In zehn Jahren werden die 67-Jährigen die 92-Jährigen pflegen. Kurt Biedenkopf

Rede lieber ungewöhnlich

Statt sich ständig mit den unereichbaren Vorbildern in Cupertino & Co. zu messen, sollte Berlin sich am Erfindergeist des 19. Jahrhunderts orientieren – als die Stadt schon einmal ihren ganz eigenen, unverkennbaren Stil hatte.

Vielen Entscheidern aus Wirtschaft und Politik in Berlin ist wohl klar, dass es kein Industrie-Comeback für die Hauptstadt geben wird. Das gilt auch für den Rest der Republik, da die Zeiten des Fordismus nun schon lange vorbei sind. Relevanter für Berlin ist mittlerweile die Kreativwirtschaft: Mit Party, Tourismus, Theater, Musik, Medien, Verlagen, Unterhaltung, Mode, Design, Werbung, Marketing und besonders der Internet-Wirtschaft wird mittlerweile ein gewichtiger Teil des Bruttoinlandsproduktes in Berlin erwirtschaftet. Ob sich daraus eine Web-Metropole wie im Silicon Valley entwickelt, ist allerdings noch mit einigen Fragezeichen versehen. Hoffnungsvolle Ansätze sind vorhanden. Wirkliche Schwergewichte wie Facebook oder Google sind allerdings nur schemenhaft zu erkennen.

Technik-Pioniere der Echtzeitkommunikation

Vielleicht sollten die liebwertesten Gichtlinge in Spree-Athen einfach aufhören, sich an der kalifornischen Kaderschmiede des Internets zu orientieren. Wie wäre es, einen eigenen und unverwechselbaren Stil zu erkunden und sich auf die Wurzeln von Technik-Pionieren in Berlin zu besinnen, die im 19. Jahrhundert die Stadt zum Silicon Valley der Telefonie machten. Impulsgeber für die Entfaltung einer einzigartigen Startup-Szene war Heinrich von Stephan. Er wurde 1870 von Bismarck zum Generalpostmeister der Norddeutschen Bundespostverwaltung und nach der Reichsgründung zum Reichspostmeister ernannt. Er erfand die Postkarte, gründete die Reichsdruckerei, das Postmuseum (Museum für Kommunikation) sowie den Allgemeinen Postverein (1878 Weltpostverein) und forcierte erst in Deutschland, dann in der ganzen Welt den Aufbau der modernen Telegraphie. Stephan erkannte als einer der Ersten die politische und wirtschaftliche Relevanz des Telefons als Medium der Echtzeit-Kommunikation. Im Oktober 1877 liest Stephan in der Wochenzeitschrift „Scientific American“ einen Bericht über „Bell’s New Telephone“.

Erst jetzt erkannte die Fachwelt die Tragweite der Telefonie. Eigentlich gebührt Johann Philipp Reis der Ehrentitel des Erfinders. Denn er stellte das erste Gerät zur Übertragung von Tönen durch elektromagnetische Wellen schon 1861 vor. Der Reichspostmeister war jedenfalls von dem wissenschaftlichen Bericht so begeistert, dass er einen Satz Telefongeräte anforderte, die im Generalpostamt mit Erfolg ausprobiert wurden. „Begeistert lässt Stephan sein Amtsgebäude in der Leipziger Straße mit dem Generaltelegraphenamt in der Französischen Straße (Hauptstadtrepräsentanz Deutsche Telekom) verbinden und erklärt wiederum nach gelungenem Versuch den 26. Oktober 1877 zum Geburtstag des deutschen Fernsprechers“, schreibt die Historikerin Gerhild H. M. Komander in dem Band „1881 – Berlins erstes Telefonbuch“.

Berlin hatte mehr Telefonanschlüsse als die USA

Das Reichspostamt bat am 1. Juli 1880 die Ältesten der Berliner Kaufmannschaft Berlin, zwei Mitglieder zu benennen, die als Agenten Fernsprechteilnehmer werben sollten. „Der Ingenieur Emil Rathenau war einer der beiden Ausgewählten – der Name des zweiten Agenten ist unbekannt – und bis Ende des Jahres mäßig erfolgreich. Acht Namen enthielt die erste Liste der Fernsprechteilnehmer der am 12. Januar 1881 versuchsweise in Betrieb genommenen Vermittlungsanstalt“, so Komander. Nur „mit sanfter Gewalt“ konnte Stephan auch Bankiers und Unternehmer zur Teilnahme am Fernsprechverkehr bewegen. „Unter Kopfschütteln und mehr aus Gefälligkeit als aus Überzeugung von den zu erwartenden Vorteilen“, so schreibt Oskar Grosse 1917 in seinem Buch „40 Jahre Fernsprecher. Stephan – Siemens – Rathenau“, willigten die Häupter führender Bankhäuser und Firmen ein. Das erste Telefonverzeichnis ist in der Öffentlichkeit noch als „Buch der Narren“ verspottet worden. Sieben Jahre später gab es in Berlin mehr Telefonanschlüsse als in jeder Stadt in den Vereinigten Staaten von Amerika. Ein Siegeszug ohnegleichen. In diesem Sog entfalteten sich Unternehmen wie die „Telegraphenbauanstalt R. Stock“, die 1887 gegründet wurde.

Schon 1894 kaufte der Firmeninhaber Robert Stock Grundstücke in der Zeughofstraße und errichtete ein großes Fabrikgebäude, das ein Jahr später bezugsfertig war. Es ist auch heute noch Stammsitz der in DeTeWe umbenannten Firma. 1896 stellte Stock in Treptow das erste Telephon-Verbindungsamt vor und expandierte europaweit bei der Errichtung von Fernsprechämtern. Die Aufgaben waren für Robert Stock vor 125 Jahren nicht einfacher als für die Gründer von Web-Unternehmen. Fachkollegen verspotteten ihn und rümpften über seinen „Stanz- und Blechkram“ die Nase. Schon bald musste die Maschinenindustrie allerdings einsehen, dass bei großen Fernsprechämtern, in denen sich eine ungezählte Menge gleichartiger kleiner Stücke zusammenfand, mit den früheren Mechaniker-Methoden nichts mehr auszurichten war. „Jetzt sind es Software, Applikationen, Plattformen, modulare Systeme und Smartphones, die in der Kommunikationstechnologie dominieren und den Markt völlig verändern“, so DeTeWe-Chef Christian Fron. Am Gründergeist von Persönlichkeiten wie Heinrich von Stephan, Werner von Siemens oder Robert Stock könne man sich auch heute noch orientieren.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Gunnar Sohn: Sina Trinkwalder ist CEO des Quartals bei Boardreport

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Silicon-valley, Digitale-gesellschaft

Kolumne

Medium_45c47f9584
von Gunnar Sohn
01.07.2015

Kolumne

Medium_45c47f9584
von Gunnar Sohn
10.06.2015

Kolumne

Medium_45c47f9584
von Gunnar Sohn
25.03.2015
meistgelesen / meistkommentiert