Irrationalität kann auch sehr positiv sein. Dan Ariely

Nach den Wahlen ist vor den Reformen

Im Geburtsland des Arabischen Frühlings läuft es besser als in vielen anderen Ländern der Region. Der erste Schritt ist gemacht, nun muss der zweite folgen. Auch Deutschland kann helfen.

Die fair und transparent verlaufenen Präsidentschaftswahlen in Tunesien am vorigen Sonntag zeigen: Das Land, in dem vor drei Jahren der Arabische Frühling begann, ist auf dem Weg zu einer pluralistischen Demokratie entscheidend vorangekommen. Dies unterscheidet Tunesien von fast allen anderen Ländern in der Region. Dauerhafte Stabilität erreichen kann Tunesien aber erst, wenn auch die zweite, ungleich schwierigere Phase des gesellschaftlichen Neuaufbaus gelingt: die Reform der Wirtschaft.

Wer als Präsident in den Palast einzieht, der sich an der Küste des Mittelmeeres über den Ruinen der antiken Großmacht Karthago erhebt, wird in einer Stichwahl am 28. Dezember entschieden. Mit einem knappen Vorsprung ging aus der ersten Runde der von nicht-religiösen Gruppen unterstützte Beji Caid el Sebsi hervor – ein 87-Jähriger, der Verbindungen zum alten Regime hat, der aber auch viele Tunesier mitzunehmen vermag in die neue Zeit. Gegenkandidat ist der Übergangspräsident Moncef Marzouki, der auch von islamischen Kräften unterstützt werden dürfte. Das Amt ist jedoch vor allem repräsentativ. Entscheidender für Tunesiens Zukunft ist daher, wer die Regierung stellt und wie sie ihre Aufgaben meistert.

Auf die neue Regierung wartet eine Herkulesaufgabe. Einerseits ist das Pro-Kopf-Einkommen Tunesiens eines der höchsten in Afrika, der Industriesektor ist von beachtlicher Vielfalt und Größe, das Bildungsniveau der jungen Generation ist beeindruckend. Andererseits: Die Unterschiede in der Wirtschaftskraft zwischen Küste und Binnenland sind riesig. Die Arbeitslosigkeit ist enorm hoch. Bürokratie, staatliche Monopole und Gefälligkeitsentscheidungen lähmen den Fortschritt.

Fortschritt, aber

Zwar sind tunesische Unternehmen in globale Wertschöpfungsketten integriert und liefern dem Weltmarkt Textilien, Elektrotechnik, Auto- und Flugzeugteile. Es sind aber vor allem Produkte, die mit einfacher Arbeit und zu niedrigen Löhnen hergestellt oder zusammengebaut werden. Hotels an der Küste sind ein erstrangiges Ziel für europäische Touristen – allerdings handelt es sich fast nur um das touristische Standardgeschäft mit geringer Wertschöpfung. Hinzu kommen Call Center-Dienste für den französischen Markt; auch dies eine Branche, die wenig Entwicklungspotenzial hat.

Deshalb setzen weitsichtige tunesische Wirtschaftspolitiker auf Wissenschaft und Innovation als Schlüssel zur weiteren Entwicklung. So fordert etwa Jelel Ezzine, der Präsident der tunesischen Wissenschaftsvereinigung, nationale Leuchtturmprojekte für den Technologietransfer. Eine moderne Industriepolitik soll zudem die Privatisierung weiterer Staatsunternehmen, eine Entbürokratisierung und mehr Wettbewerb ermöglichen. Nur so könnten Unternehmensneugründungen angestoßen werden und bestehende Unternehmen wachsen. Nur so könnten mehr und hochwertigere Arbeitsplätze geschaffen werden.

Auch über eine Reform des Bildungssystems wird diskutiert. Große Lücken bestehen zwischen dem, was in den Schulen und Hochschulen gelernt wird, und dem, was die Wirtschaft benötigt. Zahlreiche Hochschulabsolventen finden keinen Arbeitsplatz. Auf der anderen Seite suchen ausländische Unternehmen in Tunesien nach Fachkräften und müssen neue Mitarbeiter monatelang nachschulen: Praxisbezug, Teamarbeit, Führungsqualitäten – dies wird besonders vermisst.

Gelingen die Wirtschaftsreformen, dann könnte Tunesien ein Modell für die arabische Welt und den afrikanischen Kontinent werden. Das kleine Land mit seinen nur knapp elf Millionen Einwohnern könnte ein mediterranes Singapur werden. Scheitert dieser Versuch, dann droht ein Fiasko: Schulabgänger würden vermehrt nach einem Weg über das Mittelmeer suchen, um dort die Chancen zu finden, die ihnen das Heimatland verwehrt. Oder sich einfache Lösungen suchen: Schon heute bilden Tunesier eine der größten Gruppen ausländischer Kämpfer in den Milizen des Islamischen Staates.

Hinzu kommt: Als Folge des Bürgerkriegs in Libyen leben auf tunesischem Boden mehr als eine Millionen Flüchtlinge. Wird Libyen durch eine positive Entwicklung in Tunesien stabilisiert, könnten sie eine wirtschaftliche und kulturelle Brücke zwischen beiden Ländern bilden. Wird Tunesien durch die Ereignisse in Libyen destabilisiert, könnten die Flüchtlinge die Spannungen verschärfen.

Partnerschaften auf allen Ebenen nötig

Eingeklemmt zwischen dem festgefahrenen Bürgerkrieg in Libyen und dem Pulverfass Algerien, dessen autoritäre Regierung über kurz oder lang fallen wird, richtet sich die Hoffnung der modernen Eliten Tunesiens auf die Zusammenarbeit mit Europa. Wie kein anderes Land in der Region könnte das kleine Tunesien zu einem Anker der Stabilität und Prosperität in Nordafrika und in der arabischen Welt werden – wenn es Unterstützung von außen bekäme.

Europa sollte diese Chance zur Stabilisierung der Region nicht verpassen. Deutschland könnte dabei sogar eine Führungsrolle übernehmen – auf Grund unserer Stärken bei Bildung und Technologie und auf diesen Gebieten als Partner willkommener als die ehemalige Kolonialmacht Frankreich. Allerdings müsste die deutsche Politik gegenüber Tunesien in sich stimmiger werden. Noch sind in Tunesien zu viele Akteure mit teils widersprüchlichen Konzepten unterwegs.

Ein Generalplan zur Wirtschaftsreform in Tunesien jedenfalls sollte von Europa und Deutschland massiv unterstützt werden – mit Partnerschaften auf allen Ebenen. Dazu könnten nicht zuletzt auch deutsche Unternehmen und Universitäten beitragen.

Der Beitrag wurde zusammen mit Karl Wohlmuth verfasst, emeritierter Professor für das Fachgebiet „Vergleich ökonomischer Systeme“ an der Universität Bremen.

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