Manche politische Auseinandersetzungen nehmen einen Verlauf, der zu merkwürdigen Widersprüchen führt, die aber offenbar nur wenigen auffallen. Als Griechenland in die selbst verschuldete Finanzkrise geriet, nachdem Zahlen gefälscht worden waren, und das politische System über ein Jahrzehnt hinweg Fehlentwicklungen im Steuer- und Sozialsystem hingenommen und verschleiert hatte, kam auch die Forderung auf, Griechenland aus der Euro-Zone auszuschließen. Diesem wurde mit dem Argument begegnet, dass Griechenland dann schließlich auch aus der Europäischen Union austreten müsste und damit der ganzen Europäischen Union der Verfall drohe.
Da reibt man sich die Augen
Nach dem Euro-Gipfel, als Großbritannien sich der Zustimmung zur Fiskalunion verweigerte, wurden Stimmen laut, die geradezu beiläufig erklärten, die EU könne auch ohne Großbritannien auskommen. Die Mitgliedschaft Großbritanniens in der Europäischen Union wurde zum Teil von denselben Kommentatoren infrage gestellt, die die Forderung nach einem Ausschluss Griechenlands aus der Euro-Zone kategorisch abgelehnt hatten. Da reibt man sich die Augen. Die Euro-Zone soll nicht ohne das 10,7 Millionen Menschen starke Griechenland mit einem BIP von 230 Milliarden Euro auskommen können, aber die EU soll auf Großbritannien mit 61 Millionen Einwohnern und einem BIP von umgerechnet 2,1 Billionen Dollar verzichten können?
Sicherlich ist Großbritannien kein leichter Verhandlungspartner, aber niemand kann den Briten vorwerfen, dass sie die Verträge, die sie unterschrieben haben, nicht einhalten würden. Großbritannien ist in der Umsetzung der einmal eingegangenen Verpflichtungen sehr viel zuverlässiger als andere Euro-Staaten, die ihre Zustimmung bereitwillig erteilen, aber sich weniger um die Einhaltung der eingegangenen Verpflichtungen kümmern. Die Briten stellen die bisherigen Verträge auch nicht infrage. Sie haben lediglich abgelehnt, noch mehr Souveränitätsrechte abzutreten, wozu sie durch die bisherigen Verträge auch nicht verpflichtet sind und was der Mehrheitsmeinung in der britischen Bevölkerung entspricht.
Vorbild Großbritannien
Großbritannien besaß schon ein parlamentarisches System, als auf dem Kontinent noch absolutistische Monarchen regierten. In keinem Land in Europa waren Rechtsstaat, Bürger- und Eigentumsrechte früher entwickelt und ausgeprägter. Die Magna Charta ist so etwas wie die Geburtsurkunde der modernen Demokratie im nachantiken Europa. Die Industrialisierung und die Freihandelsbewegung gingen von Großbritannien aus. Adam Smiths „Wohlstand der Nationen“ beeinflussten die Stein-Hardenberg’schen Reformen ebenso wie die französischen Liberalen wie Jean-Baptiste Say und Frédéric Bastiat. Großbritannien war jahrhundertelang Garant des politischen Gleichgewichtes und verteidigte die Freiheit Europas gegen die Hegemonie Napoleons ebenso wie gegen die Herrschaft Hitlers. Großbritannien ist zudem politisch eine unverzichtbare Brücke für das transatlantische Bündnis. Dieses Bündnis war für den Frieden in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg der wichtigste Pfeiler und von diesem hängt die Handlungsfähigkeit des Westens noch heute ab. Welche Definition man auch immer Europa zugrunde legen mag, eine Definition, in der Großbritannien nicht vorkommt, ist historisch, politisch und kulturell absurd.




















Geehrter Herr Bökenkamp,
kaum einer will GB aus der EU “ausschließen”, die Frage lautet: geht es mit einem “Mitglied”, das immer den Fuß in der Tür hält und über Jahrzehnte politische Entwicklungen aus chauvinistischen Gründen blockiert?
Europa hat eine ideale und eine prakt. historische Komponente. Ideal wäre ein England, das in der EU produktiv und in Verantwortungsübernahme mitwirkt. Medizinisch praktisch kann eine Amputation zwar gegen das Schönheitsideal sein, jedoch ggfs. lebenserhaltend.
Fazit: GB muss sich entscheiden.
Ohne das Inselreich geht es nicht – das zeigt schon ein Blick in die Geschichte.
-———Das bezweifle ich. Es geht alles weiter , keiner ist so wichtig, als dass er uunabkömmlich wäre.
Geht England raus, dann eben ohne England.
England ist doch sowieso ein kleiner , aber eigensinniger Kontinent für sich, eine Insel der Glückseligen. Die haben schon immer ihr Ding gemacht und werden es weiter tun-(vorwiegend mit den USA zusammen). Also, was solls. Ich sehe das nicht so dramatisch.
Die Anfänge von Europa waren wesentlich stabiler als jetzt dieses Monsterreich. Zuviele Staaten kann man eben nicht mehr unter einen Hut bringen. Ein Sizilianer und ein Engländer z.B. sind nun mal grundverschieden.
Was die Geschichte betrifft: Alle Großreiche sind zerfallen. Auch Europa wird keine endlose Ausdehnung vertragen und es blüht das gleiche Schicksal. Das wird doch letztlich angestrebt- ein “GROßREICH EUROPA”
Wozu soll das gut sein—Macht über die Welt auszuüben- zu domminieren? Das ist in meinen Augen der alte ,wiederaufkommende Größenwahn. Und dieser ist uns allen in der Geschichte noch nie gut bekommen.