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Guardiola-Systemrevolutionen für die Deutschland AG

Wenn es um die Kunst des Wechsels bei der Entwicklung der eigenen beruflichen Karriere geht, funktioniert die Deutschland AG immer noch wie ein Fürstenstaat. Viele Vertrauen auf eingestaubte Mauertaktiken wie bei Otto Rehhagel. Eine Guardiola-Systemrevolution muss aber her.

Es geht um Familien, um Seilschaften, um Hinterzimmer-Runden, um exklusive Treffen in mondäner Umgebung, um Absprachen unter Ausschluss der Öffentlichkeit und um Protegés oder Günstlinge. Das gilt für Posten in Unternehmensvorständen und Aufsichtsräten. Man trifft sich in lauschigen Eckchen in Kitzbühel, Davos, St. Moritz, auf Sylt oder kraxelt vier Tage mit Ex-McKinsey-Chef Herbert Henzler in den Alpen herum. Da laufen die Deals und Absprachen. Da werden Wechsel besprochen und eingeleitet, da sichern sich die Top-Manager ihre Karriere ab. Man ist noch weit entfernt von dem Szenario neuer und offener Netzwerke, die das Manager Magazin im November des vergangenen Jahres vorstellte.

Monotonie in Vorständen und Aufsichtsräten

Es sind vor allem Juristen, Wirtschaftsprüfer und Finanzmanager, die in der ersten Reihe der Konzerne sitzen. Nerds, Mathematiker, Naturwissenschaftler oder selbst klassische IT-Führungskräfte schaffen es selten an die Spitze von großen Unternehmen. Aufsichtsräte und Vorstände glänzen nicht mit einem durchlässigen System. Das könnte sich rächen. Netzwerke sind ja prinzipiell eine gute Sache und Vitamin B für das berufliche Fortkommen zu nutzen, ist völlig in Ordnung. Problematisch wird es, wenn es keine Auffrischungen mehr gibt und keiner neuer Geist nachrückt.

Mauertaktik mit Libero

Sozusagen ein Otto-Rehhagel oder Thomas-Schaaf-Syndrom. Die griechische Nationalmannschaft ist zwar unter der Führung von „Rehakles" mit der Libero-Mauertaktik und einer stahlharten Mann-Deckung im Jahr 2004 überraschend Fußball-Europameister geworden. Es war aber ein Triumph ohne Zukunft. Ein ähnliches Eintagswunder wird Schaaf bei Hannover 96 mit seiner Raute-Taktik wohl nicht vollbringen. Der Fußball-Lehrer glaubt zu sehr an die alte Erfolgsmethodik aus seiner Zeit bei Werder Bremen.

In der Deutschland AG gibt es zu viele Cheftrainer, die nach der Rehhagel-Schaaf-Philosophie arbeiten. Ein allzu häufig auftauchender Rückschaufehler. Was früher gut funktionierte, wird als Beweis für zukünftige Taten herangezogen. Dabei ist es nach Ansicht von Jürgen Stäudtner, Autor des Buches „Innovationsstau in Deutschland – Wie wir einen neuen Gründergeist erschaffen“, besonders für Vorstandschefs und Aufsichtsräte wichtig, bekanntes Wissen in Frage zu stellen, neue Wege zu finden, nicht verbundene Sachverhalte oder Ideen zu kombinieren, Menschen zu treffen, die andere Geistesblitze, Hintergründe und Perspektiven mitbringen sowie unorthodoxe Antworten zu provozieren für überraschende Erkenntnisse.

Die perfekte Zirkulation

Man braucht System-Revolutionen, die der Fußball-Stratege Pep Guardiola etabliert hat: Hohe Positionsvariation in der Offensive, permanente Veränderung von Grundordnungen im Spiel, insbesondere der Wechsel zwischen Dreier- und Viererkette sowie eine perfekte Ballzirkulation.

Diese Zirkulation sollte auch in die Chefetagen der Deutschland AG einziehen. Wie das gelingen kann, schildert Francis Cepero im Gespräch mit brandeins. Er war bei SAP Berater, Entwickler, Projektleiter, Manager. „Ich rotiere gern zwischen Managementaufgaben und den Fachbereichen, habe immer wieder Personalverantwortung und Leitungsfunktionen abgegeben, um etwas Neues zu machen.“

Und das gilt in seinem Unternehmen auch für den Konzernvorstand. Der ehemalige CO-CEO Jim Hagemann Snabe lebte das imponierend vor. Er durchlief Beratung, Vertrieb und Entwicklung, bevor er in die Top-Etage eintrat.

Generell sollten sich die liebwertesten Management-Gichtlinge die Frage stellen, ob auch die Richtigen nach oben kommen. Passen die Aufstiegs-Szenarien zu den Interessen der Firma? Welche Fähigkeiten sind wichtig für Führungsaufgaben? Resümee von brandeins: „Fakt ist, dass die alleinige Fokussierung auf den Aufstieg gefährlich für das gesamte Unternehmen ist: Der Abgas-Skandal bei Volkswagen ist nicht zuletzt ein Karriereproblem.“

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