Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler. Ingeborg Bachmann

Strategische Antwort auf Neue Weltwirtschaftsmächte und industrielle Megatrends

Die Weltwirtschaft hat sich in den zurückliegenden 25 Jahren dramatisch verändert. Neue Weltwirtschaftsmächte sind entstanden und neue Megatrends in der Industrie aufgekommen. Das transatlantische Handels- und Investitionsabkommen TTIP und sein Gegenstück, das transpazifische Abkommen TPP, sind strategische Antworten der alten Weltwirtschaftsmächte auf die neuen Herausforderungen.

TTIP

Um welche wirtschaftlichen Megatrends handelt es sich? Am wichtigsten ist wohl die Aufspaltung von Produktionsabläufen auf diejenigen Standorte, die für die einzelnen Fertigungsabschnitte die günstigsten Bedingungen bieten – und die Wiederzusammenführung in globalen Wertschöpfungsketten und Produktionsnetzwerken. Dies kann man daran ablesen, dass ein Großteil des Außenhandels firmenintern stattfindet – auch etwa ein Drittel des Handels zwischen den USA und der EU. Andere Mega-Trends sind neue Werkstoffe, neue Schlüsseltechnologien und neue Verbindungen zwischen Dienstleistungen und Produkten.

Wir stehen also an der Schwelle eines neuen techno-ökonomischen Paradigmas, am Beginn einer neuen „Schumpeter-Kondratjew-Welle“ – benannt nach dem Russen N. Kondratjew (1892-1938), der die Entwicklung der Weltwirtschaft in Zyklen entdeckte, und dem Österreicher J. A. Schumpeter (1883-1950), der diese auf das Auftreten von Basisinnovationen zurückführte. Alle diese neuen technischen Entwicklungen haben nun eines gemeinsam: Neue Produkte und Verfahren rechnen sich nur, wenn die Grenzen nationaler Märkte ignoriert werden können. Deshalb sollen Normen vereinheitlicht werden. Dafür bieten TTIP und TTP einen Rahmen.

TTIP gegen Newcomer der Weltwirtschaft

TTIP und TTP richten sich zugleich aber gegen die Newcomer in der Weltwirtschaft. China, Indien und Brasilien sind Weltwirtschaftsmächte im Wartestand. Auch die Staaten Südostasiens, Mittelmächte im Mittleren Osten und das wiedererstarkte Russland können die wirtschaftliche Hegemonie der Länder der „Triade“ in Nordamerika, Westeuropa und in der Asien-Pazifik-Region gefährden. Wenn es gelingt, europäisch-amerikanisch-japanische Herstellerstandards zu globalen Standards zu machen, müssen die anderen Volkswirtschaften mitziehen. Standards haben nämlich eine hohe Sogwirkung: Je mehr Hersteller sich darauf einlassen, desto schwerer haben es Außenseiter – und die Unternehmen, die die globalen Standards generiert haben, können Pioniergewinne realisieren.

Die Kampfansage der Alten führt allerdings zu Reaktionen der Neuen Weltwirtschaftsmächte. Zum einen versuchen die BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika), ihre Interessenunterschiede zurückzustellen, Gemeinsamkeiten zu betonen, eigene multilaterale Institutionen aufzubauen und Regeln umzusetzen. Zum anderen versucht insbesondere China, eigene industrielle Standards in Abkommen zur regionalen Zusammenarbeit zu etablieren.

Das Integrationsabkommen TTIP ist kein Instrument, um Interessengegensätze global einzuebnen – wie die inzwischen zahnlos gewordene Welthandelsorganisation WTO. Im Gegenteil: TTIP wird neue Gräben aufreißen. Die Weltwirtschaft der Zukunft wird ein Ort sein, wo mega-regionale Interessen härter als je aufeinanderstoßen.

Afrika verliert weiter an Boden

Ein anderer Aspekt des geplanten transatlantischen Abkommens wird oft vergessen. Nicht gewollt, aber in Kauf genommen wird, quasi als „Kollateralschaden“, dass viele Entwicklungsländer, vor allem in Afrika, weiter von der Weltwirtschaft abgekoppelt werden: Deren bescheidene Industrialisierungsansätze – wie Textilien in Kenia oder Elektronik in Tunesien – geraten unter stärkeren Wettbewerbsdruck, wenn der Vorteil ihrer bisherigen Vorzugsbehandlung auf den europäischen Märkten nichts mehr wert ist.
Diese „Erosion von Präferenzen“ kann auch Agrarprodukte wie Tabak, Baumwolle oder Zucker treffen, die in den USA in großen Betriebseinheiten und mit hohem Kapitaleinsatz kostengünstiger produziert werden können als in den meisten afrikanischen Ländern. Schließlich könnten Veredelungen von Kaffee oder Kakao, also vor allem die Kaffeeröstung oder die Verarbeitung von Kakao zu Schokolade, weiterhin eher in Europa stattfinden als in den Ursprungsländern, um einen entsprechend hohen Wertschöpfungsanteil in einem TTIP-Partnerland als Voraussetzung für zollfreie Einfuhren in anderen Partnerländern zu erreichen.

TTIP ist auch Politik

Die beiden Abkommen TTIP und TTP haben über die weltwirtschaftliche Bedeutung hinaus schließlich noch eine geopolitische Bedeutung. Das macht niemand klarer als der US-Handelsbeauftragte Michael Froman (in der Zeitschrift Foreign Affairs, 2014). In realpolitischer Perspektive gelte es, mit Hilfe der Wirtschaft die westlichen Regeln gegen die neuen Konkurrenten zu stärken und Signale an Unentschlossene zu senden, um diese in die westliche Gemeinschaft einzubinden. Konkret könnte dies bedeuten, dem chinesischen Staatskapitalismus das Dumping beim Stahlhandel zu erschweren und die Abhängigkeit der Ukraine vom russischen Gas zu reduzieren. Letztlich aber geht es um politische Macht. Die wirtschaftliche Dominanz des „Westens“, die durch die beiden Abkommen gestärkt wird, dient dafür als Vehikel.

Im Fazit: Der Weltwirtschaft wäre mehr gedient, wenn es gelänge, TTIP und andere regionale Integrationsabkommen zurückzudrängen und zurückzukehren zu multilateralen Verabredungen im Rahmen der WTO. Denn das würde Konflikte zwischen den postindustriellen Hocheinkommensländern in Nordamerika / Westeuropa einerseits sowie den Schwellenländern wie China andererseits reduzieren, eine inklusivere Entwicklung der ärmsten Länder insbesondere in Afrika ermöglichen und zugleich die Herausforderungen der Technik des 21. Jahrhunderts durch weltumspannende, fair verhandelte Standards zu meistern.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Bernd Lange, Robert Born, Janosch Ginglinger.

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