In der letzten Woche wurde wieder “die Bildung bestreikt”. Wie schon dieser Ausdruck zeigt, bleibt das Ziel des Streiks im Dunkeln. Forderungen wie die Abschaffung des Bologna-Prozesses, die Abschaffung der Zulassungsbeschränkungen wie auch der Exzellenzinitiative bleiben nur dürftige realitätsferne Parolen. Die Diskussion über eine Reform der Reform des Bologna-Prozesses – also der Umstellung auf Bachelor/Master-Abschlüsse – ist berechtigt: Statt sich aber hierauf zu konzentrieren und an Lösungsvorschlägen mitzuarbeiten, begnügen sich die Organisatoren des Bildungsstreikes mit einer bequemen Fundamentalkritik ohne konkrete Ziele. Auf diese Fundamentalkritik kann die Politik, können die Hochschulen, können alle Beteiligte bequem reagieren: mit Verständnis.
Verantwortliche fordern Protest
Wir brauchen aber kein Verständnis. Wir brauchen an erster Stelle eine Zielvorstellung, was unsere Hochschulen leisten sollen und wie sie es leisten können. Die berechtigte Debatte über die Umsetzung des Bologna-Prozesses zeigt diesen Mangel deutlich: Alle Verantwortlichen zeigen Verständnis oder fordern gar mehr Protest. Dies stellt die Diskussion endgültig auf den Kopf. Von Verantwortlichen wie insbesondere der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und dem Deutschen Hochschulverband (DHV) erwarten wir Lösungen und nicht die Ermunterung zu weiteren Protesten oder nichtssagendes Verständnis für den “Bildungsstreik”.
Dass die HRK und der DHV sich nicht selbst in der Verantwortung sehen, sondern als “Opfer” des Bologna-Prozesses fühlen, obwohl der Prozess von jeder Hochschule selbstständig umgesetzt wird, ist ein Zeichen mangelhafter Zuordnung von Verantwortung im Hochschulsystem. Natürlich haben Hochschulleitungen und Professoren nicht absichtlich den Misserfolg der Bologna-Reform gesucht. Sie sind sogar in gewissem Umfang durchaus “Opfer” der nicht funktionierenden Organisationsstrukturen unserer Hochschulen. Doch stellt sich die Frage, inwieweit es in den jetzigen Strukturen überhaupt möglich ist, eine grundlegende Reform zum Erfolg zu führen.
Amerikanische Universitäten als Vorbild
Wenn wir erfolgreiche Hochschulen schaffen wollen, müssen wir endlich neue Organisationsstrukturen schaffen. Der Hochschulbetrieb mit oftmals mehr als 30.000 Beteiligten erfordert moderne Managementstrukturen und dafür speziell ausgebildete Fachkräfte. Vorbildlich sind hier die großen amerikanischen Universitäten, welche eigene Ausbildungs- und Studiengänge für das Wissenschafts- und Hochschulmanagement seit Jahrzehnten anbieten. Für die heutige Massenuniversität, die zudem in einem hochkarätigen internationalen Wissenschaftswettbewerb steht, reicht unsere “laienhafte”, von Gremiensitzungen überladene Organisationsform nicht mehr aus. Die akademische Selbstverwaltung muss lernen, eine neue Rolle zu übernehmen, z. B. vergleichbar mit dem Aufsichtsrat eines Großunternehmens.
Nur ein effizient organisiertes System ist auch sozial. Denn wenn knappe Ressourcen durch schlechte Organisation verschwendet werden, schwinden auch die Möglichkeiten für Forschung und Lehre sowie der individuellen Förderung des Studierenden. Diese Ressourcen aber brauchen wir für eine hochkarätige Wissenschaft. Nur dann kann es uns gelingen, mit der internationalen Elitebildung Schritt zu halten und zugleich die soziale Durchlässigkeit unserer Gesellschaft mithilfe von guten Betreuungsverhältnissen sicher zu stellen. Die Forderung im 21. Jahrhundert muss lauten: Nicht bequem auf Humboldt verweisen, sondern Humboldt neu denken!
Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Martin Lätzel, André Stern, Helmut Anheier.




















