Die wichtigste Begabung, um glauben zu können, ist der Sinn für das Schöne. Martin Walser

Digitale Unreife

Wilde Projekte als Blaupause für die Netzökonomie – Deutsche Unternehmen schwächeln schon bei der digitalen Arbeitsorganisation

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Klammert man mal das produzierende Gewerbe in Deutschland aus, das seit 1980 nicht mehr zum dominanten Sektor in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zählt, kann man an der Regelung des Arbeitslebens sehr gut den digitalen Reifegrad in unserem Land ablesen. Die Unternehmerschaft kann noch soviel in Online-Marketing und Facebook-Auftritten investieren, an der Büro-Organisation kann man die Leidenschaft zur Vernetzung erkennen. Und da sieht es finster aus. Unternehmerinnen und Unternehmer mit Leidenschaft und Mut sind in der Minderheit. Rund 70 Prozent wollen nicht, dass ihre Mitarbeiter selbst bestimmen dürfen, wann und wo sie arbeiten. „Sie verlangen stattdessen Präsenzpflicht: Ihr habt gefälligst um 9 Uhr am Schreibtisch zu sitzen und dürft das Haus nicht vor 17 Uhr verlassen! Diese ‚Nine2five‘-Mentalität stammt aus einem anderen Jahrhundert und hat in einer Welt, in der das Internet den Takt angibt und den Menschen viele neue Freiheiten gibt, einfach nichts zu suchen“, schreibt der Publizist Tim Cole in seinem neuen Buch Digitale Transformation – Warum die deutsche Wirtschaft gerade die digitale Zukunft verschläft und was jetzt getan werden muss!.
Nur ein Drittel der liebwertesten Gichtlinge in der Unternehmerschaft glaubt, dass Homeoffice oder andere Formen der dezentralen Arbeit an Bedeutung gewinnen werden. Bei 64 Prozent ist so etwas schlicht „nicht vorgesehen“.

Ohne Aufsicht keine Produktivität?

Die angegebenen Gründe sprechen nach Auffassung von Cole Bände über die Geisteshaltung vieler deutscher Arbeitgeber. 33 Prozent sind überzeugt, dass die Arbeitsproduktivität ohne Aufsicht sowie den direkten Austausch mit Kollegen am Arbeitsplatz sinkt. 27 Prozent stören sich daran, dass ein Mitarbeiter im Homeoffice nicht jederzeit ansprechbar ist.„Wo kommen wir da auch hin, wenn Kollege Müller nicht sofort auf der Matte steht, wenn der Chef ruft? Bezeichnend auch diese Antwort: 17 Prozent machen sich Sorgen darüber, dass der Mitarbeiter im Homeoffice „nicht zu kontrollieren“ ist. Der Mitarbeiter als Marionette: So sieht deutscher Büroalltag in den meisten Firmen leider immer noch aus“, bemerkt Cole. In den vergangenen Jahren hat sich das sogar verfestigt. Der Anteil der Mitarbeiter, die ohne Bürozwang arbeiten dürfen, ist gesunken.

Flexible Beschäftigungsverhältnisse sind für die meisten Unternehmen kein Thema. Nur 31 Prozent geben nach der Bitkom-Umfrage zu Protokoll, dass der Anteil freier Mitarbeiter in Zukunft wachsen wird. Externe Spezialisten sind ebenfalls nicht erwünscht. Für 76 Prozent der Befragten sind sie für den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens unbedeutend. Neue Technologien werden misstrauisch beäugt. Für 56 Prozent der Befragten sind Präsenztreffen nach wie vor die Norm, Tendenz steigend.

Dümmliche Telefonkonferenzen

Fast die Hälfte favorisiert immer noch dümmliche Telefonkonferenzen. Nur für acht Prozent kommt die Videokommunikation in Frage, obwohl mit Skype oder Hangout kostenlos nutzbare Dienste in der Freizeit zum Standard zählen. Ein bisschen konnte einem der ehemalige Bitkom-Präsident Dieter Kempf ja leidtun, der am Ende dieser verheerenden Bilanz schließlich irgendeine positive Botschaft verkünden sollte, meint Cole.

Am Ende konnte auch Kempf nicht anders, als mahnend den Zeigefinger in die Höhe zu strecken und den Deutschen, Arbeitgebern wie Arbeitnehmern, die Leviten zu lesen: Wenn sich nicht irgendwas in den Köpfen bewegt, dann „bleiben wir bei der analogen Gesellschaft stehen und können nur staunend zuschauen, wie sich in anderen Ländern Unternehmen rasant verändern, ihre Arbeit neu organisieren und innovative Geschäftsmodelle entwickeln“.

Einladung zur dmexco bringt nichts

Wenn selbst in der Arbeitsorganisation die Potenziale der digitalen Technologien wenig Beachtung finden, sollte man auf der Metaebene aufhören, von den neuesten Gadgets, Diensten und Plattformen des Silicon Valley zu reden. Das geht an den Entscheidern der Wirtschaft vorbei. Was könnte man anders machen, fragt sich der Mittelstandsexperte Marco Petracca. „Die Lösung kann nicht darin bestehen, alle Mittelständler zur dmexco einzuladen und sie dort mit den neuesten Tools und Trends zu überfordern“, meint Petracca, der seine Thesen auf der Next Economy Open am 9. Und 10. November in Bonn präsentieren wird.

Es reicht nicht aus, wenn man den Unternehmen einhämmert, endliche eine digitale Geschäftsstrategie zu entwickeln. Die Digitalisierung ist nach Überzeugung von Petracca ein Werkzeug, das uns dabei hilft, übergeordnete Strategien und Visionen zu verwirklichen. Wer das im Arbeitsalltag nicht integriert, wird sich nicht öffnen für die Anforderungen der Vernetzung. Insofern ist die Gestaltung der Arbeitswelt ein belastbarer Indikator für den Stellenwert der Netzökonomie in Deutschland.

Bosch erfindet sich neu – Plattform für junge Talente

Wohin die Reise gehen könnte, dokumentiert der Autor Tim Cole am Beispiel Bosch. Dort laufen mehr als 50 Projekte, in denen mit neuen Technologien und Methoden zur Verschmelzung von Internet und industrieller Fertigung experimentiert wird.

Im Sommer 2014 hat Bosch zusätzlich einen eigenen Startup-Inkubator gegründet, die „Bosch Startup Platform (BOSP), wo ein völlig anderer Weg eingeschlagen wird: „Der Fokus liegt auf der eigenen Belegschaft. Bevor ein Mitarbeiter mit einer guten Idee den Job kündigt und das Unternehmen verlässt, um sich als Gründer selbstständig zu machen, will Bosch ihm lieber dabei helfen – denn damit bleiben Talente und Ideen für das eigene Unternehmen erhalten. Der angehende Jungunternehmer bekommt fachmännische Hilfe bei der Unternehmensgründung und eine Kapitalspritze, die ihm erst einmal auf die Beine hilft“, schreibt Cole. Ihm werde außerdem ein Mentor zur Seite gestellt, meistens ein Mitglied des „Steuerkreises“, der aus erfahrenen Technikern, Kaufleuten und Mitgliedern der Geschäftsleitung besteht. „Bosch bekommt im Gegenzug Anteile und behält langfristig die Option, die Innovation zu nutzen oder das Unternehmen später einmal komplett zu übernehmen“, erklärt Cole.

Vielleicht liegt hier das Erfolgsrezept für deutsche Unternehmen: Ausgründen statt Selbermachen. „Wenn sich Unternehmen als Inkubatoren betätigen, gibt es keinen Konflikt zwischen Alt und Neu. Die jungen Kreativen können sich nach Herzenslust austoben und ihre Ideen umsetzen, ohne von den alten Besserwissern und Bedenkenträgern in der Mutterfirma ausgebremst zu werden. Das klingt ein wenig nach dem neuen Überbau von Google namens Alphabet. Man stärkt den Glauben an das große Wachstum in den wilden Projekten, mit denen noch kein Cent verdient wird.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Gunnar Sohn: Sina Trinkwalder ist CEO des Quartals bei Boardreport

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