Apple-Chef Steve Jobs ist mit Sicherheit kein technologischer Vorreiter. „Die Eigenentwicklungen des Konzerns, seine Innovationskraft, sind – wenn man klassische Kriterien anlegt – bescheiden. Innovativ hingegen ist die Fähigkeit des Unternehmens, neue Technologien und Verfahren so auszuwählen und in seine Produkte und Services einzupassen, dass jeder denkt: Das ist aus einem Guss. In einer Welt, in der viele unter Komplexitätsängsten leiden, ist so was mindestens ebenso innovativ und orientiert genauso wie ein neuer Superprozessor“, meint „Brand eins“-Redakteur Wolf Lotter.
Das sieht die Daniel-Düsentrieb-Szene völlig anders. Man moniert das Fehlen jeglicher Möglichkeiten, die Funktionen von Apple-Geräten selbstständig zu ergänzen oder auch nur Peripheriegeräte anzuschließen und klassifiziert das Ganze als Entmündigung und Infantilisierung der Nutzer. Blogkommentar: „Was mich an Computern fasziniert hat, war immer auch die Möglichkeit, an ihnen zu schrauben, sie umzubauen, sie zu tunen und aufzurüsten.“ Aber was ist dagegen einzuwenden, Computer wie normale Haushaltselektronik ohne technisches Verständnis oder gar ständige Wartung durch ihre Besitzer nutzen zu können?
Die Mehrheit benötigt eine Möglichkeit, die Preise von Flugtickets rauszukriegen, den Wetterbericht zu lesen, auf Facebook zu gehen, Kinokarten zu kaufen, E-Mails zu checken, über Skype zu telefonieren und tausend andere kleine Alltagsdinge zu erledigen.
Vergessen darf man auch nicht den Wiederaufstieg von Apple nach der Rückkehr von Steve Jobs. Der Apple-Chef hatte sehr schnell verstanden, wer seine letzten treuen Kunden waren: die Kreativen, die Microsoft-Resistenten und die PC-Hasser. Auf dieser Basis gründete Jobs die Rettung seines Konzerns.
Der Ingenieur steht im Mittelpunkt
Das ist vielleicht auch der Grund für das Zerwürfnis mit dem Apple-Mitgründer Steve Wozniak. Woz ist zwar ein begnadeter Mathematiker und zählt zu den legendärsten Computeringenieuren aller Zeiten. So stilisiert sich zumindest der frühere Weggefährte von Steve Jobs und Erfinder des Apple I in seiner eigenen Biografie. Was Woz nicht ist: ein Marketinggenie. Das wollte er nie sein und äußert sich dementsprechend enttäuscht, dass sein alter Kumpel Jobs nicht den Ingenieur in den Mittelpunkt des Unternehmens stellte, wie es in Deutschland der Fall ist. Vielleicht ist das auch der Grund, warum deutsche Unternehmen nicht in der Lage sind, die Früchte ihrer Entwicklungen erfolgreich zu vermarkten. Das Land der Grundlagenforscher, Entwickler und Tüftler stößt zwar vieles an, holt aber nicht heraus, was möglich ist. Innovationen verdampfen in der Bürokratie von Großorganisationen.
Wirtschaft und Wissenschaft sollten daher Ideen für neue Geschäfte nach dem Zufallsprinzip auswählen. Das empfiehlt Ulf Pillkahn, der bei Siemens für Zukunftstechniken zuständig ist. „Wirkliche Neuerungen sind nicht kalkulierbar: Eine Idee kann zu einem tollen Produkt führen oder aber spinnert sein. Letzteres ist viel wahrscheinlicher, die Floprate bei Innovationen ist hoch. Mit dieser Unsicherheit tun sich Manager schwer. Sie sind darauf getrimmt, möglichst effizient zu wirtschaften und werden an diesem Ziel gemessen. Deshalb neigen sie dazu, das, was ihre Firma kann, zu perfektionieren – wie in der Formel 1, wo aus den Rennautos das Allerletzte herausgekitzelt wird. Nur stehen in der Formel 1 der Kurs und die Spielregeln fest, während sie sich für Unternehmen in der Marktwirtschaft rasch ändern können. Deshalb ist Effizienz auf Dauer gefährlich: Sie führt zum Tunnelblick“, so Pillkahn im Interview mit „Brand eins“. Es muss allerdings nicht unbedingt Innovationsroulette sein, man könnte beispielsweise auch „Spielgeld“ verteilen, also Etats, über die Mitarbeiter frei verfügen können, um ihre Ideen zu verwirklichen. Grundsätzlich ist Pillkahn davon überzeugt, dass solche Methoden notwendig sind, um die Innovationsträgheit zu überwinden.
Die Ideen-Planwirtschaft der Konzerne
„Manager finden die Marktwirtschaft zwar toll – aber nur außerhalb ihres Unternehmens. Streng genommen sind Firmen planwirtschaftlich organisiert: Es kann sich nur durchsetzen, was zur vorgegebenen Strategie und Struktur passt. Innovationsmanagement ist streng genommen ein Widerspruch in sich, denn der Begriff suggeriert, dass sich das Unbekannte planen ließe. Das funktioniert aber nicht. Auf ein wirklich neues Produkt oder Verfahren zu setzen, gleicht einem Blindflug, weil niemand wissen kann, wie der Markt darauf reagieren wird. Deshalb sind radikale Ideen bei Innovationsmanagern nicht beliebt und werden aussortiert“, moniert Pillkahn.
Vielleicht sollt man so langsam die liebwertesten Gichtlinge aus den guten alten Tagen des Industriekapitalismus in Rente schicken: Die beiden amerikanischen Zukunftsforscher Ryan Mathews und Watts Wacker haben hierzu wegweisende Forschungen vorgelegt. Ihre These: Die Abweichler und Spinner sind in Zukunft die Motoren erfolgreicher Unternehmen. Impulse können dabei von der Gaming Community kommen, sagte Christoph Deeg vom Verein „Zukunftswerkstatt für Kultur und Wissensvermittlung“ auf der Wissenschaftskonferenz Informare in Berlin. „In Deutschland versucht man, Innovationen zu managen und zu kontrollieren. Das funktioniert nicht. Man muss Freiräume schaffen, wie es in der Games-Branche der Fall ist. Hier gedeihen Freiheit, Kreativität, Spontaneität und Experimente. Wir leben in Wissenschaft und Forschung hingegen in einem System, das nicht akzeptiert, Fehler zu machen. Die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren, ist der große Vorteil der Computerspiel-Szene. Es gibt immer mehr Spiele, die völlig offene Welten schaffen. Ich weiß nicht, was am Schluss herauskommt.“
Wir brauchen in der Wirtschaft und Wissenschaft mehr Spieler, Narren, Chaoten, Außenseiter und Regelbrecher und weniger Controller oder Innovationsbeamte.

















Verehrter Gunnar Sohn,
dem ist eigentlich Nichts hinzu zu fügen außer . . ,
dass es in der Regel nicht “die alten Gichtlinge” sind, die Innovationen verhindern (die hatten ja in den 50-er- und 60-er-Jahren noch miterlebt, wie es richtig gehen muss), sondern die stromlinienförmig geprägten und nur noch zahlenorientierten Hochrechner der zweiten Nachkriegsgeneration und deren Nachfolger im Alter von heute 57-58 Jahren und darunter.
Und was ich hier bei uns auch nicht haben möchte, sind Leute wie Steve Jobs oder Steve Ballmer, die USA-typischen religiösen Predigern gleich der Welt auch ihre eigene Großmutter als Innovation verkaufen könnten und würden, wenn dies zum Vorteil ihres Unternehmens wäre. Diese Marktschreiermentalität eines Hmburger-Fischmarkt-Verkäufers (dort gehören sie hin und sind als Attraktion zu betrachten!) ist mir zuwider und würde mich eher abschrecken, ein so angepriesenes Produkt zu kaufen.
Bei allem Anderen aber bin ich seit mindestens 20 Jahren voll bei Ihnen und ärgere mich “grün”, dass trotz all dem vorhandenen Potential und trotz massenhaft vorhandenen Patenten bei uns vergleichsweise NICHTS voran geht. Das Wort “Unternehmer” oder “Unternehmen”
hat seinen Wortsinn verloren!
Ok. Die Marktschreier mag ich auch nicht. Und bei dem Marketingzirkus in den USA muss man eine ganze Menge abziehen, um wirklich auf die Substanz zu stoßen. Ein wenig unterhaltsamer könnten allerdings deutsche Unternehmer schon sein.