Aus Utopie kann Grauen werden. Leonhard Schenk

Kulturpolitischer Provinzialismus

Mit Beethoven will Bonn mehr kulturellem Leben und raus aus der Mittelmäßigkeit. Eine neue Konzerthalle soll es richten – doch der Stadt fehlt das Publikum.

kultur bonn

In Bonn sollte man den genialen Musiker Ludwig van Beethoven stärker ins Zentrum des Kulturlebens stellen und ähnlich würdigen, wie es Salzburg mit Mozart und Bayreuth mit Wagner zelebriert. Wenn es um das kompositorische Schaffen geht, wäre es doch fantastisch, wenn man folgende Zeilen in den Medien lesen könnte:

Gemeinsamer Stolz

Dem Musikleben ist ein neues Zentrum entstanden, ein hegender Raum für das Werk Beethovens und aller Musik vor ihm und nach ihm. Bonn als Stadt am Rhein, als Universitätsstadt und ehemalige Bundeshauptstadt hat einen Mittelpunkt menschlicher Begegnung gefunden, der den viel beklagten Abstand zwischen dem alten und dem neuen Bonn spürbar schmaler werden ließ. In gemeinsamem Stolz, in Bewunderung und Anerkennung des Bauwerkes treffen sich die Bürger dieser Stadt und ihre Gäste, schwindet die Furcht vor Enge und Beschränktheit. Die einen haben Vertrauen zur eigenen Fähigkeit gewonnen, die anderen trauen nun der Stadt besondere Leistungen zu. Der neu errichtete Musiktempel ist ein architektonisches, musikalisches, wenn nicht politisches Ereignis. Zu rühmen ist die kommunale Großtat und der planerische Mut, mit der man Bonn vom Adjektiv ‚provinziell‘ befreit. In anderen Städten ist man das Wagnis nicht eingegangen, einen avantgardistischen Bauentwurf zu wählen und auch kommunalpolitisch gegen Widerstände durchzusetzen. Von Experten wird vor allem die raumakustische Planung des neuen Konzertsaales gepriesen. So ist alle wissenschaftliche Sorgfalt aufgewendet worden, die einem solchen weit wirkenden Zentrum der Musikpflege zukommt. Entstanden ist einer der modernsten und akustisch einwandfreisten Konzertsäle, von dem sich die Beethovenstadt Bonn im deutschen Musikleben eine beträchtliche Rangerhöhung verspricht. Die ersten Akustikproben brachten glänzende Ergebnisse. Jeder der 1420 Plätze, im Parkett wie auf den Rängen, ist mitten im Schallgeschehen: die dynamischen Schwankungen sind, welchen Standort man im Raum auch immer einnimmt, kaum merklich. Andererseits ist aber auch dafür gesorgt, dass die Akustik nicht nur für eine bestimmte Art von Musik, etwa für romantische Klangmassen, vorzüglich ist, sondern ebenso der klaren Linearität eines barocken oder auch modernen Werkes gerecht wird.

All das würden die liebwertesten Gichtlinge, die in Bonn ein Festspielhaus herbeisehnen, gerne in den Medien lesen. Etwa der Bonner IHK-Präsident Wolfgang Grießl, der über ein „professionelles Fundraising-Konzept“ rund 25 Millionen Euro an Spenden einsammeln möchte. Dazu kommen vielleicht Investitionen der Post in Höhe von 30 Millionen Euro und Mittel des Bundes. Der Betrieb soll über eine Stiftung finanziert werden. „Wir werden dem Rat zeigen, dass sich Bürger und Unternehmer engagieren, wenn es darauf ankommt“, sagte vollmundig der IHK-Boss. Die Millionen sollen über die Aktion „5000 für Beethoven“ fließen.

Sein Aufruf richtet sich besonders an die IHK-Mitgliedsunternehmen: Ein neues Festspielhaus stärke den Wirtschaftsstandort. Die Kammer selbst werde das Ganze organisatorisch begleiten. Ja ist denn schon Weihnachten, Herr Grießl? Als IHK-Zwangsmitglied sage ich Ihnen, lesen Sie doch noch einmal den ersten Abschnitt meiner Kolumne.

Ich habe fast wortwörtlich eine Anthologie von Zitaten zusammengetragen, die nach der festlichen Einweihung der Beethovenhalle am 8. September 1959 von Fachleuten, Musikwissenschaftlern, Politikern und Journalisten artikuliert wurden. Das liegt zwar einige Jahrzehnte zurück. Aber mit ähnlichen Botschaften für den Neubau eines Festspielhauses, wie sie der IHK-Funktionär und andere vermeintliche Beethoven-Freunde predigen, ist damals die Errichtung der Beethovenhalle nach den Plänen des Architekten und Hans-Scharoun-Schülers Siegfried Wolske begründet worden. Will man davon nichts mehr wissen?

Es ist einfach nur peinlich und eine Provinzposse sondergleichen, dass die Honoratioren der Stadt und ein überschaubares Abo-Publikum den Neubau eines Festspielhauses herbeisehnen, weil zwei DAX-Konzerne mit dem Scheckbuch wedeln (wobei die Telekom ihre Finanzzusage wieder zurückgezogen hat). Die großzügigen Mäzene inszenierten dabei einen eher undurchsichtigen Architektur-Wettbewerb und verwarfen Konzepte, die die Integration der Beethovenhalle vorsahen.

Und die Festspielhausfreunde lassen keinen Tag verstreichen, um der Öffentlichkeit darzulegen, wie unzumutbar der 50er-Jahre-Bau für die Aufführung der Werke des Musensohnes der Stadt sei. Dabei schrieb die Presse 1958 noch, wie weit das neue Gebäude in die Zukunft reicht. „Bonn als illustrer Festspielort! Wird die Geburtsstadt Beethovens in der Lage sein, gleich Bayreuth und Salzburg musische Atmosphäre internationaler Provenienz, faszinierendes Fluidum einen Mythos bilden? Dann hätte die provisorische Metropole einen großen Wurf auf Endgültiges getan. Sie würde ihrer unbestrittenen Würde als traditionsreiche Universitätsstadt den Glanz der Kunststadt hinzufügen.“

Wirrnisse um Konzepte, Finanzierung, den höchst widersprüchlichen Beschlüssen des Rates, das nicht gerade transparente und bürgerfreundliche Auswahlverfahren der Sponsoren, ständig wechselnde Standorte mit und ohne Abriss der Beethovenhalle hat Wikipedia sehr ausführlich dokumentiert. Das ganze Spektakel ist kulturpolitisch selbstvergessen und provinziell. Ähnlich peinlich wie die Finanzierung des World Conference Center Bonn (WCCB) durch einen gewissen Herrn Man-Ki Kim von der Weltfirma SMI Hyundai, der als „Glücksfall für die Stadt Bonn“ gefeiert wurde und sich als spektakuläre Seifenblase herausgestellt hat.

Warum konzentriert man sich jetzt nicht auf die Sanierung und Modernisierung der Beethovenhalle? „Fest steht, dass es im Ausschreibungstext für den Architekten-Wettbewerb die Vorgabe gab, das Gebäude im Wesentlichen zu erhalten, da es unter Denkmalschutz steht“, so Peter Finger von den Grünen. Die Beethovenhalle sei Teil der Geschichte der Stadt Bonn als Bundeshauptstadt und Regierungssitz. „Die meisten Entwürfe zum Beethoven-Festspielhaus haben diese Vorgabe des Denkmalschutzes nicht berücksichtigt. Ich bin der Überzeugung, dass es – ungeachtet der vielen anderen offenen Fragen im Zusammenhang mit dem Festspielhaus – gelungene architektonische Lösungen gibt, bei denen die wesentlichen Gestaltungsmerkmale der Beethovenhalle (Erscheinungsbild des Hallenkörpers, das Foyer mit den Wandmalereien von Joseph Fassbender) im Sinne des Denkmalschutzes erhalten werden können“, erklärte Finger.

Viel Zeit bleibt nicht mehr

Statt sich in gigantomanischen Fantasieplanungen zu ergehen, sollten sich die 5000 Akteure für Beethoven eher mit der Frage beschäftigen, warum Bonn nicht zur unverwechselbaren Beethovenstadt avancierte und auf dem Niveau von Bayreuth oder Salzburg rangiert.

Sehr viel Zeit bleibt nicht mehr bis zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven, der 2020 gefeiert wird. Bis zum 200. Todestag, der sieben Jahre später an der Reihe ist, sollte man auf keinen Fall warten.

Update 2: Gunnar Sohn reagierte wiederum auf diese Replik.

Update: In Bonn war man mit dieser Darstellung der Stadt nicht ganz einverstanden. Als Antwort auf diesen Beitrag von Gunnar Sohn schrieb David Winands, Kreisvorsitzender der Jungen Union Bonn einen Kommentar: Die Provinz erwacht.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Gunnar Sohn: Sina Trinkwalder ist CEO des Quartals bei Boardreport

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