Das Schöne ist, ich bin ja nur im Ausland zur Diplomatie verpflichtet. Guido Westerwelle

Shitstorm im Wasserglas

Früher wurde auf der Straße protestiert, heute reicht ein Klick. Da immer mehr Menschen Twitter und Co. nutzen, brauchen wir virtuelle Mediatoren, die der Instrumentalisierung von Shitstorms entgegenwirken.

Der Begriff „Shitstorm“ wurde bereits im vergangenen Jahr als Anglizismus des Jahres eingestuft und er erfreut sich auch heute noch einer ungebrochenen Popularität. In den vergangen Wochen und Monaten erregte sich die Blogosphäre über inszenierte Empörungswellen und substanzlose Cybermob-Attacken, die angeblich zu einem Verfall der Diskursqualität im Social Web beitragen.

Der Internetberater Christoph Kappes wertet die Shitstorm-Debatte als wenig konstruktiv:

Sie verfälsche den Sachverhalt und schaue zu wenig nach Ursachen und Lösungen: „Es geht schon mit dem Begriff los, den ich als sprachlich sehr arm und polarisierend empfinde. Kleiner als ‚Scheiße‘ und ‚Sturm‘ konnte es ja nicht sein.“ Zudem sei das Ganze ein deutsches Phänomen. Denn das Wort „Shitstorm“ würde es im angelsächsischen Sprachraum mit dieser Bedeutung nicht geben. Unbestritten ist die Tatsache, dass die Mechanismen im Internet die verbale Entrüstung beschleunigen und sichtbarer machen. „Durch virale Effekte ist es sehr viel schneller und spontaner möglich, sich öffentlich für jeden sichtbar zu äußern. Der Aufwand schwindet. Früher musste man auf die Straße gehen, heute muss man nur klicken und ein Wort der Empörung von sich geben“, so Kappes.

Als Kampfbegriff missbraucht und instrumentalisiert

Kneipengespräche seien flüchtiger als die Netzkommunikation. Im Prinzip werde im Internet alles verschriftet, ist dauerhaft sichtbar und hallt entsprechend lange nach.

Und natürlich werde der Shitstorm nach Ansicht von Kappes auch als Kampfbegriff missbraucht und instrumentalisiert: „Wir haben die Netzgemeinde, die mit der Bezeichnung ‚Shitstorm‘ drohend den Finger hebt und sagt, ‚Achtung, wir können, wenn wir wollen.‘ Auf der anderen Seite haben wir diejenigen, die es abwerten, da das Wort ‚Shitstorm‘ ja nicht so viel Interpretationsraum hinsichtlich der Beurteilung gibt.“

Bei Protagonisten und Antagonisten gebe es einen gleichartigen Willen, den Shitstorm zu überzeichnen. Und nicht jeder virtuelle Sturm wirkt nachhaltig. Über Twitter und Facebook verdunstet die Erregung sehr schnell. Alarmierend für die Kommunikationsverantwortlichen ist es nach Analysen der Berliner Business Intelligence Group, wenn bekannte und reichweitenstarke Blogs ein Thema aufgreifen, da die dort schreibenden Autoren auf verschiedenen Plattformen vernetzt und einflussreich sind. „Die nächste Eskalations-Stufe sind oft kleinere Online-Portale, beispielsweise von Branchenzeitschiften und regionalen Zeitungen. Die letzte Eskalations-Stufe und den absoluten Spillover in die klassischen Massenmedien stellt schließlich eine Meldung der großen Nachrichtenagenturen dar. Durch sie verbreitet sich die ehemals vermeintlich kleine Krise über die klassischen Medien“, erläutert Andreas Köster von der Business Intelligence Group:

Das Problem der Inszenierung und künstlich erzeugten Shitstorms hält er für überbewertet. „Die Indizienlage ist hier doch eher dünn, um belastbare Aussagen zu treffen. Ich sehe es nicht, dass Shitstorms in manipulativer Absicht gesteuert werden. Das spielt sich wohl eher auf einem sehr niedrigen Level ab. Im Großen und Ganzen handelt es sich um eine echte Form der Entrüstung“, glaubt Köster.

Kappes hält es für wichtiger, darüber zu diskutieren, was in den nächsten Jahren passiert. Im Moment tummelten sich überwiegend Kommunikationsprofis, Werbetreibende und sonstige Berater in sozialen Netzwerken. „Wir haben noch keine Millionen Twitter-Nutzer, die wirklich aktiv mitmischen. Aber wir werden eine Situation erreichen, dass auch breite Bevölkerungsgruppen diese Medientypen nutzen“, führt Kappes aus. Und ob die handelsüblichen Gegenstrategien dann noch helfen, ist mehr als fraglich.

Von den liebwertesten Beratungs-Gichtlingen werden sehr widersprüchliche Rezepturen empfohlen. Sie erzählen für teures Honorar vom Barbra-Streisand-Effekt und der Nutzlosigkeit, sich gegen Negativkampagnen zu wehren. Und die Kommunikationsverantwortlichen auf Seiten der betroffenen Organisationen reagieren fast immer mit einer Entschuldigung und geben klein bei – was wiederum zur Verstärkung der Shitstorm-Effekte führt.

Streitkultur ist gefragt

Das ist aber keine Lösung. Kritikwürdig an den Shitstorms ist nach Meinung von Kappes oftmals die ungeklärte Sachlage und der Verdacht der Instrumentalisierung für ganz andere Zwecke. Als Gegenmittel sollte man über schlanke Werkzeuge nachdenken, um die Faktenlage für die Netzöffentlichkeit besser überprüfen zu können. Eine Aggregation von Pro- und Contra-Argumenten ist ohne großen Aufwand möglich. So eine Art Shitstorm-Watch, virtueller Mediator oder Rivva für Netz-Disputationen. Entsprechende Software und ein pluralistisch besetztes Autorenteam könnte man über eine Crowdfunding-Aktion finanzieren.

Den Vorschlag von Christoph Kappes finde ich sehr gut. Besser jedenfalls als die Weisheiten von sogenannten Experten für Krisenkommunikation. Darüber hinaus sollte man den weinerlichen Jammerton in der Debatte abstellen. Nicht jede Kontroverse, nicht jede Kritik oder Verbraucherbeschwerde ist ein Shitstorm. Es ist vielleicht für jene ein Ärgernis, die in Schönheit sterben wollen oder es einfach nicht gewöhnt sind, wenn sich jedermann mittlerweile wortmächtig einmischen kann. Da ist Streitkultur gefragt!

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