Die Demokratie ist keine Frage der Zweckmäßigkeit, sondern der Sittlichkeit. Willy Brandt

Klassik trifft Tech-Revoluzzer

Unser Wirtschaftssystem ist satt. Glücklicherweise gibt es kleine Störenfriede, die den alten Säcken auf die Nerven gehen und sie herausfordern.

Klassik trifft Tech-Revoluzzer, so habe ich das Konzept der diesjährigen CeBIT auf einen Nenner gebracht, um vom Image einer langweiligen IT-Computermesse herunterzukommen, die seit Jahrzehnten das gleiche Lied summt. Und das betrifft nicht nur den legendären Auftritt von Apple-Mitgründer Steve Wozniak, der die CeBIT-Konferenz rockte. Sein alter Weggefährte Steve Jobs hätte es nicht besser machen können.

Auch den etablierten Anbietern wird so langsam klar, dass man mit den alten IT-Themen nicht mehr punkten kann: „ERP oder CRM hat doch schon jeder. Wir interessieren uns für die Frage ,What’s next‘“, sagt Unternehmensgründer Torsten Jensen von Asandoo im ichsagmal-Interview und verweist auf die vielen Technikexperimente und Start-ups, die in der Halle 16 unter dem Titel Code_n präsentiert wurden.

„Die Messegesellschaft hat das erkannt und arbeitet eng mit dem Bundesverband Deutscher Startups zusammen, um sich das Wissen der Gründer in die CeBIT zu holen. Man sieht es auch an Pilotprojekten wie space:d, die als Hacker-Plattformen großen Anklang fand“, so Jensen. Um diese Aufbruchstimmung zu spüren, musste man nicht zum über 8.000 Kilometer entfernte Spektakel namens SXSW in Austin pilgern, wie Mobilegeeks-Blogger Sascha Pallenberg konstatierte.

Mit seinem Techlounge-Sendeformat in der Bloggerhütte von Intel hat Pallenberg in der Messewoche von morgens bis abends unter Beweis gestellt, wie viele Andock-Punkte für technologische Entwicklungen auf der CeBIT präsentiert wurden.

Monotonie im Denken

Blogger, Hacker sowie Gründer durchfluteten das Messegelände und wurden nicht nur in einem entfernten Spieleckchen zwischengelagert und mit Gadget-Spielzeug ruhig gestellt. Ein probates Mittel auch für schwerfällige Unternehmen, um aus verkrusteten Bahnen auszubrechen und einen neuen Erfindergeist aus der Pionierzeit ihres eigenen Erfolges wieder zu entdecken. Was Konzerne wie Telekom, SAP und Co. umtreibt, sind letztlich Effizienzinnovationen: „Also immer besser, schneller, höher, weiter – aber halt mehr vom selben“, kommentiert der ehemalige Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger im Revue-Gespräch mit dem Soziologen Dirk Baecker die Gemengelage in Deutschland.

Die reine Effizienzdenke, die auch in Konzernen der Autoindustrie vorherrscht, konnte dann aber nicht verhindern, dass ein Wettbewerber wie Toyota auf diesem Feld noch ein Stückchen besser ist. Vielleicht liegt es an unserer traditionellen Ausbildung der Ingenieure und der Dominanz der vertrockneten Betriebswirtschaftslehre, die zur Monotonie im Denken beitragen. Manager zelebrieren sich in der Aufrechterhaltung von Routinen, meint Sattelberger.

Die Kraft für Neues verloren

Es sind in der Mehrheit eher Schafe im Wolfspelz. Umgekehrt wäre es besser, da nur Wölfe in neuen Territorien streunen. Die reale Welt funktioniere anders als das gesprochene Wort des Top-Managements suggeriert, betont Sattelberger. „Was macht die deutsche Telekom angesichts des hochprofitablen Siechtums im Mobilfunk und Festnetz? Was macht die deutsche Automobilindustrie mit der Einsicht, dass ihr Profit weitgehend von den Launen der ‚neuen Reichen‘ in Südamerika oder Asien abhängt? Da versagen die Firmen auf ganzer Linie.“

Insofern braucht das satte und arrivierte System viele kleine Störenfriede, die den alten Säcken auf die Nerven gehen und sie herausfordern. Honoratioren, die sich in der Pracht ihrer eleganten Dienstwagen suhlen und von der Protzigkeit ihrer eingebauten Turbotechnik ganz besoffen sind, können sehr leicht von den anarchischen Geistern der Netzszene demontiert und entlarvt werden. Wer in Seilschaften von Davos bis Brüssel im eigenen Saft herummauschelt, verliert die Kraft für Neues.

Hacker, Blogger und Gründer als Verbündete

Eine große Chance für den nach wie vor lebendigen Mittelstand in Deutschland, Allianzen mit Hackern, Bloggern und Gründern einzugehen, Raum für Projektemacher zu schaffen, Nährboden für Start-ups zu bilden und Hotspots für verrückte Ideen ins Leben zu rufen, in denen geniale Konzepte für das nächste große Ding gedeihen. Das zählte zu meinem Credo bei meinem kleinen CeBIT-Auftritt.

Von den Schnöseln im Dreireiher mit Einstecktuch ist das nicht zu erwarten. Die liebwertesten Gichtlinge der Deutschland AG verhandeln gerade über die Größe ihres nächsten Dienstwagens oder streiten über die Höhe der Abfindung ihres Fünfjahres-Vertrages. Gleiches gilt übrigens für viele Marketing-Fuzzis, die sich cool und smart in der Social-Media-Szene tummeln. Ihr Targeting-Geschwalle bringt nicht einen guten Gedanken zum Vorschein. Die hemdsärmeligen und direkten Hacker sind mir da lieber. Wir hören und sehen uns spätestens im nächsten Jahr auf der CeBIT bei einem Sonderprogramm von Bloggercamp.tv mit dem Schwerpunkt „Blogger, Hacker, Gründer und die Transformation der Wirtschaft“: Klassik trifft dort real auf Tech-Revoluzzer.

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