Weihnachtsbaum sollte keiner haben.

Böse Gedanken und Kritik waren nämlich längst außer Mode. Und nach der Mode richtet sich ein kluger Buchhändler immer. Daher fand die Veranstaltung im kleinen Städtchen mit dem weisen Mann, der im Morgenland geboren ward, um dann die ganze Welt zu bereisen, nicht statt. Er war in Damaskus, in Frankfurt, in Berkeley, in Göttingen, an der Stanford University und auch in Harvard, wo er lange Professor ward. Nur im kleinen Sauerland weigerte sich die Händlerin, seine Bücher zu verkaufen.

Der Organisator der Diskussion aber ward furchtbar wütend. Er sprach mit der Buchhändlerin, warum sie ihn sabotierte und die Bücher vom weisen Mann nicht verkaufen wollte. Denn schon 6 Wochen zuvor hatte er ihr gesagt, was für kritische Gedanken der weise Mann hatte. Da hatte sie noch keine Probleme damit. So kurzfristig aber fand sich kein Ersatz für die Händlerin. Der Organisator dachte gar, dass die Händlerin die guten Menschen in der Stadt vor den bösen Gedanken bewahren wollte.

Nun sprach der Veranstalter der Diskussion mit dem ortsansässigen Zeitungsmann. Der war mit der Buchhändlerin bekannt und fand den weisen Mann viel komischer als das Verhalten der Händlerin, über die er nie ein kritisches Wort schreiben würde. „Wie kann man nur so dreist sein, einen Büchertisch zu fordern?“ sagte der Zeitungsmann. Und dann noch in einem Prunksaal eines alten Rathauses? Da wurde der Veranstalter sehr wütend, und der Zeitungsmann aus dem kleinen Städtchen sagte ihm, dass man doch einen Leserbrief schreiben könne. Ob der dann veröffentlicht werde, stehe auf einem anderen Blatt, fügte er hinzu und versuchte ihn zu verhöhnen.

Die Idee des Westens und die Meinungsfreiheit haben gesiegt

Aber zum Glück ist auch im Sauerland kein Mensch mehr darauf angewiesen, mit einem Zeitungsmann befreundet zu sein. Denn auch hier gibt es das Internet, wo man selbst schreiben kann und andere die eigenen Gedanken lesen. Am Ende hat dann doch die Idee des Westens mit Meinungsfreiheit gesiegt und alle bekamen, was sie verdienten. Der Zeitungsmann versauert weiter in seiner kleinen Schreibstube im Sauerland und hofft, dass sein Käseblättchen nicht vor seiner Verrentung pleitemacht. Und die Buchhändlerin muss sich mit der Konkurrenz aus dem Internet plagen. Die Idee der Freiheit lässt sich nicht dauerhaft unterkriegen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Hans-Martin Esser: Mich nervt die Pose vieler Untergangspropheten

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