Amerika kämpft mit einem ökonomischen Pearl Harbor. Warren Buffet

Ein Handbuch der Niedertracht

Nach oben gelangen nicht immer die besten und klügsten Köpfe. Doch was ist die Voraussetzung für Erfolg? Ein beschränkter Geist, findet der Journalist Maurice Joly. Im Geiste Machiavellis meint Joly, dass die richtige Anwendung der Verlogenheit noch jedem geholfen habe.

macht, einfluss, karriere, niccolo-machiavelli, politikkultur, maurice-joly

Wer sich über farblose, mittelmäßige, technokratische und dilettantische Erscheinungen in Wirtschaft und Politik ärgert, sollte sich mit der Biografie ihres Aufstiegs beschäftigen. Nach oben gelangen nicht immer die besten und klügsten Köpfe. Es sind häufig intrigante, servile, raffinierte und rücksichtslose Geister, die den Weg nach oben schaffen. Sie kennen die Schwächen ihrer Konkurrenten, organisieren meisterlich nützliche Seilschaften und wechseln im geeigneten Moment die Fronten. „Unter den Füßen seiner Konkurrenten wird der Fallende wertlos, ein Kadaver, der vom Schlachtfeld zu verschwinden hat. Sein Ächzen geht im Lärm der Menge unter, und im Getümmel hört man nur einen Schrei: Aufsteigen! Erfolgreich sein!“, schreibt der Anwalt und Journalist Maurice Joly in seinem satirischen Exkurs „Handbuch des Aufsteigers“ – ein Leitfaden der Niedertracht in sechs Kapiteln, der als Voraussetzung für Erfolg nur eines erkennen mag: den beschränkten Geist.

Richtige Anwendung der Verlogenheit

Er verfasste seine ätzende Schrift vor rund 140 Jahren im französischen Gefängnis. Amüsanter geschrieben als die Management-Schinken, die uns vom Fließband präsentiert werden. Joly verbüßte eine Haftzeit von 18 Monaten wegen seiner vorausgegangenen Veröffentlichung „Ein Streit in der Hölle. Gespräche zwischen Machiavelli und Montesquieu über Macht und Recht“ (1864). Mit Scharfsinn, Ironie und Spott beschreibt er in seinem Handbuch die auch heutzutage noch gültigen Imperative für den Erfolg der mediokren Akteure des öffentlichen Lebens: „Berühmtheit gibt es aufgrund von Vorurteilen, übertriebenem Ansehen und konventioneller Bewunderung.“

Durch die richtige Anwendung der Verlogenheit und der kalkulierten Anbiederei kann jeder die schnelle Karriere machen. Joly deckt eine anthropologische Grundkonstante auf. „Es ist Gott recht klar, dass wir ein Volk von eitlen Gecken sind, die sich vor Neid verzehren.“ Er geht davon aus, dass in der menschlichen Gesellschaft ein dauernder, durch das Gesetz geregelter Kriegszustand herrscht, und zieht daraus, im parodistischen Stil eines Leitfadens, die Konsequenzen.

Eine Kombination aus Borniertheit, Besessenheit und Zynismus

Mit ironischer Distanz seziert Joly die Laufbahnen der Eitelkeit, die kalkulierten Kabalen jener „dicken, fetten“, von grundlosem Ruhm sich nährenden Parvenüs, die früher wie heute zu den Schaumschlägern der prominenten Gesellschaft zählen. Eine Kombination aus Borniertheit, Besessenheit und Zynismus bringt selbst die dümmsten Gestalten in den Olymp des Starkultes. Am Rollenspiel der hohlköpfigen Aufsteiger sind in erster Linie die Massenmedien beteiligt. Auch dieses Zeitgeistphänomen beschrieb Joly schon im neunzehnten Jahrhundert. „Diese universelle Ruhmsucht kann offensichtlich nur durch den Journalismus befriedigt werden. Er allein hat die Macht, diese Begierde zu demokratisieren, indem er sie ein wenig in die Reichweite von jedermann rückt.“

Man braucht sich nur die Inflation von pseudoprominenten Schwachköpfen in den Talkshows betrachten und wird jeden Tag fündig. Die Öffentlichkeit verlangt nach jemandem, den sie bewundern kann, Journalismus dagegen bewundert nur, wen und wann er will. Joly: „Das muss so sein, schließlich ist es seine Auswahl, die das Signal für den Applaus gibt, eine neue Welle schafft, die Besucherströme ins Theater, zum Buchhändler, zum Kaufmann lenkt … Die Gewohnheit des Publikums, sich nur noch unter den Einpeitschungen einer wild gewordenen Reklame in Bewegung zu setzen, löst einen perfekten mechanischen Ablauf aus. Kein Geschmack, keine Vorliebe kann der Kraft eines aufgedrängten Erfolgs standhalten. Es gibt sogar eine Art fassungsloser, abgestumpfter Faszination, die sich aus dem Zynismus der Werbung ergibt.“ Eine Lebensweisheit von Joly ist für viele liebwerteste Berater-Gichtlinge niederschmetternd: „Wer über die Dinge des Lebens die besten Beobachtungen angestellt hat, ist im Allgemeinen am wenigsten erfolgreich.“ So ein Pech.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    – 13.06.2011 - 12:32

    Da hast du aber was Hübsches ausgegraben.

  • Theeuropean-placeholder
    @Streitsucht – 13.06.2011 - 12:35

    Da gab es die letzten Jahre ein paar Interessante Erkenntnisse zu. Einige besagen, dass solche Führungspersonen vermutlich Psychopathen sind:

    http://articles.boston.com/2010-06-20/bostonglobe/29296010_1_female-candidate-midas-touch-parliamentary-elections

  • Theeuropean-placeholder
    P. Feldmann – 13.06.2011 - 13:51

    lieber Gunar Sohn,
    erstens: Danke für die Ausgrabung.
    zweitens: mit großem Witz und leichter Hand geschrieben. Beides vermeidet, dass man bei diesem Thema in den Geruch kommt, man handele aus Neid…! Sicher werden die Betroffenen dennoch darauf klagen.
    Natürlich gibt es Gegenbeispiele auf beiden Seiten, doch als Ausnahmen beweisen sie eindeutig die Regel: gesellschaftlicher ERfolg ist nur innerhalb regelgemäßem Verhalten bzw. regelkonformem Verstoß (auch so etwas wird beizeiten erwartet- und das verleiht der Sache dann doch einen gewissen Reiz) möglich. Da gleichzeitig ein Gestus des Mehr-Scheinens verlangt wird, erbricht sich das Sein meist auf der Spitze.
    Nun ist all das natürlich keine Erkenntnis allein unserer Zeit (mir fallen zuerst die Zyniker ein): gesellschaftliches Fortschreiten scheint schon immer weniger dem Wirklichkeitskontakt und dem Wahrheitssinn als mehr der Konformität zur Konvention, der Eloge der Anderen, der Stilisierung des Selbst und der Anderen – schlicht allen möglichen Formen des Wirklichkeits-Neglectes, geschuldet zu sein.
    Dass in einem solchen SOZIAL Pooling die Eliten entweder in Verruf oder in Heilsgestalt daherkommen, ist dann auch wieder kaum verwunderlich: man darf beiden Reaktionen misstrauen.
    mfG PF

  • Theeuropean-placeholder
    derblondehans – 13.06.2011 - 17:35

    … nicht Pech Hr. Sohn – Amazing Grace!

  • Theeuropean-placeholder
    gsohn – 13.06.2011 - 19:54

    :-)

Aus der Kolumne

Liebwerteste Gichtlinge

Digitaler Aufbruch und technologische Höchstleistungen

Digitaler_aufbruch_2_1_ 8

Deutschland steht neuen Entwicklungen allzu gerne skeptisch gegenüber und hemmt damit Wandel und Innovation. Dabei zeigt die eigene Geschichte, dass es lohnt, voranzugehen.

Gunnar_sohn
von Gunnar Sohn
21.05.2012

Kampf um das Copyright

141078404 1

Die Gesternbranchen blasen zur letzten Jagd auf die, die sie Raubkopierer nennen. Dabei überspielt der ganze Trubel doch nur, dass sich die Manager im kollektiven Dornröschenschlaf befunden haben. Profitieren werden nun andere, insbesondere Apple.

Gunnar_sohn
von Gunnar Sohn
14.05.2012

Netzöffentlichkeit zwischen Zensur, Willkür und Kontrollsucht

Lobo 8

Das Internet ist der Dorfplatz der Moderne – doch weil dieses neue Dorf global ist, gelangen die alten Modelle an ihre Grenzen. Es ist an der Zeit, transparent zu ermitteln, welche Regeln in der neuen Netzöffentlichkeit gelten sollen.

Gunnar_sohn
von Gunnar Sohn
07.05.2012

Mehr zum Thema: Macht, Einfluss, Karriere

Kolumne

Kopf
von Stefan Gärtner
20.01.2012

Debatte

Russland unter Putin

Michael_mandiberg

Russland unter Putin

In Russland haben große Teile der Eliten kein Interesse an einer Änderung des Status quo. Putin kann sich dies zunutze machen, um seine Macht im Land zu konsolidieren. weiterlesen

Wipperfuerth
von Christian Wipperfürth
25.10.2011

Kolumne

Giesa_christoph_kopfpdf
von Christoph Giesa
29.09.2011
meistgelesen / meistkommentiert