Wir sollten uns nicht von Größe, sondern von Komplexität beeindrucken lassen. Martin Rees

Arbeit am Menschen

Produktive Arbeit muss mehr sein als Arbeit in der Produktion – wenn wir uns an diesem simplen Grundsatz orientieren würden, wären wir einen guten Schritt weiter. Wir müssen endlich das Primat des Kulturschaffens in den Mittelpunkt der Arbeit stellen.

Unsere Gesellschaft braucht stetig neue Impulse, um auf die sich unablässig wandelnden Verhältnisse angemessen reagieren zu können. Je stimmiger und abgestimmter Konzepte und Maßnahmen in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft sind, desto erfolgsversprechender lässt sich die Gegenwart meistern. Wenn es aber darüber hinaus um die Gestaltung einer Zukunft gehen soll, bedarf es neuer Methoden, die anders sind als diejenigen, die Weltkriege und globale Krisen nicht verhindern konnten. Die neuen Methoden sind uns seit Langem bekannt, wir verrennen uns nur immer wieder bei der Anwendung der Überkommenen.

Primat des Kulturschaffens

Wer sich zunächst einmal bewusst gemacht hat, dass jede volkswirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Leistung nur im Kontext der jeweiligen Kultur möglich wird, dass jede Leistung auf den Schultern der jeweiligen Kulturgemeinschaft erbracht wird, der erkennt, dass die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftslebens, unserer Wissenschaftseinrichtungen und nicht zuletzt unseres politischen Systems nur in einer Gesellschaft möglich ist, die bis in die äußersten Winkel vom Primat des Kulturschaffens durchdrungen ist. Ich meine hier keine Feuilletonkultur, sondern die Anwendung künstlerischer Gestaltungsprinzipien bei der Bewältigung aller Fragestellungen und Aufgaben. Produktive Arbeit muss mehr sein als Arbeit in der Produktion, der Transfer vom Naturgut zum Kulturgut muss die kulturellen Errungenschaften, wozu ästhetische Errungenschaften ebenso gehören wie soziale, in sich tragen. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass sich die Menschen die Erde untertan machen sollen, ohne diese zu zerstören.

Wer sich im Zuge der zunehmenden Arbeitsteiligkeit nur noch um die produktiven Aspekte der Arbeit kümmert und die reproduktiven Motive gewollt oder ungewollt verdrängt, der leistet Unzureichendes. Industrialisierung und Arbeitsteilung haben dazu geführt, dass sich unser Arbeitsbegriff verengt hat. Politiker, Ökonomen, Manager und Medien definieren heute Arbeit als weisungsgebundene, sozialversicherungspflichtige Erwerbsarbeit. Wer keiner Erwerbsarbeit nachgeht, gilt als „arbeitslos“, obwohl es sich in Wirklichkeit doch um „Einkommenslosigkeit“ handelt. Kein bildender Künstler, der noch über eine einzige Tube Farbe und ein Stück Leinwand verfügt, würde sich dagegen als arbeitslos empfinden. Uns geht die bildende Arbeit nicht aus, wohl aber die Arbeit an der Materie, die wir mehr und mehr durch geeignete Methoden und Maschinen erledigen lassen. Wir profitieren davon, dass zahlreiche Menschen früher und heute ihren kreativen Geist auf Arbeit angewendet haben und anwenden, sodass wir mit immer weniger physischem Aufwand immer mehr produzieren können.

Mangel bei der Arbeit am Menschen

Eine Abkehr vom eingeengten Arbeitsbegriff liegt eigentlich auf der Hand. Stattdessen bleibt es beim fatalen Dogma, Erwerbsarbeitsplätze um jeden Preis erhalten zu wollen. Während uns bei der Veredelung von Naturgütern die Arbeit ausgeht, erleben wir einen immensen Mangel bei der Arbeit am Menschen und für den Menschen. Ein Blick in unsere Kindergärten, Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Pflegeheime und Hospize reicht aus, um die Versäumnisse zu erkennen, die wir uns in diesen Bereichen leisten. Die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft entscheidet sich eben nicht in den Fertigungsstätten für Verbrauchs- und Gebrauchsgegenstände, sondern in den Bildungseinrichtungen und in allen Bereichen, in denen es um menschliche Zuwendung geht. Wenn wir in die Zukunftsfähigkeit unserer Gemeinschaft investieren wollen, dann dürfen wir nicht nur in die Ausbildung unserer Kinder investieren, sondern auch in deren Herzensbildung.

Hierfür müssen wir einen Denkirrtum ausräumen: Den Irrtum, dass eine Investition sich rechnen muss. So viele Generationen zuvor haben ihren Blick auf die Produktionsarbeit und deren effiziente Gestaltung sowie die materielle Bewertung der geleisteten Arbeit fokussiert, dass wir bei der Definition der Lernziele für Kinder und Jugendliche nur noch diese Maßstäbe ansetzen. Doch bei der Arbeit am Menschen geht es um mitmenschliche Zuwendung, um Großzügigkeit, um emotionale Zuwendung, um die Pflege des Miteinanders, also auch um die Pflege derjenigen, die der Zuwendung bedürfen. Kulturarbeit können wir nur ermöglichen, wir dürfen hier nicht absehen wollen, wann und in welcher Weise sich eine Investition amortisiert. Kulturarbeit ist letztendlich die Entfaltung der sozialen Kunst.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Patrick Spät, Hugo Müller-Vogg, Rainer Nahrendorf.

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