Die Menschen müssen wissen, dass, wenn sie kein neoliberales Europa wollen, sie ein neues erschaffen können. Chantal Mouffe

Die grausame Welt der Daten

Das Modewort Big Data bringt die Augen vieler Scharlatane zum Leuchten. So lange die Datenanlyse in den Kinderschuhen steckt, sollten wir aber lieber auf etwas vertrauen, das die Natur uns mitgegeben hat.

Angeblich vertrauen Führungskräfte in den Unternehmen immer weniger ihrer Intuition. Zu diesem Befund kommt zumindest die Unternehmensberatung Actinium in Lindau am Bodensee. Die Mehrheit setze auf Entscheidungen, die sogenannte Business-Intelligence-Systeme generieren.

Im Jahr 2006 folgten 47 Prozent der befragten Manager eher ihrem Bauchgefühl und rund 40 Prozent orientierten sich an faktenbasierten Entscheidungen. Doch dieses Verhältnis habe sich zwischenzeitlich umgekehrt. Die Frage ist nur, ob auch die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Denn selbst die Interpretation von Fakten ist wieder eine Sache der Intuition oder, in den Worten eines britischen Journalisten, eine Konstruktion der Wirklichkeit: „Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind.“

Die Illusion rationaler Entscheidungen

Ob Business Intelligence, Big Data oder Data Mining. Es geht um die Illusion der rationalen Entscheidungsfindung. Vielleicht erleben wir auch nur die letzte Schlacht des Controllings, um in den Zeiten des Kontrollverlustes die alte Logik des Industriezeitalters in die vernetzte Welt zu retten; um neue Übersichtlichkeit im chaotischen Universum des Cyberspace zu schaffen. Vielleicht rühren daher der Wunsch nach Rückgewinnung der Deutungshoheit und die Sehnsucht nach maschinengesteuerten Entscheidungen auf dem Fundament der Ratio. Nachzulesen in der Frühjahrsausgabe der Zeitschrift „GDI Impuls“ mit dem Schwerpunkt „Big Data – Rohstoff oder Müll? Eine Reise zu den Minen und Raffinerien der Datenzeit“.

Daten bleiben scheu und grausam, sagt etwa Nikolas Bissantz, Gründer und Mehrheitsgesellschafter von Bissantz & Company, im Interview mit „GDI-Impuls“. „Es ist schwierig, aus ihnen zu lernen und noch schwieriger, das Gelernte umzusetzen.“

Zaubertricks hinterfragen

Gute Manager müssten in der Lage sein, das Modell zu hinterfragen, das der Analyse zugrunde liegt. „Zaubertricks, die wir nicht durchschauen, sind sympathisch – im Varieté. Im Business nicht“, erklärt Bissantz. Big Data sei ein Sammelbegriff für mehrere Phänomene und gleichzeitig ein verkäuferischer Geniestreich. Im Moment werde mehr Zeit in die Speicherung als in die Analyse von Daten gesteckt.

Derzeitig dehnen fast alle Business-Intelligence-Unternehmen ihr Angebot auf das Thema Big Data aus, um damit ein Schlagwort mit hoher Aufmerksamkeit zu bedienen, weiß der IT-Personalexperte Karsten Berge von SearchConsult in Düsseldorf. „Viele Kandidaten auf dem Personalmarkt, die aus dem Vertrieb oder der Beratung kommen, positionieren sich für Big-Data-Stellenangebote, ohne genau zu wissen, was sie dabei erwartet. Ein Manager aus dem Verkauf, der in ein Unternehmen gewechselt ist, um Big Data abzudecken, stellte fest, dass er etwas zu euphorisch war und die internen Voraussetzungen beim neuen Arbeitgeber alles andere als positiv waren. Es gab noch keine Kunden und man arbeitete hoch defizitär“, so Berge.

Bauchentscheidungen, das belegen die Forschungsarbeiten von Professor Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, können die raffiniertesten Computerstrategien in den Schatten stellen. Business Intelligence und Big Data werden die Intuition nicht überflüssig machen. Die liebwertesten Big-Data-Gichtlinge sind übrigens herzlichst eingeladen, ihre Analysemodelle live im Bloggercamp-Werkstattgespräch für das Un-Buch zur Streaming Revolution vorzuführen für das Kapitel: Die Vermessenheit der Big-Data-Weltvermesser – Ein Crowdsourcing-Experiment mit Hangout on Air.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Gunnar Sohn: Sina Trinkwalder ist CEO des Quartals bei Boardreport

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