Partypatriotismus ist Nationalismus. Dagmar Schediwy

Wildes Kind Internet

Das Internet ist jung, wild und ruft viele grundsätzliche Fragen neu auf: Wenn die Wissenschaft diese beantworten will, muss sie mehr tun, als altes Wissen nur neu aufzubereiten. Ansonsten droht der digitale Elfenbeinturm.

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Das Internet ist noch jung und sucht nach seiner „endgültigen Kunstform“. Es ist ein weiter Weg von der Gregorianik bis zu Mahlers Sinfonien, von Volkstreffen auf der Agora bis zur e-Demokratie. Unsere Internetfantasie reicht aber gerade bis zur Allverfügbarkeit alles Digitalen („Wissen“) und der persönlichen Kommandozentrale im Smartphone. Jeder fühlt, dass wir kurz vor ganz weitreichenden technologischen Innovationen stehen. Wir spüren, dass sich durch revolutionär neue Lehre und Bildung die Erscheinung des Menschen und des Menschlichen verändern wird. Wir wissen, dass wir neue Konzepte für die Weltökonomie und einen realen Ethikersatz für vergehende Religiosität brauchen. Wir entschließen uns unter Wohlstandsverlustangst noch nicht recht, uns mit der ganzen Welt zu verschwistern.

Neue Fragen müssen diskutiert werden

Das ist oder wäre eine wundervolle Zeit für die Wissenschaft, an der Neugestaltung der Menschheit zu arbeiten! Was aber sehen wir? Die Zukunft wird fast ganz allein durch Jungunternehmer neu definiert. Wo ist die Wissenschaft? Sie freut sich über die Computer und das Internet, weil sie nun neue Werkzeuge hat, die alten Probleme wie beim Brezelbacken schneller zu lösen. Die Wissenschaft nutzt die Technologie, um sich selbst effizienter zu machen und sich letztlich zu industrialisieren und zu automatisieren.

Es ist aber an der Zeit, neue Fragen zu diskutieren. Was ist der Mensch? Wozu ist Wirtschaft da? Was ist ein Staat noch außer einem Infrastrukturbereitsteller? Was ist Heimat, was Weltkultur? Durch welche multimedialen Kunstformen werden Buch oder Video ersetzt? Müssen wir in Zukunft nicht nur schon deshalb allesamt gebildet sein, weil es zur Kindeserziehung nötig ist?

Technologie und Mensch entwickeln sich miteinander. Sie gehen nebeneinander ihren Weg. Mal ist der Mensch schon weiter, mal überholt ihn die Technik. Die Zeiten enteilter Technologie sind die wilden Jahre – wenn also erst das Atombombenwerfen, die Hedgefonds und die Kernschmelzen das Risikobewusstsein schärfen und den Menschen wieder auf sich selbst besinnen lassen. Jetzt muss der Mensch wieder aufholen – und am besten richtig aufholen und die Technologie wieder ein bisschen hinter sich lassen.

Zukunft gestalten

Wo bleibt da die Geisteswissenschaft, die intellektuelle Führerschaft? Auch die freut sich offenbar, die Computer zum Quellensuchen und zur statistischen Auswertung von Studien benutzen zu können. Nachdenken? Nein, man ist Projektleiter einer Expertenumfragestudie. Heißa, man muss gar nicht mehr die Klinken putzen oder mit Fragebögen vor Kaufhäusern einer repräsentativen Stichprobe auflauern. Die Studienumfragen werden nun direkt als Halbspam per E-Mail an endlose Verteilerlisten geschickt. Ist das Wissenschaft? Geisteswissenschaft? Wollen wir wirklich Nachdenken über die Zukunft durch mathematische Prognosen ersetzen, die sie aus den Umfragen von heute ableiten?

Viele Menschen wollen, dass wir wieder aktiv gestalten. Viele kritisieren, dass die Wissenschaft nach wie vor im Elfenbeinturm werkelt. Ist da aber noch jemand? Steht da nicht schon eine „Smart-Analytics-Unit“, die sich aus dem Internet Studien fischt und Metastudien anfertigt?

Was ist Wissenschaft? Wozu haben wir sie? Was erwarten wir von ihr? Wie sieht ein Studium nach dem Ende der Kreidezeit aus? Wir müssen verhindern, dass die Wissenschaft unter dem Eindruck der plötzlichen Allverfügbarkeit des Wissens nun ganz glücklich Wissensarchäologie betreibt und alles rund um Google neu aufbereitet. Das gehört zwar auch dazu, aber die Zukunft gestaltet es nicht.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Nora Stampfl, Thomas Jarzombek, Stefan Gradmann.

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