Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Ernst-Wolfgang Böckenförde

Neues von den Glaskugel-Ökonomen

In der Springer-Presse wird immer noch gegen den Atomausstieg getrommelt, doch den dort zitierten Experten sollte niemand über den Weg trauen. Nur weil die Viererbande auf den Subventionszug aufspringen möchte, darf die Mission Energiewende nicht abgebrochen werden.

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„Forscher fordern Stopp für Ökostrom“. Rums. So lautet die martialische Schlagzeile einer Titelstory der „Welt am Sonntag“ (WamS) in Kombination mit der Präsentation eines Logos aus der Schublade des Lobbyistenvereins der altehrwürdigen Industrie-Gerontologen: „Sonnenenergie Nein Danke“.

Sogleich erwartet der geneigte Leser des Springer-Blättchens eine Armada an Wissenschaftlern, die sich über den großen Solarschwindel echauffiert und mit einem „Essener Manifest“ die Rückkehr in das fossile Zeitalter fordert. Mit dem Ruhrgebiet liegt man gar nicht so schlecht. „Forscher“ kann ja „der“ oder „die“ bedeuten. Am Ende zitieren die liebwertesten Zeitungs-Gichtlinge dann doch nur „eine“ Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), die der Bundesregierung rät, den Ausbau der erneuerbaren Energien für mehrere Jahre zu unterbrechen und die Novelle des EEG auszusetzen.

Ein Blick in die Bilanz hilft

Die WamS-Leute erwähnen dabei noch, dass es sich beim RWI um eines der renommiertesten Wirtschaftsforschungsinstitute der Republik handelt, das auch regelmäßig Konjunkturprognosen für die Bundesregierung erstellt. Es zählt also zu jenen vom Staat mit über 41 Millionen Euro jährlich subventionierten Glaskugel-Ökonomen, die vom Schwesterblatt „Die Welt“ als „Propheten ohne Durchblick“ tituliert wurden.

Im gleichen Atemzug wird eine Umfrage des atomfreundlichen BDI kredenzt, in der jedes zweite befragte Unternehmen zu Protokoll gibt, dass sich das neue Energiekonzept, die zu erwartenden steigenden Energiepreise und die schwankende Versorgungssicherheit negativ auf das Investitionsverhalten auswirken werden. Von den Restauratoren des Industrieclubs konnte man auch keine andere Geisteshaltung erwarten. Komisch nur, dass man sich so einseitig auf die Anbieter von Solarenergie stürzt, die in den vergangenen Jahren sicherlich auch nicht gerade durch Bescheidenheit und Demut aufgefallen sind wie die etablierten Stromkonzerne, die über Jahrzehnte auf Kosten der Steuerzahler fette Renditen in die eigene Tasche gewirtschaftet haben.

Mit welchen Methoden springt denn die „Viererbande“ auf den Ökostrom-Zug auf, den sie eigentlich auf das Abstellgleis schieben wollten? Ein Blick in die Bilanzen der Atomfreunde könnte helfen. So würde man zweifelhafte Zertifikate und eine Vielzahl von maroden Wasserkraftwerken vorfinden, die aus der Mottenkiste herausgeholt werden, um möglichst hohe Anteile von sauberem Strom vorzuweisen. „Was die Solarbranche kann, das können wir alten Industrie-Haudegen doch schon lange“: Fördergelder des Staates kassieren. Die Konzernbubis nehmen es einfach nicht hin, dass die Solarenergie lediglich drei Prozent des gesamten Stromverbrauchs deckt und rund 55 Prozent der gesamten Ökostrom-Beihilfen nach dem EEG verschlingt. „Da möchten wir dabei sein“.

Das sollte uns in Deutschland aber nicht davon abhalten, die Mission Energiewende in den nächsten zehn Jahren mit voller Kraft anzugehen, Wirrnisse und wettbewerbsfeindliche Regelungen bei der Einspeisevergütung zu beseitigen, Forschungsgelder für neue Technologien bereitzustellen und die Voraussetzungen für ein intelligentes Netz zu schaffen. Jedem sollte klar werden, dass der Atomausstieg ein schwieriges Unterfangen ist und weitaus mehr Geisteskapital von Ingenieuren erfordert als die Apollo-Mission der NASA. Hybris-Botschaften, wie sie RWI und BDI kommunizieren, sind dabei ärgerliche Begleiterscheinungen.

Bekenntnisse der intellektuellen Bescheidenheit

Zudem sollten wir dem Rat des Philosophieprofessors Paul K. Feyerabend folgen. Traue keinem Experten, auch wenn er in einem Wirtschaftsforschungsinstitut hockt. Die Gedankenwelt der Experten sei oft von Vorurteilen behaftet, wenig vertrauenswürdig und der Kontrolle von außen bedürftig. Der Anarcho-Wissenschaftler hasste den elitären Wortschwall der Experten. Ihre Dogmatik könne dazu verführen, dass sie anstelle von Pferden störrische Esel besteigen und somit auf wirre Wege geraten. „Solche Fehler können von Laien und Dilettanten entdeckt werden und sind oft von ihnen entdeckt worden“, erklärt Feyerabend. Einstein, Bohr und Born waren Dilettanten und sie haben das bei zahlreichen Gelegenheiten gesagt. Von Institutionen wie BDI oder RWI sind solche Bekenntnisse der intellektuellen Bescheidenheit nicht zu erwarten.

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