In Nachrichtensendungen klang es schon sehr bedrohlich, was da in der Internetwelt so alles vor sich geht. Datenspione sind unterwegs, die ahnungslose Menschen überwachen und skrupellos Online-Einkäufe, Haustüren, Fassaden, Jägerzäune, Vorgärten, Aufenthaltsorte, Hobbys, Reisen, Suchanfragen, Empfehlungen, Verlinkungen, Kommentare, Profile und besuchte Websites registrieren.
Die Dunkelmänner des Cyberspace verfolgen nur ein einziges Ziel – sie wollen uns personalisierte Werbung einblenden. Pfui Teufel, das ist niederträchtig, gemein, verschwörerisch, anmaßend, perfide und verdient unsere tiefste Verachtung. Nein, noch mehr: Dieses Verhalten muss bestraft werden. Die Vergabe der Big Brother Awards an die Sektenbrüder einer milliardenschweren geheimen Loge ist nur der erste Schritt, um uns von dem Joch der Entmündigung und Demütigung zu befreien.
Der pädagogische Wert der Einweg-Berieselung darf nicht unterschätzt werden
Wo kämen wir denn hin, wenn jeder Dahergelaufene meint, uns werbliche Botschaften zu übermitteln, die vielleicht irgendwie den persönlichen Interessen entsprechen und uns zu Einkäufen animieren könnten.
Da ist es doch besser, wenn wir auf Schritt und Tritt mit der klassischen Massenreklame malträtiert werden, die uns langweilt, zum Umschalten des Fernsehkanals animiert oder daran erinnert, schnell noch eine Pinkelpause einzulegen, das Bier kalt zu stellen und den Hamburger in die Mikrowelle zu schmeißen. Der pädagogische Wert der Einweg-Berieselung darf nicht unterschätzt werden. Sie schützt uns vor dem Tanz um das Goldene Kalb, sie bewahrt uns davor, dem schnöden Mammon zu verfallen. Es ist wie mit dem Anti-Raucher-Kaugummi, der nach Aschenbecher schmeckt.
So wirken auch die stets lächelnden und strahlenden Hausfrauen, die uns für Waschmittel begeistern, die gütigen Opas, die ihre Enkelkinder mit widerlich süßen Bonbons beglücken, die schreiend lauten Schweinebauch-Slogans für technischen Schnickschnack, der in jedem Onlineshop billiger angeboten wird, die Heucheleien mit Danke sagender Schokolade, die man sich freiwillig nie kaufen würde und die schmierigen Männer in weißen Kitteln, die uns Ratschläge für die Zahnpflege erteilen. Die Konsumpropaganda in Zeitungen, Zeitschriften, Hörfunk, Fernsehen und auf Plakatwänden, die wir jeden Tag an den Kopf geballert bekommen, ohne uns wehren zu können, ist die gerechte Strafe für eine zu bequeme Konsumhaltung und den um sich greifenden Freizeit-Hedonismus.
Sie kämpfen für das Gute im Menschen
Wenn Facebook, Google oder Apple hier ausscheren und perfide Pläne für die Gründung eines neuen Imperiums schmieden und dafür personalisierte Werbung als Baustein für ihre Welteroberungspläne einsetzen, ist das hausmeisterliche Vorgehen der staatlichen Datenschützer doch zu begrüßen. Sie kämpfen für das Gute im Menschen. Sie wollen uns vor dem sinnlosen Abstieg in eine digitale Welt bewahren, die uns ohne Halt und Kontrollmöglichkeiten ratlos zurücklässt.
Da kann man die fragwürdigen Praktiken der Staatsaufseher, wie ich sie in einem Beitrag für den Fachdienst MarketingIT beschrieben habe, doch getrost beiseiteschieben: Fragwürdige Interpretationen von unbestimmten Rechtsbegriffen, antizipierte Verwaltungspraxis im Hinterzimmer, Bußgeldandrohungen, selbstherrliches Auftreten, Profilierungsneurosen und Anmaßung – all das sollte uns nicht bekümmern, liebwerteste Gichtlinge des Konsumismus. Der Roman „1984“ von George Orwell, sollte fortan unter einem ganz anderen Blickwinkel gelesen werden. Personalisierte Werbung ist die Folter, die von Unrechtsregimen des 21. Jahrhunderts eingesetzt wird.

















Hilfe! Personalisierte Werbung… Ach nein, das dann bitte doch nicht. Es wäre ja noch schöner, wenn jemand mittels zutreffenden Targetings meinen persönlichen Horizont begehrlicher Podukte erweitern würde. Und ich die Kreditkarte mal guten Gewissens zücke und mit Begeisterung belaste. Oder dank eigener Angaben zu präferierten Getränken, ich die Bierreklame bei der Sportschau ertrage…
Lieber will ich weiterhin täglich zahlreiche, nicht angeforderte Werbe-Newsletter in der Inbox löschen. Lieber die unangeforderten Werbeschreiben aus dem Briefkasten nehmen, damit mich der tägliche Weg zur Mülltonne fit hält. Und lieber zum Telefon rennen, damit eine Dame mich auf ein für mich ach so zutreffendes Produkt wie ein Zeitungsabo anspricht.
Aber was sage ich… Die Reformation der Werbelandschaft von oftmals planloser Reichweite zu qualitativer Relevanz schätzt nur derjenige, der die Aufklärung der Massen ermöglicht und die Option schafft, eine Treuhandgesellschaft für privaten Datenschutz in der Werbewelt einzuführen. Realistisch?
:-) Man darf ja auch nicht die Interessen der Altpapierindustrie vergessen
Es sollte mich nicht wundern, wenn die Datenschützer mit ihrem altertümlichen Verständnis von zu schützenden Daten am eigenen Ast sägen. Es wird – wie so vieles bei uns – noch eine Weile dauern, aber dann kommt der Umschwung (»Paradigmenwechsel«) umso rigoroser. Könnte mir gut vorstellen, dass plötzlich weniger Geld/Bedarf für die entsprechenden Stellen vorhanden ist. – Und das ist dann auch wieder nicht richtig ;)