Wir können Besteuerung niemals populär machen, aber wir können sie fair machen. Richard Nixon

„Auch ich fahre ab und an Auto“

Der einzige Grünen-Direktabgeordnete im Bundestag, Hans-Christian Ströbele, zieht im Interview mit The European Bilanz über die Zeit der Großen Koalition. Der passionierte Fahrradfahrer erklärt, warum Hasch legal werden soll, wie Deutschland mit ihm als Bundeskanzler aussähe, und wehrt sich gegen eine böse Verleumdung. Das Gespräch führte Benno Müchler.

The European: Warum sind Sie dafür, Cannabis zu legalisieren?
Ströbele: Aus Gerechtigkeitsgründen. Ich finde es zutiefst ungerecht, dass man sich in Deutschland und anderen Ländern beispielsweise auf dem Oktoberfest bis zur Bewusstlosigkeit volllaufen lassen kann, und Freunde und Kollegen finden das lustig und gut. Wenn man aber eine Haschtüte raucht, ist man immer gleich in der kriminellen Ecke. Natürlich rate ich absolut allen Menschen dazu, keine Drogen zu nehmen. Ich will Cannabis auch nicht legalisieren, weil ich das Zeug für mich brauche. Ich lebe völlig drogenfrei, habe noch nie Drogen genommen, rauche auch sonst keine Zigaretten, trinke keinen Alkohol und auch keinen Kaffee. Aber bei der Behandlung von Drogen sollte man immer nach der Gefährlichkeit gehen.

The European: Ist Cannabis denn nicht schädlich, also einerseits für uns selbst, andererseits für unsere Umwelt, wenn wir an die Unfälle denken, die unter dem Einfluss von Cannabis geschehen können?
Ströbele: Alkohol und Zigaretten sind unendlich viel schädlicher. In Deutschland sterben jährlich Zigtausende an den Folgen des übermäßigen Genusses dieser Drogen.

The European: Die Politik und Wirtschaft wirbt heute allgemein viel mit Grün. Wie heben sich die Grünen von dieser Konkurrenz ab?
Ströbele: Ich freue mich über jede Partei, die grüne Politik zum Hauptziel ihres Handelns macht. Ich gucke aber mit meinen Kollegen sehr genau hin, was nur Worte und was wirklich Taten sind. Und angesichts der geringen Taten sehe ich die dringende Notwendigkeit, dass es die Grünen weiterhin gibt, siehe Atomausstieg, siehe die Förderung von alternativen Energien. Ohne die Grünen wären wir nicht Weltspitze, sondern um Jahrzehnte zurück.

The European: Wie bewerten Sie die Leistung der Großen Koalition nach grünen Maßstäben?
Ströbele: Es gab viele große Worte und Reden von Frau Merkel, auch an der Seite von George Bush. Wir haben in diesen vier Jahren viel Zeit verloren, vor allem beim Klimawandel, das Mögliche in die Wege zu leiten. Die Abwrackprämie war falsch. Sie hat eine Automobilindustrie subventioniert, die versäumt hat, die Autos zu produzieren, die in Zukunft gebraucht werden.

The European: Mit Blick auf den Klimagipfel in Kopenhagen: Was sind Ihre Erwartungen?
Ströbele: Ich fürchte, dass es weiterhin bei vielen leeren Bekundungen bleibt und dabei am Ende nichts Konkretes rauskommt. Allerdings habe ich mich über die Wahl von Barack Obama im vergangenen Jahr aus vielen Gründen sehr gefreut – auch weil er eine Hoffnung für den Klimaschutz ist. Anders als sein Vorgänger versucht er, Grün in den USA gesellschaftsfähig zu machen. Das eröffnet riesige Möglichkeiten.

The European: Nach Kopenhagen wird viel passieren und von uns Bürgern wird finanziell viel gefordert werden. Wie machen Sie uns Bürgern Mut, da mitzugehen?
Ströbele: Ich helfe mit, dass sich beispielsweise ökologisch gesunde Ernährung alle Menschen leisten können, also auch Hartz-IV- und ALG-II-Empfänger. Ich bin kürzlich Ehrenmitglied des Vereins Wurzelwerk in Berlin-Friedrichshain geworden, der sich zum Ziel gesetzt hat, durch eine genossenschaftliche Form des Wirtschaftens und Einkaufens, biologische Produkte für alle erschwinglich zu machen. Bioprodukte haben immer noch so einen “Smell”, einzig etwas für die Wohlhabenden und Gebildeten zu sein. Das darf nicht sein. Und dafür setze ich mich ein.

The European: Sie sind älter als die Bundesrepublik und haben dadurch einen Blick über ihre Entwicklung wie kein anderer. Würden Sie sagen, dass Umweltbewusstsein heute fest in unserer Gesellschaft verankert ist?
Ströbele: Es ist eine allseits anerkannte und etablierte Forderung, die allerdings leider immer noch von viel zu wenig Menschen praktiziert wird. Dafür gibt es viele Gründe. Manche können es sich nicht leisten, manche haben keine Zeit, manche wollen es nicht. Ich nehme die Grünen und mich selbst davon gar nicht aus. Auch ich fahre ab und an Auto, auch ich kaufe nicht immer nur ökologisch angebautes Gemüse aus der Umgebung.

The European: Ich habe mal gehört, Sie waren früher Porschefahrer?
Ströbele: Das ist eine böse Verleumdung. Ich habe mal erzählt, dass ich als 18-Jähriger davon geschwärmt habe, mir, wenn ich richtig groß bin und ganz viel Geld habe, einen Porsche zuzulegen. Das hat aber in den letzten 52 Jahren nie geklappt und heute würde ich mir aus Vernunftgründen auch keinen mehr kaufen, aber nicht weil ich jetzt irgendetwas gegen Autos habe.

The European: Warum sind Sie grün?
Ströbele: Weil unsere Forderungen richtig und wichtig sind für das Überleben der Menschheit und für die gesunde Entwicklung der deutschen Bevölkerung.

The European: Was sind im Rückblick die Erfolge der Grünen?
Ströbele: Wir haben die ökologische Frage und die Klimafrage schon aus der Opposition heraus und dann auch aus der Regierungsverantwortung heraus so auf die Tagesordnung gesetzt, dass wir in Deutschland weltweit ganz vorn sind beim Ernstnehmen dieses Themas. Leider aber nicht immer bei den Taten.

The European: Wenn Sie Bundeskanzler wären, ihr Kabinett komplett mit Grünen besetzt wäre, die Grünen die absolute Mehrheit im Bundestag hätten und Sie bis 2020 an der Macht blieben, wie sähe Deutschland dann aus?
Ströbele: Dann wäre das Klimaziel “40 Prozent weniger Emissionen” erreicht, dann gibt’s ’ne riesen Feier mit vielleicht auch ökologischem Bier und vielleicht auch welchem, das mit Hanf gebraut wäre. Wir würden überwiegend Elektroautos fahren. Es wäre leiser, ruhiger, sauberer und angenehmer zu leben in Deutschland.

The European: Aber trotz Elektroauto hätten Sie dann immer noch ihr Fahrrad, oder?
Ströbele: Das stimmt. Schon aus Gründen der Gesundheit. Weil nur aufs Gaspedal treten, nein, das müsste ja dann Elektropedal heißen, das würde ja dazu führen, dass ich einroste und das will ja nu keiner.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Matthias Wissmann: „Wir wollen keinen Steckersalat“

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