Wir werden sehen, ob junge Leute wirklich besser sind, nur weil sie jung sind. Michel Friedman

„Das ist nicht mehr Mandelas Südafrika“

Rassismus, miserable Bildung und Korruption haben Südafrika abgewirtschaftet. Im Gespräch mit Florian Guckelsberger warnt der Journalist und Landeskenner Hans-Joachim Löwer vor den Ambitionen eines jungen ANC-Politikers, dessen Präsidentschaft das Land in ein zweites Simbabwe verwandeln könnte.

Das Gespräch wurde im Sommer diesen Jahres geführt. Aus aktuellem Anlass haben wir es erneut auf die Startseite gesetzt.

The European: Herr Löwer, welches politische und gesellschaftliche Erbe hinterlässt Nelson Mandela?
Löwer: Mandela ist das Produkt einer einmaligen Situation, denn etwas wie die Rassentrennung hat es nur in Südafrika gegeben. Insofern ist seine Rolle auch eine einmalige. Ein weiterer Punkt ist sein beeindruckender Charakter und die Art, wie er mit der Apartheid umgegangen ist. Seine große Geste der Versöhnung hat Südafrika wohl vor einem Bürgerkrieg gerettet. Der friedliche Übergang ist Mandelas großes historisches Verdienst. Und das wirkt bis heute nach.

The European: Was genau ist davon heute noch zu spüren?
Löwer: Sein Geist ist natürlich noch heute in Teilen des Landes spürbar – auch wenn er nicht mehr dominiert. Je älter Mandela wurde und je mehr er sich aus der aktiven Politik zurückzog, umso schwächer wurde sein Einfluss. Viele ehemalige Kampfgefährten haben das bitter beklagt. Das heutige Südafrika ist sicherlich nicht das Mandelas.

„Rassische Probleme sind nicht das zentrale Problem Südafrikas“

The European: Nachfahren der europäischen Kolonialisten fühlen sich heute diskriminiert, einige Gruppen streben offen nach politischer Autonomie. Wie steht es um Mandelas Projekt der Versöhnung?
Löwer: Es war sein erklärtes Ziel, einen Staat zu schaffen, in dem die Hautfarbe keine Rolle mehr spielt. Etwa wenn es um die Vergabe politischer Ämter oder den Zugang zu Bildung geht. Dieses Ziel wurde verfehlt.

The European: So hart?
Löwer: Die rassische Zugehörigkeit spielt auch heute – 19 Jahre nach Ende der Apartheid – noch eine Rolle. Es wird zum Beispiel nach rassischen Kriterien gewählt. Im Grunde ist das auch nicht verwunderlich, denn Geschichte kann nicht einfach so weggewischt werden. Eine Art umgekehrter Rassismus hat rund eine Million gut ausgebildete Weiße aus dem Land getrieben. Die sind nicht aus Vergnügen gegangen. Dennoch glaube ich nicht, dass die rassischen Probleme noch das zentrale Problem Südafrikas sind.

The European: Die Regierung Zuma steht in der Kritik. Es geht um Korruption, Verschwendung und massive Massenarbeitslosigkeit. Könnte Mandelas Tod der Funke sein, an dem sich echter Protest und politischer Wandel entzündet?
Löwer: Die Angst ist da. Solange der gute Geist Mandelas wehte, gab es Hoffnung, dass das Land vor Schlimmerem bewahrt wird. Die regierende und im Grunde genommen allmächtige Regierungspartei ANC ist in sehr unterschiedliche Flügel gespalten. Da gibt es das Bündnis mit der Kommunistischen Partei, den sehr einflussreichen Flügel der ANC-Jugendliga unter Julius Malema und den wichtigen Gewerkschaftsverband. Diese Kräfte versuchen, die Partei nach links zu ziehen. Menschen, die an das freie Unternehmertum glauben, sind in der Minderheit. In den letzten Jahren ist zu beobachten, dass der Staat eine immer wichtigere Rolle in wirtschaftlichen Fragen spielt. Für eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung fehlen somit ganz entscheidende Dinge.

The European: Welche?
Löwer: Das südafrikanische Bildungssystem ist eine Katastrophe. Ich habe Lehrer und Schüler erlebt, die sich morgens in der Kneipe statt im Klassenzimmer getroffen haben. Kaum die Hälfte der Schüler erreichen einen ordentlichen Abschluss. Infolgedessen fehlt es der Wirtschaft an Fachkräften. Die gibt es schlicht und einfach viel zu wenig. Das zweite Problem ist der weit verbreitete Klientelismus und die Patronage, die sich aus der übermächtigen Stellung der ANC ergibt. Ein Grundübel, das sich in vielen afrikanischen Ländern findet: Die erste Loyalität im Amt gilt der Familie, nicht dem Staat.

„Eine Spaltung des ANC kann nicht ausgeschlossen werden“

The European: Beobachter meinen, dass dem ANC infolge von Mandelas Tod die Spaltung droht – hinter den Kulissen bahne sich folglich bereits ein Kampf um sein Erbe an. Für wie wahrscheinlich halten Sie dieses Szenario und was würde die Spaltung des seit zwei Jahrzehnten regierenden ANC für das Land bedeuten?
Löwer: Die ideologischen Differenzen innerhalb der Partei sind so groß, dass eine Spaltung nicht ausgeschlossen werden kann – de facto hat es die ja in kleinem Maßstab schon gegeben. Das Potenzial für eine Spaltung ist also da, vor allem, wenn der heftig umstrittene Julius Malema seine Ambitionen auf das Präsidentenamt verwirklicht. Käme er an die Macht, könnte Südafrika zu einem zweiten Simbabwe werden. Diese Gefahr ist da und viele Menschen – egal welcher Hautfarbe – haben davor große Angst.

The European: Historisch bedingt gibt es in vielen Ländern Afrikas eine Bewunderung der strong men. Also jener Führer, die ihr Volk in die postkoloniale Unabhängigkeit geführt haben. Ist die Alleinherrschaft des ANC über die letzten 19 Jahre so etwas wie das dunkle Erbe Mandelas?
Löwer: Der starke Mann ist in Afrika immer noch sehr populär. Natürlich gibt es Tendenzen hin zur Demokratisierung und Zivilgesellschaft. Aber an einem Julius Malema sieht man, dass solche Volkstribune immer noch großen Zulauf haben. Es gibt eben eine lange Tradition von Führern, die ihre Meriten im Kampf gegen den weißen Mann gesammelt haben und damit Politik machen. Mandela hingegen wollte einen versöhnlichen Schlussstrich ziehen. Unter ihm ist dann auch das erste Mal so etwas wie ein Nationalgefühl entstanden: Als Südafrika die Weltmeisterschaft im Rugby gewann, haben alle zusammen gefeiert, auch wenn es eigentlich immer nur ein Sport der Weißen war. In diesen Anfangsjahren des neuen Südafrikas gab es große Hoffnungen, dass die alten Schranken eingerissen werden können. Das ist sicher nicht gelungen.

The European: Südafrika galt lange als Leuchtturm Afrikas. Doch die prekären Lebensverhältnisse auf dem Land, absurd hohe Mord- und Vergewaltigungsraten, gravierende soziale Disparitäten sowie außenpolitisches Ungeschick ernüchtern. Welche Bedeutung hat das Land heute für den afrikanischen Kontinent?
Löwer: Nach wie vor ist Südafrika der einzige Industriestaat in ganz Afrika. Ein unbeabsichtigtes Erbe der Apartheid war die hervorragende Infrastruktur. Davon zehrt das Land noch heute. Zusammen mit den erheblichen Rohstoffvorkommen sind das im Grunde genommen beste Voraussetzungen für eine gute Entwicklung. Kämen dazu noch ausreichend gebildete Facharbeiter und eine größere Rolle der verarbeitenden Industrie, wäre Südafrika die große afrikanische Erfolgsgeschichte. Ich bezweifle aber, dass es trotz der guten Voraussetzungen dazu kommt. Der Staat würgt viel private Initiative einfach ab.

The European: Werden diese Probleme vom politischen Nachwuchs diskutiert?
Löwer: Es gibt Leute im ANC, die das tun. Die Frage ist, ob sie sich innerparteilich durchsetzen werden, denn eine sehr dominante Fraktion setzt weiterhin auf Staatsdirigismus. Und das wird dem Land ganz sicher nicht zum großen Sprung nach vorne verhelfen.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Dieter Haller: „Südafrika hat viele neue Freunde gewonnen“

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