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Die parasitäre Netzwelt

Konzerne wie Google und Amazon haben sich bereits fest in unseren Alltag geklickt. Der Wissenschaft fehlt jedoch noch jegliche Idee, wie mit diesen Monopolen künftig umzugehen ist.

Arno Rolf, Professor i. R. im Fachbereich Informatik der Universität Hamburg, hat einen spannenden „FAZ“-Gastbeitrag über den „Zustand“ der Wirtschaftsinformatik in Deutschland veröffentlicht. Sie ringe mit ihrer gestaltungsorientierten Tradition um mehr internationale Anerkennung. „Aus diesem Dilemma einen Ausweg aufzuzeigen, bemühten sich die Altvorderen der Wirtschaftsinformatik, Ernst-August Scheer, Peter Mertens, Hans-Ulrich Buhl und Wolfgang König, in der Panel-Diskussion ,Impact Engineering oder gesellschaftliche Verantwortung‘ auf der 12. Internationalen Tagung Wirtschaftsinformatik in Osnabrück“, schreibt Rolf.

Wie zu erwarten, prallten die Meinungen aufeinander: Trotz der Erfolge des Studienabbrechers Mark Zuckerberg beharrte Scheer auf dem Ingenieur-Habitus der Wirtschaftsinformatik und sah ihre Eigenständigkeit als Engineering-Disziplin – was mich nun überhaupt nicht wundert.

Bewunderung für kalifornische Internetkonzerne

Mertens skizzierte, dass sich die universitäre Wirtschaftsinformatik nicht hinreichend mit Gegenwarts- und Zukunftsproblemen in Gesellschaft und Wirtschaft auseinandersetzt. Die digitale Transformation zähle zu den größten Herausforderungen: „Der Wirtschaftsinformatik ist zu empfehlen, sich schnell einen Überblick zu verschaffen, wie mit ihren Technologien ,da draußen die Welt verändert wird‘“, so Rolf. Die Bewunderung der kalifornischen Internetkonzerne sei auch in der Wirtschaftsinformatik groß. Sie tummelten sich einmal als „Start-ups“ zwischen Garage und Universität und seien heute nah dran, die Herrscher einer „neuen“ globalen Ökonomie zu werden – was für eine Überraschung.

Vielleicht habe sich die Wirtschaftsinformatik zu lange von den SAP-Erfolgen blenden lassen und sich zu ausschließlich auf Geschäftsprozess-Modellierung konzentriert. Man müsse einfach konstatieren, dass von den kalifornischen Internetkonzernen unfassbar gebrauchstaugliche Bedürfnisse geweckt wurden und werden, von denen wir vorher gar nicht ahnten, dass diese unser Leben bereichern und bequemer machen können. Google, Amazon, Facebook und Co. sind zum „Wesentlichen der Gesellschaft“ geworden. „Die andere Seite ist, dass sie global eine Infrastruktur schaffen, die alle Bereiche der Ökonomie und Lebenswelt durchdringen und ganze Industrie- und Dienstleistungsbranchen in ihrer bisherigen Form, wenn nicht zerstören, so doch umpflügen wird“, führt Rolf weiter aus.

Das sei der Kontext, dem sich die Wirtschaftsinformatik in den kommenden Jahren stellen muss. Gleiches gilt für die BWL und VWL, die sich fast vollständig verweigern, eine belastbare ökonomische Theorie des Internets zu entwickeln.

Spinnennetze für die Weltherrschaft

Gemeinsam mit Arno Sagawe wagt zumindest Professor Rolf einen kleinen Versuch in dem Buch „Des Googles Kern und andere Spinnennetze: Die Architektur der digitalen Gesellschaft“, erschienen im UVK-Verlag. Leider reduzieren die beiden Autoren ihre Sichtweise auf die „Herrschaftsstrategien“ der Silicon-Valley-Giganten. Google und Co. hätten aus dem Netz mit ihren Geschäftsmodellen Spinnennetze gemacht, die unseren Aktionsradius bestimmen. Beide haben wohl zu viel in den digital-pessimistischen Schriften des leider viel zu früh verstorbenen „Ökonomen“ Frank Schirrmacher geblättert, sonst wäre das Werk nicht so monokausal ausgefallen.

Wettbewerb werde ausgeschaltet, es darf nur einen Gewinner geben. „Kompromisse sind in ihren Augen Demütigungen und Niederlagen. All das geschieht mit einer ungeheuren Geschwindigkeit. Weder notwendige gesellschaftliche Debatten noch politische Regulierungen können damit Schritt halten, schreiben Rolf und Sagawe. Das „Wesentliche“ der digitalen Transformation sei die Zerstörung ganzer Branchen bei gleichzeitiger Monopolbildung der neuen digitalen Ökonomie.

Der Google-Gründungsmythos

An Google wollen die Wissenschaftler zeigen, wie sich die Spinnennetze in kurzer Zeit entwickeln konnten. Am Anfang stand eine bestechende Innovation, die die Konkurrenz alt aussehen ließ. Gemeint ist die Fähigkeit, Suchergebnisse aufgrund ihrer Zitierhäufigkeit zu ranken und sie für den Nutzer attraktiver und schneller bereitstellen zu können. „Firmen, die Werbeanzeigen schalteten, kamen schnell hinzu und schafften die finanzielle Basis, um die Führungsrolle in diesem Plattformsegment übernehmen zu können.“ Was für ein Quatsch.

Die Google-Gründer suchten krampfhaft nach Erlösquellen und hatten am Ende trotz interner Widerstände gar keine andere Wahl, als auf die Einführung eines Anzeigensystems zu setzen. Was heute unter „Adwords“ läuft und immer noch über 90 Prozent der jährlichen Umsätze des Suchmaschinen-Giganten absichert, könnte schon morgen der Sargnagel für den Mountain-View-Konzern bedeuten, da Konzepte für die mobile Welt fehlen und die reine Suchfunktion weniger relevant wird. Schaffen „anarcho-kapitalistische“ Plattformen wie Google, Facebook, Amazon oder Airbnb automatisch Monopole, um heimtückische Spinnennetze zu weben und den Wettbewerb auszuschalten oder sind es eher Möglichmacher-Plattformen, um den Konzern-Platzhirschen mehr Dampf zu machen?

In der Ökonomie auf Sicht fahren

Wo vorher Medienkonzerne, Handelsriesen und Industriegrößen ihre Macht gegenüber Lieferanten und Konsumenten ausspielen konnten, treten neue Akteure, die mit den Jedermann-Werkzeugen des Netzes zu Produzenten werden. Ohne Massenfertigung, ohne Zugangskontrolle und ohne Konzernstrukturen. In einer digitalen Welt gibt es unendlich viele Kombinationen für neue Dienste und Produkte, die selbst die liebwertesten Big-Data-Gichtlinge nicht antizipieren können – auch wenn sie noch so viel Datenschrott sammeln. Es gibt zu viele Variablen, weil immer auch unvorhersehbares menschliches Verhalten eine Rolle spielt. Oder wie es Douglass North, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, ausdrückt: „Der Preis der Präzision (von theoretischen Modellen, gs) ist die Unfähigkeit, Fragen des realen Lebens zu behandeln.“

In den netzökonomischen Diskursen sollte man mehr auf Sicht fahren und überlegen, wie man die amerikanischen Plattformen für das eigene Business nutzen kann. So kehrt man das parasitäre Gedankengut der kalifornischen Monopolfetischisten ins Gegenteil. Degradieren wir die Silicon-Valley-Aufschneider zu nützlichen Idioten einer Ökonomie, die mehr Zugänge und Kompetenzen für wirtschaftliche Aktivitäten liefert.

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Kolumne

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von Daniel Dettling
22.10.2013
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