Am ersten Weihnachtstag 2009 versuchte ein junger Nigerianer, ein Flugzeug der Northwest Airlines kurz vor der Landung in Detroit durch die Detonation einer Sprengladung zum Absturz zu bringen. Der Fall des Umar Farouk zeigte zum wiederholten Male auf, dass El Kaida und die dschihadistische Bewegung immer unberechenbarer werden. Die von Osama bin Laden mit Sitz in Pakistan geführte Organisation El Kaida ist heute zwar schwächer als noch 2001. Doch profitiert die Terrorgruppe davon, dass Dschihadisten neue Organisationsformen gefunden haben, mit denen sie auf die verschärfte Bekämpfung durch die USA und ihre Verbündeten reagieren.
Man kann zwischen drei Organisationstypen dschihadistischer Zellen und Gruppen unterscheiden: den Organisierten, den Unabhängigen und den neuen Internationalisten. Die organisierten Dschihadisten gehören zu Gruppierungen wie El Kaida und agieren unter ihrem Kommando. Zu ihnen gehörte beispielsweise die Hamburger Zelle, die maßgeblich an den Attentaten vom 11. September 2001 beteiligt war. Unabhängige Dschihadisten wie die beiden “Kofferbomber”, die im Juli 2006 Sprengsätze in zwei Regionalzügen im Rheinland deponierten, handeln dagegen eigeninitiativ. Zwar sind sie deutlich unberechenbarer als ihre organisierten Kollegen, ihnen fehlt aber häufig das notwendige Training, sodass ihre Aktionen scheitern.
Unberechenbar, aber dennoch professionell
Die neuen Internationalisten bilden die Synthese der beiden erstgenannten Kategorien. In Deutschland gehörte beispielsweise die sogenannte Sauerlandzelle, deren Mitglieder Anschläge auf amerikanische Einrichtungen in Deutschland planten und im September 2007 verhaftet wurden, zu dieser Kategorie. Diese jungen Muslime radikalisieren sich und suchen dann eigeninitiativ den Kontakt zu terroristischen Organisationen beispielsweise in Pakistan oder im Jemen und nutzen deren Ausbildungsangebote.
So gelingt es ihnen, die Unberechenbarkeit der unabhängigen Dschihadisten mit der größeren Professionalität der Organisierten zu vereinen. Ihre stärker ausgeprägte Unabhängigkeit von El Kaida und deren Verbündeten hat auch damit zu tun, dass die neuen Internationalisten national und ethnisch heterogen zusammengesetzt sind. Neben Arabern schließen sich vermehrt Pakistanis, Türken, Kurden, europäische Konvertiten und Afrikaner diesen Gruppen an. Umar Farouk war gewissermaßen ein Musterbeispiel: ein Nigerianer, der in London und Dubai lebte, sich im Jemen von El Kaida ausbilden ließ und einen Anschlag in den USA zu verüben suchte.
Aus dem Raster gefallen
Westliche Sicherheitsbehörden haben große Probleme, sich auf den Wandel und die Vielfalt der Organisationsformen einzustellen. Schon die Unabhängigen stellen sie vor große Probleme, da Polizei und Nachrichtendienste bis heute nicht gelernt haben, Radikalisierungsprozesse unter jungen Muslimen rechtzeitig nachzuvollziehen. Gefährlich werden diese Defizite jedoch in erster Linie im Fall der neuen Internationalisten: Da es den Sicherheitsbehörden oft nicht auffällt, dass Jugendliche in das dschihadistische Milieu abrutschen, reisen diese oft unbemerkt in die Lager der El Kaida in Pakistan oder im Jemen.
Haben sie aber erst eine terroristische Ausbildung durchlaufen, sind sie ungleich gefährlicher als die meist dilettantischen Unabhängigen. Nimmt man dann noch zur Kenntnis, dass die Zahl vor allem aus Deutschland stammender Freiwilliger in den Trainingslagern der El Kaida und ihrer Verbündeten seit 2006 sprunghaft gestiegen ist, wird das Ausmaß der Gefahr deutlich. Vieles spricht deshalb dafür, dass die von El Kaida und Co. für Deutschland ausgehende Gefahr noch einige Jahre fortbestehen wird.






















