Die Gedankenfreiheit haben wir. Jetzt brauchen wir nur noch die Gedanken. Karl Kraus

„Ich hatte mit Krimis nichts am Hut“

Vor 44 Jahren erfand Gunther Witte den „Tatort“. Dass zuerst niemand in der ARD die Krimi-Reihe haben wollte und warum sie heute so beliebt ist wie nie, verrät er Hannah Knuth.

The European: Herr Witte, wo sind Sie sonntags zwischen 20.15 und 21.45 Uhr?
Witte: (lacht) Ich bin oft in der Oper, oft im Konzert, oft im Schauspiel – aber wenn ich zu Hause bin, sitze ich natürlich in meinem Wohnzimmer und schaue den „Tatort“.

The European: Kaum ein Genre ist bei den Deutschen so beliebt wie der Krimi. Wussten Sie das vor 44 Jahren?
Witte: Damals war der Westernspielfilm um Karl May noch viel populärer. Der Kriminalfilm war noch nicht stark im Kino und Fernsehen vertreten. Das Genre hat sich erst durch das Fernsehen entwickelt.

The European: Warum ist dieses Genre so beliebt geworden?
Witte: Es löst tiefe Empfindungen im Menschen aus. Das hat vor allem mit dem Geheimnis zu tun. Der Mensch reagiert auf Unwissen mit enormer Neugier. Dieser menschliche Trieb sorgt dafür, dass der Zuschauer in seinem Kopf mitanalysiert und mitermittelt. Kein anderes Genre kann den Zuschauer so einbinden. Und es liegt ebenso am Ausgang des Kriminalfilms.

The European: Sie meinen am Happy End? Die Aufklärungsquote im „Tatort“ liegt bei nahezu 100 Prozent.
Witte: Ist das Bedürfnis nach Aufklärung gestillt, löst das ein Gefühl von Befriedigung aus. Es zeigt auch: So gut kann die Welt sein.

The European: Heute stößt der „Tatort“ viele gesellschaftspolitische Debatten an. War das schon immer so?
Witte: Merkwürdigerweise hielten sich früher einige Fernsehfilmchefs zurück, politische und gesellschaftliche Themen zu visualisieren – aus Angst, das Publikum zu verschrecken. Es hat gedauert, bis man einsah, dass Ernstes und Schweres erfolgreich sein kann.

„Ich weiß bis heute nicht, wieso mein Chef gerade mich wählte“

The European: Wie war damals Ihre Beziehung zum Krimi?
Witte: (lacht) Ich muss ehrlich sein: Ich hatte mit dem Krimi nichts am Hut und auch nichts vorzuweisen, was mich mit diesem Genre in Zusammenhang brachte. Deswegen war ich so überrascht, als mein Chef, der ehemalige WDR-Fernsehspielchef Günter Rohrbach, mich um ein Krimi-Format bat. Ich weiß bis heute nicht, wieso er gerade an mich herantrat. Das war zu einer Zeit, in der das ZDF mit seinen Unterhaltungssendungen sehr erfolgreich war. Besonders beliebt war deren Sendung „Der Kommissar“. Auf einem Spaziergang bat mich Günter Rohrbach, ein konkurrenzfähiges Format zu schaffen, denn die ARD hinkte hinterher.

The European: Was war Ihre Idee?
Witte: Ich wusste, dass das Format über den WDR hinausgehen müsste, sonst blieben wir finanziell daran hängen und hätten andere Formate nicht mehr realisieren können. Dadurch konnte ich allerdings kein detailliertes inhaltliches Konzept vorlegen – jede ARD-Anstalt hätte ihre eigenen Vorstellungen gehabt. In den Kriterien musste ich also relativ unkompliziert bleiben.

The European: Was waren die Kriterien?
Witte: Es waren drei: Ein Kommissar muss im Mittelpunkt stehen, jede Geschichte muss einen regionalen Bezug haben – so können die verschiedenen Anstalten ihre Regionalität ausschöpfen – und die Geschichte muss in der Wirklichkeit möglich sein.

The European: Stimmt es, dass zunächst niemand in der ARD den „Tatort“ wollte?
Witte: Ja. Ich sollte meine Idee in der Koordinationssitzung vorstellen, dort saßen alle Fernsehspielchefs der ARD. Während ich meine Gedanken erläuterte, sah ich, wie die Gesichter immer länger wurden. Als ich fertig war, sagte niemand etwas, es war totenstill. Rohrbach und ich fuhren dann nach Hause, wir waren stinksauer. Wochen später schlug Rohrbach vor, einfach noch einmal mit dem Vorschlag in die Sitzung gehen. Dieses Mal herrschte plötzlich große Begeisterung – so groß sogar, dass es sofort losgehen sollte.

The European: Absurd, oder?
Witte: Ich vermute, dass bei der ersten Sitzung viele Vertreter der Chefs anwesend waren, die sich keine eigene Meinung bilden konnten. In diesen Sitzungen wurde eh nie über Programm und Perspektive gesprochen, es ging nur um Termine. Das lag auch daran, dass die Anstalten gegeneinander konkurrierten. Niemand hat sich getraut, Kritik zu äußern.

The European: Ging es denn sofort los?
Witte: Es gibt irrwitzige Geschichten aus dieser Zeit: Damit das Projekt direkt starten konnte, mussten bereits fertige Filme herhalten. Der erste „Tatort“, der gesendet wurde, war also gar nicht als „Tatort“ produziert worden. Jede Anstalt kratzte zusammen, was vorlag. Der SWR zum Beispiel hatte einen Kriminalfilm produziert, nur fehlte der Kommissar in der Geschichte. Man hat daraufhin eine Kommissar-Rolle nachgedreht und irgendwie mit dem bereits vorhandenen Material kombiniert – völlig grotesk. Aber es störte niemanden, der „Tatort“ kam an!

„Die ARD wäre bescheuert, auf ihre Marke zu verzichten“

The European: Ist er den drei Kriterien über die Jahre treu geblieben?
Witte: Überwiegend. Der Kommissar spielt weiter die Hauptrolle, ob im Team oder alleine. Die Geschichten sind noch immer in unserer Wirklichkeit möglich – auch wenn es zwischendurch eigensinnige Drehbücher gab …

The European: In den 1990er-Jahren gab es mal einen „Tatort“ mit Ufos …
Witte: Was habe ich mich darüber aufgeregt! Heute wird dieses Kriterium wieder strenger eingehalten. Und die Regionalität ist sogar noch stärker gegeben als damals.

The European: Viele Zuschauer kritisieren, dass man aufgrund der vielen Teams aus all den Regionen mittlerweile den Überblick verliert.
Witte: Die Kritik kann ich nicht nachvollziehen. Deutschland hat viele interessante Regionen, warum sollten nicht alle zu Wort kommen? Man gewinnt auch Zuschauer, die sich über ihre jeweilige Region mit dem „Tatort“ identifizieren können.

The European: Konkurrenzserien zum „Tatort“ werden kaum noch entwickelt. Stattdessen werden massenweise Krimi-Serien aus den USA importiert.
Witte: Es wäre ja auch nicht sinnvoll, im Schatten des „Tatorts“ Geld für eigene Krimi-Produktionen auszugeben. Für die privaten Sender ist es leichter, auf Nummer sicher zu gehen und bereits international erfolgreiches Material zu senden.

The European: Ist der Erfolg dieser Serien gefährlich für den „Tatort“?
Witte: Die Geschichte des „Tatorts“ hört nicht auf, sie entwickelt sich stetig weiter. Das ist der Vorteil des „Tatorts“ gegenüber diesen Serien: Wenn ein Schauspieler oder ein ganzes Team aufhört, rückt ein neues Team mit guten Schauspielern nach. Dass die Nachfrage bei den deutschen Schauspielern da ist, sieht man daran, dass ein Til Schweiger oder eine Nora Tschirner Rollen annehmen. Auch die besten Jungregisseure und Autoren wollen für den „Tatort“ arbeiten. Das Projekt altert nicht, es werden immer grüne Zweige nachwachsen.

The European: Sie haben einmal gesagt: „Den ,Tatort‘ gibt so lange, wie die ARD existiert.“
Witte: Ja, denn er wird doch nie auf einem anderen Sender laufen. Die ARD wäre ja auch bescheuert, auf diese Marke zu verzichten.

„Der „Tatort“ kann langfristig Krisen überwinden“

The European: Im Fernsehen laufen heute mehr Krimis denn je. Vor allem die Öffentlich-Rechtlichen senden jeden Tag mindestens einen „Tatort“.
Witte: Das ist ein großes Problem und nicht nur eines der Öffentlich-Rechtlichen. Den Sendern geht gewaltig an Vielfalt verloren! Wer sich für ein Format entscheidet, entscheidet sich gegen viele andere. Es ist eben einfacher, zu sagen: „Wir machen einen Krimi“ als „Wir lassen uns etwas Neues einfallen“. Die ARD sendet den „Tatort“ auch auf ihren Nebenkanälen, weil sie weiß: Der wird geschaut.

The European: Die ARD zeigt aber auch viele andere Krimis: „Polizeiruf“, „Mord mit Aussicht“, „Heiter bis tödlich“, „Mankells Wallander“ …
Witte: Wir hätten damals den Krimianteil über den „Tatort“ hinaus nicht erweitert, sondern den Platz für andere Genres genutzt.

The European: Was würde passieren, wenn die Quote nicht mehr stimmt?
Witte: In den 1980er-Jahren gab es mal einen richtigen Flop. Die Reihe von Misserfolgen war öffentlich sehr kritisiert worden. Es gab solche Einbrüche immer wieder. Sie haben gezeigt: Der „Tatort“ kann langfristig Krisen überwinden. Es würde mit Sicherheit zunächst einiges erneuert und überarbeitet werden, bevor man den „Tatort“ absetzt. Er ist momentan aber so beliebt wie nie – es gibt also keinen Grund zur Sorge. (lacht)

The European: Wie erklären Sie sich dieses Hoch?
Witte: Neben seiner Qualität ist der „Tatort“ zu einem gesellschaftlichen Event geworden. In vielen Familien und Freundeskreisen ist das gemeinsame Schauen am Sonntagabend längst ein traditionelles Ereignis. Bei den jungen Leuten ist das Public Viewing total beliebt. Bei denen denke ich mir oft: Wie viel jünger die sind als der „Tatort“? Das lässt mich wirklich alt erscheinen.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Armin Maiwald: „Wir sind kein Schulersatz“

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