Ich würde mich schämen, wenn wir in der Krise Staatsgeld annehmen würden. Josef Ackermann

Plädoyer für Laienhaftigkeit

Den Piraten wird gerne Ahnungslosigkeit vorgeworfen – genau das macht sie jedoch glaubwürdig.

Die Piraten müssen sich wohl auf stürmische Zeiten einrichten. Denn jetzt schlägt das Establishment in Politik, (Print-)Medien und Kultur zurück. Rettungsanker für Schlecker-Mitarbeiterinnen? Darauf haben die Hasardeure der Weltmeere nicht sofort eine Antwort parat. Rente, Steuern, Mindestlohn, Afghanistan, Finanzkrise, Euro, Zebrastreifen, Verkehrsberuhigung in Pimpelhausen, Spontanvegetation an Straßenkreuzungen, Schwarzfahren beim Verpackungsrecycling, Sonnenfinsternis, Klimawandel, Stimmungsschwankungen in den Wechseljahren, Ausbreitung von gefährlichen Viren in Krankenhäusern: Zu all diesen Themen kommen von der Enterhaken-Partei keine Aussagen. Ein programmatisches Nirwana.

Da lob ich mir die erfahrenen und mit allen Wassern gewaschenen Politprofis, die zu jeder nicht gestellten Frage sofort auswendig gelernte und alternativlose Plattitüden ins Mikrofon labern. Kluge und analytisch fundierte Sätze frei nach dem Motto: Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist. Man verkündet Weisheiten und Gewissheiten mit der Halbwertzeit von Radon.

Wirtschaftliche Friedhofsruhe

Es ist eine bodenlose Frechheit, dass die Helden der Informationsfreiheit den Schutz der Privatheit vergessen würden, moniert Rainer Hank, Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. So kämpfen die Piraten zwar gegen Vorratsdatenspeicherung und staatlichen Überwachungswahn. Wenn es aber um den harten Kern des Rechts auf Privatheit, den Schutz des privaten (geistigen) Eigentums gehe, dann werden die Piraten windelweich.
Vielleicht sollten die liebwertesten Gichtlinge des Sicherheitsdenkens einfach mal darüber nachdenken, wie viel Schutz und Sicherheit der Staat überhaupt noch garantieren kann? Mit mehr Leistungsschutz werden Verlage, Musikindustrie, Künstler, festangestellte Redakteure und „Tatort“-Autoren ihre Zukunft nicht retten. „Zu schnell scheint sich das Recht zu verselbstständigen und zu laut klagen die Unternehmer (die bislang auch ohne das Schutzrecht ausgekommen sind) über angebliche Schäden, Entlassung von Mitarbeitern. Es sind die jahrhundertealten Jammerklagen der Zunftmeister und Inhaber von Privilegien und sie stoßen noch heute auf Gehör bei den Politikern”, sagt Wirtschaftshistoriker Eckhard Höffner.

Gut gemeinte paternalistische Eingriffe können sehr schnell in gesellschaftliche und wirtschaftliche Friedhofsruhe münden. Am Schluss freuen sich nur Abmahn-Anwälte und Justiziare in den Verwertungsgesellschaften über die Prozessorgien. Vielleicht liegt der Erfolg der Piraten auch an der Tatsache, dass man den Ziegelstein-Diktatoren nicht mehr über den Weg traut. Sie suggerieren zwar, uns vor den Risiken und Wirrnissen des Lebens bewahren zu können. In der Realität sind die Vertreter des Establishments genauso unwissend und laienhaft wie du und ich. Deswegen wirkt die Laienhaftigkeit der Piraten noch so sympathisch.

Man sollte viel häufiger darauf verzichten, Illusionen der Gewissheit und Regelbarkeit in die Welt zu blasen: „Die Menschheitsgeschichte ist voll mit Illusionen der Gewissheit. Astrologie, Religion oder heute auch Versicherungen. Wir versuchen immer gerne, aus der Unsicherheit etwas Sicheres zu machen“, erläutert Gerd Gigerenzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, in der Fernsehsendung „Sternstunde Philosophie“.

Stochern im Nebel

Viel wichtiger ist es, den Menschen zu sagen, was man nicht kann. Beispielsweise mit nobelpreisgekrönten mathematischen Modellen Vorhersagen über Risiken auf den Finanzmärkten zu treffen. Das sei nur geeignet für eine Welt mit bekannten Risiken, so Gigerenzer. Analysten und Finanzpolitiker stochern genauso im Nebel wie Tante Erna mit ihrem Konto auf der Sparkasse.

Es gibt auch keine Gewissheiten für perfekten Datenschutz im Internet. „Im Netz herrscht, ob wir wollen oder nicht, die totale Transparenz. Die Handlungsempfehlung ist fast so alt wie das Internet. Schreibe nichts in eine E-Mail, was du nicht auch auf eine Postkarte schreiben würdest. Das haben wir schon in den 90er-Jahren gesagt, als das Internet aus der Kindergrippe kam. Der Satz war vielleicht nicht radikal genug formuliert. Heute müsste man es anders sagen. Gehe davon aus, dass alles, was du sagst, schreibst oder sogar denkst, im Internet auftauchen wird“, mahnt der Publizist Tim Cole. Mit dieser Aussage kann eigentlich jeder etwas anfangen. Wenn das so ist, sollten wir uns eher auf unsere Intuition verlassen als auf die Besserwisser-Semantiker in der Datenschutz-Debatte.
Insofern ist der gegen die Piraten gerichtete Vorwurf mangelhafter Professionalität eher eine Auszeichnung. Sind wir nicht alle Idioten?

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