Skeptiker sind Mörder. Peter Singer

„Ich bin eher der Typ erhobener Mittelfinger“

Der frühere Joint-Venture-Sänger Götz Widmann ist seit mehr als 15 Jahren auf den Bühnen der Nation unterwegs. Im Interview mit The European spricht er über sein neues Programm, die Thesen von Thilo Sarrazin und die Rolle des Politischen in seiner Musik. Das Gespräch führten Martin Eiermann und Florian Guckelsberger.

The European: Herr Widmann, Sie sind seit 1993 im Musikgeschäft. Zuerst mit Joint Venture, jetzt solo. Spielen Sie inzwischen vor Greisen?
Widmann: Überraschenderweise ist das Publikum immer noch auf der gleichen Altersstufe wie damals, als ich angefangen habe. Ich war vor Kurzem bei einem Konzert von Konstantin Wecker, da war ich beinahe der Jüngste. Bei meinen eigenen Konzerten bin ich regelmäßig einer der Ältesten. Allerdings kommt es in der letzten Zeit auch schon vor, dass mehrere Generationen zu den Konzerten kommen: Eltern mit ihren erwachsenen Kindern. Das ist eine Entwicklung, die mir sehr gut gefällt.

The European: Was sprechen Sie in diesen Zuhörern an?
Widmann: Das weiß ich selber nicht so genau. Die ganzen alten Lieder habe ich geschrieben, als ich Ende 20 war. Die sprechen dann wohl auch eine Generation an, die in dem gleichen Alter ist. Und beim älteren Publikum merkt man schon, dass die tendenziell eher zu Veranstaltungen gehen, die sie aus dem Fernsehen kennen.

“Je flacher, desto erfolgreicher, das ist doch blöd”

The European: Und im Fernsehen läuft nur Schund?
Widmann: Ja, diese ganzen Comedians.

The European: Ihre Musik geht oftmals in eine eher ernste Richtung …
Widmann: Ich verbiete mir das zumindest nicht. Momentan bin ich mit einem Programm voller ernster Lieder unterwegs. Das heißt “Balladen”, da spiele ich die ganzen leisen Lieder, die sonst im Konzerttrubel untergehen würden. Lange Lieder, zerbrechliche Lieder, da habe ich ein Programm draus gebastelt und gehe damit den ganzen Herbst auf Tour. Ich finde es richtig, dass man der allgemeinen Bespaßungsmentalität auch mal was entgegensetzt. Je flacher, desto erfolgreicher, das ist doch blöd.

The European: Spiegelt sich da auch ein Zeitgeist wider? Gegen den Hedonismus und die Heiterkeit der 90er-Jahre, wieder mit einem Blick für ernstere Themen?
Widmann: Meine Beobachtung ist, dass das kulturelle Leben immer flacher wird. Dinge mit Tiefgang haben es heute schwerer als früher. Alles wird eher musikalisiert und komödialisiert, es geht nur noch ums Geld. Die ganzen schaffenden Künstler verwenden einen Großteil ihrer Energie darauf, möglichst viele Menschen zu erreichen. Das Credo ist Quote, Quote, Quote. Ich bin da ganz dankbar, dass das Fernsehen nie etwas von mir wollte.

The European: Sie haben viele politische Texte geschrieben. Spielen Sie, um zu unterhalten oder um zu verändern?
Widmann: Ich bin mir natürlich der Grenzen des Einflusses bewusst. Ich glaube nicht daran, mit einem Lied die Welt zu verändern. Aber man kann ja trotzdem versuchen, etwas Denken anzustoßen. Nur wenn die Leute dann am nächsten Tag um neun Uhr wieder im Büro sitzen und ihren Chef ertragen müssen, haben die viel davon schon wieder vergessen.

“Ich habe meinen kulturellen Beitrag zum Thema Cannabis-Legalisierung geleistet”

The European: Heute ist Kiffen kein Grund für Enterbungen mehr, die Eltern oder auch die Politik haben dafür durchaus Verständnis. Mission erfüllt?
Widmann: Ich habe meinen kulturellen Beitrag zum Thema Cannabis-Legalisierung geleistet; das ist nicht mehr mein Fokus. Aber die Mission ist doch keineswegs erfüllt. Cannabis hat immer noch nicht den Stellenwert anderer legaler Rauschmittel wie Alkohol, Nikotin oder Koffein. Da soll es aber eigentlich hin. Immer noch ist die Gesellschaft leider so dumm, auch das Steuerpotenzial einer Legalisierung nicht auszunutzen.

The European: Noch ein wenig aktuelle Politik. Scheinbar jeder im Land hat sich berufen gefühlt, etwas zu Sarrazins Äußerungen zu sagen.
Widmann: Ich habe Sarrazins Buch nicht gelesen, sondern nur den ganzen Qualm drum herum wahrgenommen. Aber wenn man ein solches Amt hat wie Sarrazin, dann muss man mit solchen Thesen vorsichtig sein. Da hält man auch besser mal das Maul, macht seinen Job und profiliert sich nicht so dämlich mit irgendwelchen populistischen Äußerungen. Ich finde das sehr instinktlos. Natürlich muss die Gesellschaft beim Thema Zuwanderung auch einen gesunden Egoismus an den Tag legen. Wie kann man Migration so gestalten, dass es die Gesellschaft weiterbringt? Da geht es aber eher darum, zu überlegen, wie Migranten uns helfen können. Manchmal glaube ich, Migranten sind die Einzigen, die noch arbeiten.

The European: Sie haben das Recht auf Arbeitslosigkeit besungen …
Widmann: Ja, als visionärer Traum einer Zukunft, die hoffentlich einmal kommt.

“Ich spiele auch für die Politik”

The European: Sie wären also für ein bedingungsloses Grundeinkommen?
Widmann: Da wäre ich schon dafür. Das sollte ein Ziel sein, das man dann stufenweise zu erreichen versucht.

The European: Vermissen Sie solche Diskussionen in der aktuellen Popkultur?
Widmann: Das ist ein Phänomen unserer Zeit. Ich bin ja auch kein wahnsinnig politischer Künstler. Wenn ich mich zum Schreiben hinsetze, will ich ein gutes Lied machen. Das kann ein Liebeslied sein, über eine völlig durchgeknallte Nacht oder auch über politische Themen.

The European: Dabei schwingt schon viel Politisches in Ihren Texten mit.
Widmann: Im Grunde ist ja jede Äußerung politisch, wenn man die Definition nur weit genug ansetzt. So kommt das dann auch in meine Kunst. Ich habe da aber noch nie Schwierigkeiten bekommen, im Gegenteil. Als Künstler kann es ja auch von Vorteil sein, sich politisch zu äußern. Dann freuen sich die Leute, die der gleichen Meinung sind. Ich spiele ja auch für die Politik: Bei den Grünen, ich habe auch schon für die SPD und die Linkspartei gespielt. Ich denke mir immer, ich würde bei jeder Partei spielen, solange ich sagen darf, was ich will. Wenn man schon Lieder schreibt, die verändern wollen, dann wäre es ja dumm, es anders zu machen. Das ist teilweise bei mir der Fall. Wenn man dann die Chance bekommt, das Maul aufzumachen, dann sollte man es auch tun. Ich würde mich nicht im Wahlkampf vor den Karren spannen lassen und von der Kanzel singen, das fände ich falsch. Aber so ein bisschen vor zukünftigen Regierungsmitgliedern spielen, warum nicht? Backstage gibt es Bier und die Gage stimmt auch.

“Es wäre nett, die Dummheit auszurotten”

The European: Wächst da etwas nach? Es gab ja eine ganze Generation, die mit sehr obrigkeitskritischer Musik aufgewachsen ist: von Rio Reiser, Wolf Biermann, den ganzen Liedermachern.
Widmann: Zumindest drängt sich der Eindruck nicht auf, dass die Musik ins Politische driftet. Diese Liedermachergeneration politisiert auch nicht mehr so stark wie die vorhergehende. Aber wenn ich mir die alten Dinger anhöre, finde ich das manchmal ganz schön eindimensional. Da wurden in den 70erJahren die Inhalte der Lieder oft nicht hinterfragt. Damals musste man ja fast politisch sein, um gehört zu werden. Aber das hatte dann auch schnell so ein Pathos und Duktus, einen erhobenen Zeigefinger. Ich bin eher der Typ erhobener Mittelfinger. Das macht mir auch mehr Spaß. Es ist schwer, die Leute heute mit Parolen zu erreichen. Es geht nicht darum, ihnen etwas zu sagen, sondern darum, zum Denken anzuregen.

The European: Worüber sollten wir uns denn Gedanken machen?
Widmann: Über viele Dinge. Es wäre nett, die Dummheit auszurotten. Aber das wird wohl ohne genetische Manipulationen nichts.

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