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"Ich kenne keine Lügenpresse"

Die Medien stehen gerade in der Diskussion um den Islam zunehmend in der Kritik. Ihnen wird Manipulation und Vertuschung vorgeworfen. Doch so einfach ist es nicht, meint der Politologe und Islamexperte Hamed Abdel-Samad.

islam migration lügenpresse

Es ist interessant, dass eine breite Diskussion über die Medien und ihre Verantwortung fast ausschließlich am Rande der Diskussion über die Themen “Islam” und “Migration” stattfindet. Noch interessanter ist es, dass fast alle Beteiligten sich falsch verstanden und falsch dargestellt fühlen. So beschweren sich Muslime, dass die Berichterstattung über den Islam fast immer negativ und tendenziös sei. Auf der anderen Seite beschweren sich Islamgegner, dass Mainstream-Medien den Islam beschönigen und die Probleme unter den Teppich kehren. Die Sarrazin-Debatte und die Diskussion um Flüchtlinge haben dies deutlich gezeigt.

Als jemand, der seit Jahren mit den Medien zu tun hat, glaube ich nicht, dass es einen Geheimcode für Journalisten gibt. Ich kenne Journalisten, die gewissenhaft arbeiten und welche, die schlampig – oder gar nicht – recherchieren, aber ich kenne keine Lügenpresse. Woher kommt also die Spannung und die Vorstellung, dass die Presse die Wahrheit zu Gunsten dieser und jener Gruppe manipuliert?

Fünf Gründe warum Lügenpressen-Mythos entsteht

1. Die Erwartungshaltung der Zuschauer: Viele Zuschauer erwarten, dass die Medien genau über ein Thema berichten, wie diese Zuschauer über dieses Thema denken. Geschieht das nicht, sind die Medien dann gleichgeschaltet und unsachlich.

2. Gesetz des Marktes: Die Medien, auch die öffentlich-rechtlichen, unterliegen dem Gesetz von Angebot und Nachfrage. Also werden Themen diskutiert, die eine breite Masse interessiert. Da wechseln sich Themen täglich ab, damit der Zuschauer sich nicht langweilt. Die Sensation ist oft wichtiger als die kühne Analyse. Nicht über die Tausende Flugzeuge, die täglich sicher landen wird berichtet, sondern über dasjenige, das abstürzt.

3. Perspektiven-Wechsel: Sollte sich ein Thema langfristig in der öffentlichen Diskussion verharren, dann versuchen die Medien immer neue Aspekte zu beleuchten, um die Zuschauer bei Laune zu halten. Nach dem 11. September berichtete man lange über die bösen Muslime, die das World Trade Center in die Luft jagten. Dann machte man aus ihnen Opfer der Identitätskrise und der bösen Machtpolitik der Amerikaner. Nach dem Anschlag gegen Charlie Hebdo kam die Debatte über böse Muslime aus den Vorstädten, dann kamen die muslimischen Helden Ahmed Morabet und Lassana Bathily. Auch nach den Silvester-Übergriffen kamen zuerst die Reflexe dann die Reflexion. Am Anfang hieß es, es seien keine Flüchtlinge, dann waren doch welche dabei, dann Tage lange Berichterstattung über die Testosteron geladenen, kriminellen Nordafrikaner. Danach brauchte man den Muster-Marokkaner, der allen Klischees nicht entspricht. Dann auch noch den arabischen Helden: Den Syrer, der hunderte Frauen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht vor dem sexuellen Missbrauch gerettet hatte.
Das zeigt, dass die Medien weder den Islam lieben, noch hassen sie die Muslime. Sie suchen nur die Sensation auch unter Muslimen. Nichts anders tun sie wenn sie über Deutsche berichten.

4. Vorprägung: Eine absolute sachliche Analyse gibt es nicht. Jeder von uns hat eine vorgefasste Meinung, eine prägende Sozialisation und bestimmte Erfahrungen und Vorwissen sowie eine bestimmte Vorstellung von Verantwortung. All das beeinflusst unser Blickwinkel und unser Urteilsvermögen. Da viele Journalisten links sozialisiert sind, fließt das auch in ihre Arbeit. Sie neigen oft dazu, zu moralisieren und bestimmte Bevölkerungsgruppen pauschal zu verteidigen. Das macht sie längst nicht zu Lügnern, sondern es schränkt nur ihren Horizont ein. Das gilt genauso für Journalisten, die rechts unterwegs sind, die dann ganze Bevölkerungsgruppen verurteilen.

5. Es gibt keine absolute Wahrheit: Und es gibt niemanden, der versucht, diese Wahrheit systematisch zu vertuschen. Jeder bastelt sich seine eigene Wahrheit aus den ihm zur Verfügung stehenden Quellen, die oft aber sehr dürftig und unvollständig sind.
Also, bevor du etwas glaubst und auf deiner Seite als Fakt teilst, bitte immer überprüfen und nachfragen! Immer unterschiedliche Quellen heranziehen! Und noch wichtiger: Immer sich daran erinnern: Menschen sind nicht immer das, was die Schlagzeilen über sie erzählen!

Mit freundlicher Genehmigung von Humanistischer Pressedienst

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Liav Orgad , Gunnar Heinsohn, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

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