Die Gedankenfreiheit haben wir. Jetzt brauchen wir nur noch die Gedanken. Karl Kraus

Digitaler Demenzpatient

Als die erste Dampflok fuhr, glaubten einige, der Mensch müsse an der Geschwindigkeit zugrunde gehen. Der Hirnforscher Manfred Spitzer glaubt, das Web sei eine Dampflok.

Manfred Spitzer, der vom Intellektuellen-Blatt „Bild“ zum berühmtesten Hirnforscher in Teutonia gekürt wurde, leidet unter digitaler Demenz. Das ist tragisch und wohl das Ergebnis der täglichen Nutzung von PC und Handy.

Wer die Geschehnisse über die Schlacht im Teutoburger Wald nicht mehr in dem vielbändigen Meyers Konversationslexikon recherchiert und mit Federkiel seine Notizen über die Heldentaten von Arminius festhält, sondern den bequemen Rechercheweg über Wikipedia einschlägt, denkt weniger. Das Gehirn von Spitzer arbeitet wie ein Muskel und baut dramatisch ab, wenn seine Finger nicht mehr das gebräunte Papier seiner Bibliothekssammlung berühren können. In der virtuellen Hängematte leidet der Geist des Wissenschaftlers.

Auch kann er den Norden nicht mehr vom Süden unterscheiden, da sein heimtückisches Navigationsgerät alles besser weiß und im Kasernenton die Richtung vorgibt. Der orientierungslose Neuro-Autobiograf ist sich nicht mehr im Klaren, ob er während seiner sommerlichen Expeditionen noch im Atlantik schwimmt oder eher im Roten Meer.

Das ganze Elend des Cyberspace

Das Internet vermanscht sukzessive das Gehirn des Forschers. Nur noch Facebook ist in der Lage, die persönlichen Daten vom Jahr seiner Geburt bis zur Telefonnummer seines mobilen Endgerätes zu verwalten. So häufen sich die neuronalen Verwirrungen bei der Unterscheidung des Hippocampus von den Bio-Weisheiten eines prominenten Hipp-Hipp-Hurra-Dafür-stehe-ich-mit-meinem-Namen-Babynahrungsfabrikanten.

Semantisch leidet der digitale Demenzpatient unter den asynchronen Lauten des Spracherkennungssystems Siri. Zungenbrecher wie „Zehn-zahme-Ziegen-ziehen-zehn-Zentner-Zucker-zum-Zoo“ kommen dem verständnislosen Internet-Experten immer weniger über die Lippen. Gravierend ist vor allem die Copy-Paste-Funktion seiner PC-Tastatur bei der Verarbeitung von Texten, die sich als unlesbarer Wortbrei in die Publikationen des Spitzenforschers ergießen.

Sinnkrisen und schmerzverzerrte Gesichtszüge

Das ganze Elend des Cyberspace muss der spitzfindige Internet-Allergiker in mentaler Vereinsamung ertragen, da sich seine Twitter-Follower und Facebook-Friends täglich wundern, warum er sein Tweed-Sakko für einen Tweet hält sowie flüchtige Web-Bekanntschaften den Freunden und Verwandten vorzieht.

Die persönliche Isolation treibt der demente Buchautor mit 0-1-Phantomschmerzen auf die Spitze, da er weder bei Twitter noch Facebook mit eigenen Accounts präsent ist – ins Mark Zuckerberg-Imperium wagt sich der liebwerteste Hirn-Gichtling nur mit Perücke. Freundschaftsanfragen stürzen die digitalen Weggefährten von Spitzer deshalb in noch stärkere Sinnkrisen und erzeugen schmerzverzerrte Gesichtszüge, die als Grinsen kaschiert werden.

Erniedrigend empfindet der berühmteste „Bild“-Gesprächspartner die zunehmende Smartphone-Intelligenz, die zu immer geistloseren Interviews mit seriösen Qualitätsprintmedien beiträgt. Als Schande für die Hochschullandschaft wertet er das Bekenntnis des Philosophen David Chalmers, der einen Teil seines Geistes dem iPhone von Apple überlässt. Chalmers nutzt den Minicomputer als erweiterten Geist, macht keine Notizen mehr auf Papier, speichert Informationen ohne physikalische Limitierung und brilliert dennoch als eloquenter Redner auf der internationalen Bühne. Kritiker von Chalmers sprechen schon von Informatik-Doping.

Der weltbeste „Bild“-Neuro-Guru

Damit Manfred Spitzer wieder mehr Kontrolle und Selbstbeherrschung über sein neuronales Dasein bekommt, schlagen Ärzte und Apotheker das Computerspiel „Der Landwirtschaftssimulator“ als geeignete Antistress-Therapie vor. Umgeben von Kühen, satten Weiden und langsam durch die Gegend tuckernden Traktoren kann der weltbeste „Bild“-Neuro-Guru seine dementen Akkus wieder aufladen. Ob nun das Fahrzeug nach links oder rechts fährt, ist bei diesem Programm zur Rehabilitation völlig egal. Ab und zu gackern die Hühner, um den Demenzkranken bei Laune zu halten.

Jedes andere Computerspiel würde den Spitzer-Geist zu sehr beanspruchen: Kombinatorik, Reaktionsschnelligkeit, Taktik, Strategie, Raffinesse, Merkfähigkeit und Feinmotorik sind die Grundlagen für erfahrene Gamer. Spitzer könnte auf der Gamescom in Kölle nicht einen Tag überleben – virtuell.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Gunnar Sohn: Sina Trinkwalder ist CEO des Quartals bei Boardreport

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Apple, Internet, Web-2.0

Debatte

Gegen die „Ver-Tinder-isierung“

Medium_d2ace5aebc

Schluss mit der „Schaun-wir-mal“-Gesellschaft

Nur der Moment zählt? Die Snapchat-Instagram inspirierte „Schau-ma-mal“-Lebensphilosophie führt zur einer riskanten „Ver-Tinder-isierung unserer Gesellschaft – zum unverbindlichen „Wisch und weg“! ... weiterlesen

Medium_724ebcd86f
von Stefan Endrös
20.02.2018

Debatte

Dorothee Bär: Wir brauchen mehr Debatten

Medium_b55263bb39

Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) verstößt gegen die Verfassung

Wer den Netzwerkbetreibern mit drakonischen Strafen drohe, nehme billigend in Kauf, dass diese Inhalte vorschnell löschen. Es dürfe nicht sein, dass sich die Haltung „bevor wir zahlen, löschen wir ... weiterlesen

Medium_1a5e9a3e06
von Dorothee Bär
25.01.2018

Debatte

Das Internet ist in Gefahr

Medium_82280315e0

Das Zwei-Klassen-Internet verhindern

Das Internet ist in Gefahr – zumindest das Internet, wie wir es kennen. Wir sind drauf und dran, das Internet als Medium für alle zu verlieren. weiterlesen

Medium_36672ad564
von Anke Domscheit-Berg
07.12.2017
meistgelesen / meistkommentiert