Wir sollten mit dem Wort Krieg vorsichtiger umgehen. Tilman Brück

Neue Netzwerke in alten Kabeln

Kann das Internet die hierarchischen Endlos-Schleifen unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems beenden?

Meine Überlegungen zur Netzwerk-Ökonomie und der Durchbrechung von hierarchischen Organisationsformen finden im Social Web ein geteiltes Echo: „Praxisfernes Geschwurbel!“, heißt es in einer Tweet-Replik von Dagmar D.


Ohne Netzwerke könnten Hierarchien gar nicht entstehen, bemerkt Sascha Stoltenow auf Google Plus und verlinkt dabei auf einen Wikipedia-Eintrag zur Systemtheorie, der mir in meiner Argumentation dann doch ein wenig Entlastung verschafft, wahrscheinlich unbeabsichtigt: „Konkretisiert auf den (zumeist) wirtschaftlichen Bereich bedeutet der systemtheoretische Ansatz eine Abkehr von herkömmlichen, hierarchisch-dirigistisch gesetzten Organisationsstrukturen und eine Hinwendung zu Kooperation und Koordination in Netzwerken in Wirtschaft und Gesellschaft.“

Große Unternehmen sind keine Netzwerk-Künstler

Puh. Glück gehabt. Besser hätte ich es wohl nicht ausdrücken können. Vielleicht sollte ich lieber von liquiden oder durchlässigen Netzwerken sprechen, um die strukturellen Vorgaben zu unterlaufen, wer wem in der Organisation unterstellt ist. Staat und Wirtschaft könnten sich auch damit auseinandersetzen, wie man den Zugriff auf externe Netzwerkleistungen verbessern kann, die sich den hierarchischen Ordnungsprinzipien entziehen. „Netzwerke halten eine Komplexität möglicher Beziehungen parat, die von der Spitze eines Unternehmens weder überschaut noch sinnvoll sortiert werden können.

Das kann man nur den einzelnen Abteilungen und den Stellen der eigenen Organisation überlassen“, schreibt der Soziologe Dirk Baecker in seinem lesenswerten Opus „Postheroisches Management“. Deswegen seien große Unternehmen, wenn sie nicht eine hochgradige Autonomie ihrer Abteilungen und Stellen zulassen, alles andere als Netzwerk-Künstler: „Sie geben die Definitionsmacht dessen, was von wem warum zu tun ist, nicht aus den Händen.“ Hier liege der Vorteil von kleinen und mittelständischen Unternehmen, die auf Nachbarn, Partner, Informanten und Berater nicht nur angewiesen sind, sondern sie überhaupt erst ins Leben rufen. Genau das meint wohl auch der kanadische Management-Professor und Buchautor Don Tapscott im Interview mit der „FAZ“: „Der Metabolismus der Arbeit erlangt ein höheres Niveau, wenn Sie den Rest der Welt beteiligen.“

Vernetzte Kunden erschüttern die Märkte

Der Wissensaustausch über virtuelle Plattformen befördert zumindest eine Kultur des Teilens und beflügelt das kollaborative Arbeiten – ein Vorteil für dezentrale Organisationsmodelle. Nachvollziehbar dürfte auch die Analyse des Smarter-Service-Bloggers Bernhard Steimel in seiner Studie über die Digitale Transformation sein: „Das wirklich neue Phänomen ist die exponentiell wachsende Vernetzung der Kunden und die Erschütterung bestehender Marktstrukturen durch Internetfirmen, die bestehende Geschäftsmodelle angreifen und ganze Wertschöpfungsketten verändern.“

Damit gerät die Hierarchie innerhalb der Unternehmensorganisation kräftig ins Wanken. „Je stärker wir in das digitale Zeitalter kommen, umso deutlicher werden Unternehmen erkennen, dass Kommunikationsverantwortung dezentralisiert werden muss“, meint Steimel.

Über kafkaeske Superbehörden und Endlos-Schleifen

Noch gravierender sind die Herausforderungen durch Innovatoren wie NEST, die an der Erfahrungswelt des vernetzten Kunden ansetzen und mit ihren Produkten etablierte Geschäftsmodelle pulverisieren: „Denn Nest schafft mit seinen Thermostaten und Brandschutzmeldern vernetzte Services statt komplizierte Geräte mit Netzanschluss“, bemerkt der Smarter-Service-Blogger.

Mit einem „V O R G A N G S V E R F O L G U N G S S Y S T E M“ im Stil einer bürokratischen und kafkaesken Superbehörde wird es den liebwertesten Ingenieurs-Gichtlingen in Deutschland wohl nicht gelingen, aus den hierarchischen Endlos-Schleifen auszubrechen. Da sind die Tech-Giganten in den USA und in Südkorea schneller. Bei Bloggercamp.tv vertiefen wir die Debatte über Netzwerke unter der Überschrift: „Wenn Unternehmen in der Cloud verschwinden“.

Vielleicht sollten wir – also Pia Kleine Wieskamp, Thorsten Ising, Hannes Schleeh und meine Wenigkeit – die Netzwerk-Disputation als Session-Thema für die republica im Mai vorschlagen. Bis zum Ende des Monats muss ich nämlich noch ein CALL FOR PAPERS einreichen. Wäre das interessant?

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Gunnar Sohn: Sina Trinkwalder ist CEO des Quartals bei Boardreport

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