Christus ist in jedem Alter etwas anderes. Martin Walser

Warten auf Erleuchtung

In einem Kraftakt möchte Deutschland die sogenannte „Industrie 4.0“ einführen – und damit die Industrie vernetzen. Bislang ruft das Konzept aber bloß Ahnungslosigkeit hervor.

„Mit der digitalen Vernetzung der Produktion wird sich unser Verständnis von Industrie so nachhaltig verändern wie niemals zuvor“, so VDMA-Präsident Reinhold Festge zur Eröffnung der Hannover Messe. Die deutschen Hersteller seien für diese globale Veränderung bestens gerüstet, betont der oberste Maschinenbau-Lobbyist. „Für die deutsche Industrie formuliere ich dabei nicht weniger als den globalen Führungsanspruch.“

Klingt famos. Aber die Realität sieht anders aus. Bisher wird nach Ansicht von Manfred Broy (Professor für Informatik an der Technischen Universität München) und Dietmar Harhoff (Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb und Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Innovation) der Industrie 4.0-Ansatz nur von einigen wenigen Unternehmen gelebt.

„Viele der zumeist mittelständischen deutschen Produktionsunternehmen nehmen von der Thematik bisher kaum Notiz und sind bestenfalls ratlos“, schreiben Broy und Harhoff in einem Gastbeitrag für die Montagsausgabe der „FAZ“.

Zauberwort Industrie 4.0

Die Autoren bemängeln eine konzeptionelle Einengung: „Digitalisierung und das Internet der Dinge werden auf einen produktionstechnischen Teilbereich reduziert. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, Teile der deutschen Industrie seien fast erleichtert, dass das ungewohnte und eher unheimliche Thema Digitalisierung durch das Zauberwort Industrie 4.0 seinen Schrecken verliert und gebannt scheint. Aber die Hoffnung der deutschen Industrie, dass mit Industrie 4.0 der Digitalisierung hinreichend Rechnung getragen ist, ist trügerisch.“

Übersehen werde bei der Ausrichtung auf Industrie 4.0, dass die Digitalisierung vor allem Kunden und Märkte verändert. Kein Kundenzugang sei umfassender, enger und schneller als der über das Internet, über internetbasierte Dienste. Hinzu komme, dass die oft als technikfeindlich verpönten Deutschen in Scharen in die schöne neue Welt der Digitalisierung strömen – ob Smartphone, Google, Facebook oder Amazon – das Potenzial der digitalen Wunderwelt ist höchst attraktiv, gerade auch für deutsche Konsumenten.

Die schnellen Skaleneffekte, die sich international verbreiten, die Ortsungebundenheit des Netzes und die beliebige Vervielfältigung von digitalen Diensten ließen sich auch durch deutsche Gerichtsurteile (der Fall Uber) nicht aufhalten, betonen die beiden Wissenschaftler.

„Die Stärken der deutschen Wirtschaft – exzellente Ingenieurleistungen und das Beherrschen technisch anspruchsvoller Produkte – drohen dadurch ein Stück weit ins Hintertreffen zu geraten.“

Die Produkte und Dienstangebote digitaler Technik seien näher am Menschen als jede andere Technik zuvor. Das alles weise darauf hin, dass Industrie 4.0 allein kaum eine überzeugende Antwort auf den digitalen Wandel darstellen kann. Reichen die netzökonomischen Kompetenzen von Ingenieuren und IT-Führungskräften für diese Aufgaben aus?

Die Entmachtung der CIOs

In deutschen Unternehmen regierten zu häufig Trutzburgen der Ahnungslosen, bemängeln Broy und Harhoff. Der digitale Wandel werde nicht wahrgenommen oder verdrängt. Man sehe es schon seit Langem an der Entmachtung von CIOs, die zu digitalen Hausmeistern degradiert und dem Finanzvorstand unterstellt würden. Es gehe beim Einsatz von digitalen Technologien selten um strategische Geschäftsziele, sondern um reine Kostenoptimierung.

„Zu oft wird übersehen, dass ein wesentlicher Teil des Erfolges von Google, Facebook, Amazon und Co. in der höchstprofessionellen Beherrschung der Softwaretechnik und ihrer Möglichkeiten besteht, die neue vernetzte Welt zu meistern“, resümieren Broy und Harhoff.

Wirtschaftsorganisationen brauchten dringend mehr treibende Kräfte, um Software strategisch richtig einzusetzen und um neue Methoden der Zusammenarbeit über Open Source sowie Standards einzuführen, erläutert der Berater Christoph Kappes. Es gehe um Methoden, wie man Marktstellungen knackt. Google habe das mit dem Betriebssystem Android unter Beweis gestellt.

Ausblendung der menschlichen Komponente

Wir werden nach Einschätzung von Professor Tobias Kollmann nur dann wettbewerbsfähig bleiben, wenn wir auch im Online-Wettbewerb bestehen können: „Wer nicht digital mitspielen kann oder will, wird bald gar nicht mehr mitspielen. Deswegen geht es bei uns nicht nur um mehr IT in Form von ‚Industrie 4.0‘ in Unternehmen, sondern vielmehr um das digitale Know-how für die Entwicklung, den Aufbau und den Betrieb von elektronischen Wertschöpfungen in Online- und Offline-Geschäftsmodellen für Unternehmen in Deutschland“, so der Vorsitzende des Beirats „Junge Digitale Wirtschaft“ beim Bundeswirtschaftsministerium.

Das Internet der Dinge und Social Media als Vernetzung von Menschen seien die Megatreiber der Netzökonomie, erklärt der Kölner Professor Klemens Skibicki: „Beide Systeme werden vom Mobile Web ineinandergefügt – alles zusammen ist eben das Internet of Everything! Deutsche Unternehmen blenden die menschliche Komponente zu sehr aus und fokussieren sich mit dem Industrie-4.0-Begriff auf die Perspektive von Ingenieuren und Produkten.“ Produkttechnisch spielen wir in der ersten Liga. Bei der Etablierung von digitalen Ökosystemen schneidet Deutschland mangelhaft ab. „An Facebook, Google und Apple kann man erkennen, wie Menschen ‚ans Internet angeschlossen werden‘“, sagt Skibicki vom Beratungshaus Convidera.

Wir haben uns total verirrt, kommen aber gut voran

Im Digitalen würden nicht die perfektionistischen Planer, sondern die schnellen Macher bevorteilt, skizziert Gamification-Experte Roman Rackwitz die Lage: „‚Fail fast, fail small. Just do it.‘ Was früher die Qualitätsmarke Deutschland groß machte, ist heute eher ein Manko. Die Rahmenbedingungen haben sich aber geändert. Das Problem besteht nicht im technischen Verständnis der Digitalisierung, sondern in der kulturellen Adaption.“

Die penetrante Fokussierung auf den Begriff „Industrie 4.0“ zeigt nach Meinung des Social-Media-Managers Frank Michna, dass man die Tragweite der aktuellen Entwicklungen noch lange nicht begriffen habe und an vielen Stellen am Thema vorbei arbeite: „Wirtschaft 4.0 oder Gesellschaft 4.0? Fehlanzeige. Lauscht man den Kommentaren von Vorständen und Ministern, könnte man recht frei Tom DeMarco und Tim Lister zitieren: ‚Wir haben uns total verirrt, kommen aber sehr gut voran!‘“

Kompetenz-Vernetzung statt IT-Penetration

Die vernetzte Kommunikation wird von Unternehmen unterschätzt oder auf den Endkunden-Markt reduziert. Dabei geht es hier eher um eine Vernetzung von Kompetenzen – das gilt auch für den Geschäftskunden-Markt. Die Ökonomie im Ganzen müsse neu gedacht werden, fordert Winfried Felser von der Unternehmer-Plattform Competence Site: „Nicht die IT-Penetration muss maximiert, sondern die Wertschöpfung neu gestaltet werden in Richtung einer wertvolleren und vor allem fluideren Kombinatorik von Fähigkeiten in kollaborativen Kompetenz-Netzwerken. Das Digitale ist eher der Möglichmacher für neue Wertschöpfungsmuster, was weit über technische Gadgets, Apps und Big Data hinausgeht.“

Vielleicht müssen die liebwertesten Gichtlinge in den deutschen Unternehmen die Methoden der Silicon-Valley-Konzerne einfach nur besser antizipieren, um Google und Co. zu schlagen. Das jedenfalls verhandelt der nächste Netzökonomie-Campus mit Käsekuchen am 3. Mai.

Man hört, sieht und streamt sich.

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