Die Amerikaner haben keinerlei Sinn für Geschichte. Irgendwas ist vor fünf Jahren passiert, das ist vergangen, wozu sich damit befassen? Norman Mailer

Jeder ist ein Fernsehsender

Die NSA-Google-Facebook-Microsoft-Welt will das Internet an sich reißen. Doch wir sollten uns hüten, die kalifornischen AGB-Diktatoren gewähren zu lassen.

Flaschenpost an die Zukunft könnte man die Gespräche nennen, die wir jede Woche in unserer Hangout-on-Air-Sendung Bloggercamp.tv führen. Also live übertragene Interviews, die kurze Zeit später als YouTube-Aufzeichnung vorliegen. Die perfekte Verschmelzung von synchroner und asynchroner Kommunikation. Unterhaltungen, die nicht im Netz verdunsten, sondern über die Speicherung ein Gedächtnis bekommen.

„Flaschenpost an die Zukunft“ ist auch der Titel eines neuen Buches des Kadmos-Verlages und beinhaltet ein Gespräch des Künstlers Till Nikolaus von Heiseler mit dem Medienwissenschaftler Friedrich Kittler, das kurz vor seinem Tod vor gut zwei Jahren aufgezeichnet wurde. Es dokumentiert das intellektuelle Vermächtnis des großartigen Denkers, der die Medienwissenschaften neu erfand.

Formate der postmedialen Epoche

Es geht um den Zusammenhang von Kulturtechniken und der Entwicklung des Wissens. Mit der Computerkommunikation stoßen wir in eine postmediale Ära. Es dominieren nicht mehr massenmediale, sondern soziale Formate. Und der Kampf um den Augapfel, der zwischen Fernsehbildschirm und Computermonitor ausgetragen wird, kennt nur einen Sieger: den Computer. Vor gut 20 Jahren ist Kittler für diese These noch ausgelacht worden. „Und was sehen wir heute: absolute Medienkonvergenz, aber eben in eine einzige Richtung. Alle anderen analogen und halbdigitalen Medien fließen in dieses eine universale hinein, wie es ihm von der Seinsgeschichte bestimmt worden ist.“

Es seien Revolutionen, die auf Taubenfüßen kommen, wie es Nietzsche ausdrückte. Wenn die Verkabelung bislang getrennte Datenflüsse alle auf eine digital standardisierte Zahlenfolge bringe, kann jedes Medium in jedes andere übergehen. Mit Zahlen sei nichts unmöglich. Modulation, Transformation, Synchronisation, Verzögerung, Speicherung, Umtastung, Scrambling, Scanning, Mapping – ein totaler Medienverbund auf Digitalbasis wird den Begriff Medium selbst kassieren.

Der User als Untertan?

So weit würde ich nicht gehen. Aber generell gilt: ein Medium wird erfunden, um ein älteres zu schlagen. Der Telegraph löst den reitenden Boten ab. Das Radio widerlegt den Telegraphen und die endlose Kombinatorik der digitalen Sphäre demontiert die massenmedialen Einweg-Kommunikatoren.

Um diese digitale Flaschenpost frei und ohne Zwänge der Nachwelt zu erhalten, brauchen wir allerdings Plattformneutralität. Ansonsten unterliegen wir dem liebwertesten Gichtling-Diktat einer NSA-Google-Facebook-Microsoft-Welt. Wer „unter“ einem Programm arbeitet, sei ein regelrechter Untertan, so die Mahnung von Kittler. Diesen Satz werde ich mir als Power-User des Google-Dienstes Hangout on Air hinter die Ohren schreiben. Wir sollten uns hüten, den kalifornischen AGB-Diktatoren das Feld zu überlassen.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Gunnar Sohn: Revierstress am digitalen Arbeitsplatz

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